Glaube aktuell (29.07.06)
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen - Eine Anleitung zur Weltverantwortung
Landesbischof Ulrich Fischer
Zum Lied "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (EG 369)
Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn alle Zeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott dem Allerhöchsten traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.
Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach? (...)
Dass es Sorgen gibt in unserem Leben, ist natürlich. Unerträglich wird es erst dann, wenn wir den Sorgen mit ihrer Last keine Gegengewichte des Vertrauens entgegensetzen können. Um solche Gegengewichte des Vertrauens zu wissen, ist kein menschliches Verdienst, ist nicht Folge besonderer Frömmigkeit, derer wir uns rühmen dürften. Die Gegengewichte des Vertrauens sind gewichtige Geschenke Gottes an uns.
Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt.
Produktives Tätigsein bedarf der Stille. Tätigsein ohne Stille entartet in blinden Aktionismus. Die Brüder von Taizé haben es allen Kommunitäten ins Stammbuch geschrieben: Kampf und Kontemplation gehören wie Zwillinge zusammen: Ohne Kontemplation, ohne das Stillesein, in dem wir uns besinnen auf Gott und seinen Gnadenwillen, können wir die Herausforderungen der Welt nicht bestehen. Und ohne kraftvolles, kämpferisches Handeln verkommt unsere Kontemplation zur frommen Weltflucht. Darum gehören die Tagzeitengebete zu Ihrem tätigen Alltag hinzu - von Anfang an. Nur wer intensiv betet, kann auch konzentriert bauen.
Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.
Wie kraftvoll und doch wie gefährlich missverständlich klingen die Worte der 6. Strophe dieses Liedes. Wie leicht könnte man diese Worte missverstehen als Anleitung, die eigenen Hände in den Schoß zu legen und Gott alles Geschehen dieser Welt zu überlassen. Aber diese Worte erinnern an das Magnificat der Maria, in welcher der Gott besungen wird, der die Hoffärtigen zerstreut, der die Gewaltigen vom Thron stößt, der die Niedrigen erhebt, der die Hungrigen mit Gütern füllt, der die Reichen leer ausgehen lässt. Und dieses Lied ist gerade kein Lied, das zur Untätigkeit anleitet. Vielmehr wird in diesem Lied der weltweite Schrei der von den Reichen und Mächtigen ausgebeuteten Armen klagend vor Gott gebracht! Dem gegenwärtigen Leiden der Armen wird das Glück im Reich Gottes entgegengesetzt. Durch Gottes Gerechtigkeit kommt es zur Umkehrung der gesellschaftlichen Rangordnung. Mit dem „Magnificat“ drückten Maria und alle, die mit ihr dies Lied singen, ihre Hoffnung aus auf Gottes gerechte, verändernde Kraft, ihre Hoffnung auf radikale Veränderung ihrer sozialen Lage. Genau darin ist das „Magnificat“ das Lehrstück für den Lobgesang der christlichen Gemeinde bis heute geworden, ein Lied, mit dem die christliche Gemeinde jeden Tag neu das Anbrechen der Herrschaft Gottes lobend besingt. Deshalb verwundert es nicht, dass das „Magnificat“ in den kirchlichen Tagzeitengebeten, in der sogenannten „Vesper“ seit mehr als 1500 Jahren täglich gesungen wird.
"Dies Lied entfacht eine subversive Leidenschaft für Gerechtigkeit. Es ist ein Lied, das uns lehrt, nach den Wurzeln vieler Übel zu fragen und Armut und Erniedrigung nicht als unveränderliches Schicksal hinzunehmen."
Welch eine Hoffnung liegt in dem Leitmotiv vom gerechten Gott, der die Niedrigen erhöht! Wie hoffnungsvoll stimmt die aus diesem Lied sprechende Option Gottes für die Niedrigen und Armen! Dies Lied entfacht eine subversive Leidenschaft für Gerechtigkeit. Es ist ein Lied, das uns lehrt, nach den Wurzeln vieler Übel zu fragen und Armut und Erniedrigung nicht als unveränderliches Schicksal hinzunehmen. Ein Lied, das uns schützt vor hündischer Kriecherei. Der in diesem Lied beschriebene Umbruch ist darin von allen bisherigen revolutionären Umstürzen der Weltgeschichte unterschieden, dass hier nicht nur Unterdrücker und Unterdrückte ihre Plätze wechseln. Dass Gott die Erniedrigten erhöht, heißt, dass er sie an seiner Herrschaft beteiligt. Gott gibt den Machtlosen Anteil an seiner Herrschaft. