Glaube aktuell (11.09.06)

 

Wort-Raum-Fenster

Kapelle

Kapelle

Meditation zu den neuen Fenstern in der Kapelle des Moratahauses
von Prof. Dr. Ingrid Schoberth

Bei meinem ersten Betrachten der Fenster habe ich Entdeckungen gemacht mit dem Wort, das sich  in den Fenstern eingelassen findet; eingelassen in klar schimmerndem Material: die Stäbe geben den Blick auf die Verse frei.
Die einzelnen Stäbe der Fenster fassen das Wort: Gottes Wort, wie es in der Heiligen Schrift überliefert ist:

Heiliges Wort
Heilige Fenster vielleicht
Fenster in Heiligem Raum
Fenster in Zweisprache mit dem, was hier gesprochen, gepredigt, verkündigt, gedacht wird
Wort-Raum-Fenster – und doch in sich das Heilige –  das Wort tragend

Das Wort begegnet auf den Fenstern – nicht auf Buchseiten – lichtdurchflutet am Tage durch die Stäbe – bei Nacht, geheimnisvoll anmutend, durch die vorbeifahrenden Lichter der Autos, die blitzartig Worte und Wortfragmente freisetzen.

Kunstwerke, wie unsere neuen Fenster, sind nicht fertig, wenn sie ausgeliefert werden, an den richtigen Ort angebracht werden, wenn sie den Raum ergreifen, der für sie gedacht ist – das weiß auch der Künstler. Kunstwerke – die Wort-Raum-Fenster – leben davon, dass sie erst im Betrachter fertig werden; bei jedem ein bisschen anders, bei jedem mit seinem besonderen, eigenen Blick. Wort, das in sich bewegt ist, tut sich auf:

Es ist in sich bewegtes Wort: Vor den Fenstern beginnt man sich hin und her zu bewegen – um die Schrift zu entschlüsseln: das Wort kommt als bewegtes Wort auf mich zu. Bringt den Leser leibhaftig in Bewegung: ist es nicht auch so beim Lesen in der Bibel?

Bewegtes Wort aus dem Johannesevangelium:
Hören sie die Texte, die auf den Fenstern stehen:
Ich bin das Brot des Lebens – Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
Ich bin das Licht der Welt – Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
Ich bin der gute Hirte Ich bin die Tür – Und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich. Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.
Ich bin die Auferstehung und das Leben – Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt: und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben – Niemand kommt zum Vater denn durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen.
Ich bin der Weinstock – Ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.

Eine Spannung zwischen Verstehen und Nicht-Verstehen tut sich auf – der ästhetische Ausdruck der Fenster lässt beides deutlich werden; Wort, das mir nahe kommt; Wort, das sich mir eröffnet aber auch Wort, das sich mir entzieht, sich nicht aufschließt, Zeit braucht:

Hin- und Herbewegen unter dem Wort
In Zweifel Ziehen des Wortes
Suchen und Finden im Wort
Verstehen und Nichtverstehen des Wortes
Hoffen und Bangen im Wort

Das in sich bewegte Wort bewegt mich: Führt mich in Räume, lässt mich nicht unbewegt sein, sondern bringt mich in Bewegung, ganz leibhaftig im Wort-Raum-Fenster. Das in sich bewegte Wort bewegt mich, zieht mich zu sich – im Wort-Raum-Fenster:
es bewegt mich, ganz leibhaftig, bewegt mich hin zu heilsamen Leben; es zieht das Herz im Wort zu Gott hin; lässt mich Kind und Erbe des Wortes sein.

BROT
LICHT
HIRTE
TÜR
AUFERSTEHUNG
LEBEN
WEG
WAHRHEIT
LEBEN
WEINSTOCK

GROSSE Worte der Verheißung heilsamen Lebens aus Christus.

In diesem Sinne ziehen uns die neuen Wort-Raum-Fenster zum Wort, lassen uns in der Bewegung dem Wort innewerden, das heilsam unser Leben umfängt und trägt. Darum sind diese Fenster am richtigen Ort, Raum, der im Wort geheilig wird.

Wort-Raum-Fenster / Fenster-Raum-Wort / Wort-Fenster-Raum

In der Kapelle des Evangelischen Studienseminars Morata-Haus wurden Fenster des Künstlers Wladimar Olenburg/ Bad Wildungen installiert. Bei einem festlich gestalteten Abend am 24. März hat Prof. Ingrid Schoberth, Prodekanin der Theologischen Fakultät Heidelberg, dem Kreis der gespannt lauschenden Gäste die Dynamik der Fenster erschlossen und zusammen mit Stefan Göttelmann, Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik, durch dessen zugeordnete Improvisationen an der Orgel der Firma Jäger&Brommer den Raum zum Klingen gebracht.

Lesen Sie dazu auch den Bericht: "Mehr als ein schöner Raum" - Neue Kapellenfenster im Morata-Haus (ekiba aktuell 06.09.06)