Glaube aktuell (23.08.06)
Emmaus ist überall
Jannis Pfeffer und Karl-Heinz Fleckenstein
Die wichtigste Entdeckung
Ausgrabungen in Israel – Neues Licht auf alte Traditionen
Jannis Pfeffer, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei Standpunkte und wohnhaft in Dietlingen, gräbt sich durch die Jahrhunderte: In Emmaus-Nikopolis, dem Ort des nachösterlichen Brotbrechens in Israel. Seit sechs Jahren arbeitet der 17-jährige leidenschaftliche Hobbyarchäologe auf verschiedenen Ausgrabungen der Römer-, Kelten,- und Merowingerzeit unserer Heimat. Nun erhielt er die Chance in Israel zu graben und erlebte völlig neue Eindrücke und sammelte reiche Erfahrungen in der biblischen Archäologie.
In Emmaus-Nikopolis war Jannis an der Grabung beteiligt und hatte das „Archäologenglück“, neben Mosaiken, vielen Glas- und Keramikfragmenten und Öllämpchen als Wichtigstes eine bisher unbekannte byzantinische Zisterne zu finden. Mit einem Fassungsvermögen von ca. 15.000 Litern war sie sehr sorgfältig mit dickem Putz versehen und mit schön bearbeitenden Säulen als Deckenstützen gebaut. „Nebenher“ entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zu dem Grabungsleiterehepaar Archäologe Karl-Heinz Fleckenstein und seiner Frau Louisa. Sie sind seit vielen Jahren in Emmaus und waren vor einigen Tagen zu einem Gegenbesuch bei Jannis in Dietlingen und berichteten über die neuesten Erkenntnisse aus der Grabung.
[1] Auswertung des Entdeckten
Die wissenschaftliche Dokumentation der letzten Kampagnen steht an, und Theologen, Archäologen, Geologen und Anthropologen werden die umfangreichen Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Fleckensteins baten um Unterstützung für die Produktion dieses wichtigen Dokumentes. Ausschließlich von dieser Veröffentlichung hängt ab, ob und wie die Geheimnisse von Emmaus weiter erforscht und ergraben werden können. Denn nur nach erfolgter Veröffentlichung wird vom Staat Israel eine neue Grabungslizenz erteilt. Emmaus birgt noch viele Geheimnisse, unter anderem soll nach alter Tradition, der Tisch, an dem Jesus mit den Jüngern das Brot brach, tief unter der Erde verborgen sein.
„Emmaus ist mehr als ‚nur’ ein historischer Ort: Es ist überall.“
Im Lukasevangelium, Kapitel 24, Verse 13-35, erscheint der Auferstandene zweien seiner Anhänger auf dem Weg von Jerusalem zu dem Dorf Emmaus. Sie erkennen ihn zunächst nicht und laden den vermeintlich Fremden zum Abendessen ein. Beim Brotbrechen erkennen sie ihn. Noch am gleichen Abend kehren sie nach Jerusalem zurück, um die gute Nachricht den anderen Jesusfreunden mitzuteilen. Somit verweist die Geschichte von Emmaus immer dann auf den auferstandenen Christus, wenn irgendwo in der Welt Menschen das Brot brechen und gemeinsam das Mahl feiern. Deshalb ist Emmaus mehr als „nur“ ein historischer Ort: Es ist überall.
[2] Alte Texte in neuem Licht
Tatsächlich führt die älteste Ortstradition nach Emmaus-Nicopolis, rund 23 Kilometer westlich von Jerusalem. Schon im dritten Jahrhundert lokalisiert dort der Theologe Origenes das neutestamentliche Dorf Emmaus. Im 4. Jahrhundert sprechen Hieronymus und der Historiker Eusebius dafür. Weitere Stätten im heiligen Land nahmen für sich in Anspruch, der Ort des biblischen Emmaus zu sein. In der Zwischenzeit ist aber sowohl bei Archäologen wie bei Theologen klar, dass das richtige Emmaus das am Rande der Ayalonebene ist. Somit ist Emmaus einer von fünf im neuen Testament bezeugten Orten, an denen der Auferstandene Christus präsent war.
