Glaube aktuell (28.08.06)

 

Aufbruch

Klaus Nagorni
Klaus Nagorni

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Behauptet jedenfalls das Sprich­wort. Genau genommen beginnt eine Reise viel früher. Sie beginnt mit dem Abschiednehmen. Lange bevor ich den ersten Schritt tue, habe ich Gedanken und Überlegungen angestellt über die Vorkehrungen, die zu tref­fen sind. Auch über das, was ich zurücklasse. Ich weiß, von vielem werde ich mich trennen müssen.

Kein Abschied ist darum leicht. Immer bleibt etwas oder jemand zurück. Ein Mensch, der mir lieb ist. Eine Familie, die wartet. Ein Haus, das mir Geborgenheit spendet.

 

Freiwillige und unfreiwillige Abschiede


Manchmal ist der Abschied erzwungen durch veränderte Lebensumstände. Ich kann nicht bleiben. Ich muss mich von Gewohntem trennen. Vielleicht auch von einem Menschen, der mich bislang durchs Leben begleitet hat. Oder aber ich muss selbst gehen. Ich muss mich verändern. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Andere Abschiede sind freiwillig. Eine lange geplante Reise steht an. So wie die, die der Journalist Wolfgang Büscher in seinem Buch „Berlin – Moskau. Eine Reise zu Fuß“ beschrieben hat. Von Berlin nach Moskau, zu Fuß auf den Spuren des Großvaters, der diesen Weg einige Jahrzehnte zuvor auch schon gemacht hatte. Allerdings nicht als Tourist, sondern als Soldat.

Schon der erste Satz ist vielversprechend: „Eines Nachts“, so beginnt die Geschichte, „als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los, so geradeaus wie möglich nach Osten“. Ein spannender Reisebericht ist es, voll von Begegnungen guter und böser Art, freund­lichen und gefährlichen Menschen unterwegs.

Ich denke an die weite Reise des Abraham, wie sie im Buch Genesis des Alten Testaments beschrieben wird. Auch dieser Ab­schied war schwer. Eine Reise ohne Rückfahrkarte. Wie wird es Abraham ergangen sein, als Gott ihn heraus­rief aus seiner vertrauten Umgebung?

Heute – in der Rückschau – liest sich die biblische Geschichte leicht und flüssig. Was aber hat dahinter gestanden – an inneren und äußeren Kon­flikten, an Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der übrigen Fami­lie?

 

Gehen im Segen Gottes


Abschied nehmen ist schmerzlich. Es geht nur, wenn man Vertrauen hat. Abraham legt sein Schicksal in die Hand Gottes. Er vertraut der Stimme, die zu ihm sagt: Geh aus deinem Vaterland und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus, in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.

"Am Anfang steht die Zukunft da wie eine undurchsichtige Wand. Und der Weg, der sich abzeichnet, hat ganz und gar nichts Verlockendes."

Gehen im Segen Gottes! Manchmal weiß man erst hinterher, wohin einen die Aufbrüche im Leben führen. Am Anfang steht die Zukunft da wie eine undurchsichtige Wand. Und der Weg, der sich abzeichnet, hat ganz und gar nichts Verlockendes.

Traue ich mir dann zu loszugehen so wie Abraham? Traue ich mir zu, zu vertrauen in die Stimme, die mir verspricht, dass ganz da vorne, hinter dem Horizont, ein Platz liegt, wo ich leben kann? Vielleicht nicht gerade das gelobte Land, aber ein Fleckchen Erde, das auf mich wartet?

 

Am Ende steht eine Ankunft


Reisen bringt Erfahrung. Auch der Glaube ist eine Reise. Um Glaubens­erfahrungen zu machen, müssen wir losgehen. Nur wer sich auf Fahrt be­gibt, kann die Erfahrung machen, dass Glauben trägt. Dass jeder Weg eine Verheißung hat. Dass am Ende eine Ankunft steht.

An den Schluss seines Reiseberichts hat der Schriftsteller Wolfgang Büscher eine Danksagung gestellt. „Am Ende meines Weg nach Mos­kau“, schreibt er, „standen einige Engel. Vor ihnen verneige ich mich für Hilfe jeder erdenklichen Art.“ Nein, so etwas weiß niemand von Anfang an. Das stellt sich erst im Rückblick heraus.

"...voller Vertrauen darauf, dass am Weg ein Engel steht oder manchmal auch mehrere. Dass mein Weg ein begleiteter Weg ist. Weil der Segen Gottes mitgeht."

Um das zu erfahren, muss man losgegangen sein – hinein in die Ungewiss­heit. Aber doch voller Vertrauen darauf, dass am Weg ein Engel steht oder manchmal auch mehrere. Dass mein Weg ein begleiteter Weg ist. Weil der Segen Gottes mitgeht. So kann aus einem Abschied ein Aufbruch werden. Ein Aufbruch zu einer neuen Lebens- und Glaubenserfahrung.

Von Klaus Nagorni
"Wort zum Tag" vom 27.8.2006 im SWR 2, mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

Akademiedirektor Klaus Nagorni (Evangelische Akademie Baden)