Glaube aktuell (18.09.06)

 

Ankunft

Klaus Nagorni
Klaus Nagorni

Die Ferien sind zu Ende: in den Läden wimmelt es wieder vor Schülerinnen und Schülern die ihren Schulbedarf einkaufen. Viel zu schnell ist der Urlaub vergessen, der Alltag hat sie wieder. Auch für die meisten Erwachsenen ist jetzt wieder der Zeitpunkt gekommen, an die Arbeitsstelle zurückzukehren: Viele machen genau da weiter, wo sie aufgehört haben, die alltägliche Routine hat sie wieder, sie geben ihr Bestes und versuchen das Beste draus zu machen... der Urlaub war nur eine kurze Unterbrechung, jetzt gilt es wieder voranzukommen und sich im harten Geschäftsleben zu bewähren. Oder geht es auch anders?

Gedanken von Klaus Nagorni über die Kunst, in der Gegenwart zu leben:

Leben im Steigerungsmodus oder Leben im Ankunftsmodus – der Soziologe Gerhard Schulze unterscheidet in seinem Buch „Die beste aller Welten“ zwischen zwei Daseinsformen, die er in unserer Gesellschaft be­obachtet.

 

Steigerungsmodus


Wer im Steigerungsmodus lebt, definiert sich über die Frage: „Was kann ich?“ Ihn zeichnet das Streben nach immer mehr und immer Neuem aus: immer höheren Erträgen, immer perfekteren Produkten, immer neuen Reizen.

 

Ankunftsmodus


Für den, der im Ankunftsmodus lebt, ist eher die Frage wichtiger: „Wer bin ich?“ Im Vordergrund steht hier etwas anderes: die Begegnung mit anderen Menschen. Das Gestalten und Erhalten dessen, was da ist, und nicht erst errungen werden muss. Eine Lebenskunst, die den Reiz des Alltäglichen entdeckt. Die Frage auch, wie wir unser Innenleben gestalten und das anderer wahrnehmen.

Denn, so behauptet der Soziologe, der Bedarf an gegenseitiger Zuwendung ist groß. „Liebesbedürftig, voll Neugier aufeinander“, so schreibt er, „süch­tig auf Gespräche, tröstbar durch Zuspruch, glücklich zu machen durch Anlehnung und Berührung, sind wir darauf angewiesen, dass andere Tätigkeiten in uns investieren.“

 

Immer mehr?


Wie bearbeiten wir diesen Mangel – durch Steigerung oder durch An­kommen? Das biblische Gleichnis vom reichen Kornbauern, der dem Mo­dus der Steigerung verfallen war, fällt mir ein. Seinen Gewinn, den er mit seinen reichen Ernten machte, investierte er nur in Sachen, nicht in Men­schen. Statt andere teilhaben zu lassen an seinem Glück, war er unersätt­lich in der Gier nach immer größeren Scheunen. Steigerung statt Ankunft!

"Genüge haben, wie Jesus es meint, hat damit zu tun, dass ich den Reichtum entdecke von dem, was mir an Fähigkeiten anvertraut ist. Und von dem, was andere mir an Zuwendung entgegenbringen."

Von Jesus ist das Wort überliefert: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben können“. Genüge haben, wie Jesus es meint, hat damit zu tun, dass ich den Reichtum entdecke von dem, was mir an Fähigkeiten anvertraut ist. Und von dem, was andere mir an Zuwendung entgegenbringen.

 

Ankommen in meiner Gegenwart


Ich muss nicht ständig über mich hinauswachsen. Sondern darf ankommen in meiner Gegenwart, die beides bietet: manchen Mangel, aber auch manchen Reichtum und manche Fülle. Es ist meine Gegenwart, von der Jesus in der Bergpredigt sagt: „Sorgt Euch nicht um den morgigen Tag! Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Mühe hat.“

So möchte ich diese Tage beginnen – gelassen und heiter, aufmerksam und achtsam für alles, was sie bringen mögen.


Von Klaus Nagorni
Aus "Wort zum Tag" vom 30.8.2006 im SWR 2, mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

 

Akademiedirektor Klaus Nagorni (Evangelische Akademie Baden)