Seit 1994 finden in Emmaus regelmäßige Ausgrabungskampagnen statt. Entdeckt wurden in Emmaus versiegelte Gräber aus dem 2. bis 4. Jahrhundert mit einzigartigen Grabbeigaben wie goldene Ringe und Ohrringe, Tränen- Parfüm- und Kosmetikgläser.
Die in einer byzantinischen Kirche entdeckten geometrischen Mosaikfragmente geben einen Hinweis auf die Kirche des 5. Jahrhunderts. Das so genannte Wassermosaik aus der gleichen Periode zeigt die Darstellung eines überfließenden Brunnens und eines Kelches, aus dem Vögel trinken. Daneben Fische, ein Stier, der Kopf eines Lammes. Und in der Mitte eine Kyrie Eleison-Inschrift.
„Möglicherweise der erste archäologische Hinweis auf eine antike Tradition, die bei dem Geschichtsschreiber Sozomenes im 5. Jahrhundert erwähnt wird.“
Wenige Meter entfernt tauchte eine in Fels geschlagene, verputzte Wasserzisterne auf. Ein von Menschenhand geschlagenes Loch in einem Felsblock daneben mag auf einen inzwischen versiegten Brunnen oder eine Zisterne hindeuten. Möglicherweise der erste archäologische Hinweis auf eine antike Tradition, die bei dem Geschichtsschreiber Sozomenes im 5. Jahrhundert erwähnt wird. Demnach soll Jesus während seines öffentlichen Wirkens einmal nach Emmaus gekommen und sich dort in der Quelle die Füße gewaschen haben. Seit dieser Zeit sei der Brunnen heilkräftig für Mensch und Tier gewesen, bis im 4. Jahrhundert der gottlose Kaiser Julian Apostata den Brunnen zerstören und zuschütten ließ.
[3] Hauskirche für die Emmaus-Jünger?
Unter der dreischiffigen byzantinischen Basilika sind Mauerzüge eines großen Gebäudes zu erkennen und ein weiteres Mosaikstück mit geometrischen Mustern. Bei dieser Entdeckung drängte sich den Ausgräbern die Frage auf, ob vielleicht zur Erinnerung an die beiden Jünger, die den Auferstandenen an der Geste des Brotbrechens erkannt hatten, ein Memorialbau errichtet worden war.
In der Tat versammelten sich die ersten Christen vorzugsweise an den Orten, an denen Jesus ein Wunder gewirkt, auf die er seinen Fuß gesetzt und wo er als Mensch gelehrt hatte. Sie nannten solche Häuser „domus ecclesiae“, Hauskirche.
Durch Magnetometer-Untersuchungen am südlichen Hang wurden an zwei Stellen Hohlräume unter der Erde geortet. Bei der ersten markierten Stelle entdeckten die Ausgräber eine frühchristliche Begräbnisstätte. Stufen führten hinab. Am Ende ein Rollstein. Die Funde sprachen eine eindeutige Sprache: 31 unversehrte byzantinische Öllampen mit christlichen Symbolen. Die Ausgräber fanden in einer Tiefe von rund vier Metern vier unberührte Ossuarien: Wenn jemand damals verstarb, wurden nach einem Jahr die Gebeine aus dem Felsengrab herausgenommen und in solchen steinernen Gebeinkästen ein zweites Mal beigesetzt. In unmittelbarer Nähe dieser Ossuarien lagen acht unversehrte herodianische Öllampen. Alles mögliche Indizien für eine frühe christliche Gemeinde von Emmaus, die im Glauben an den Auferstandenen, der sich beim Brotbrechen seinen Jüngern gezeigt hatte, dort ihre Toten bestattet hatte.
Rolf Pfeffer
Vortrag zum Thema: 11.10.06 in der Pforzheimer Sonnenhofgemeinde, 20.00 Uhr.
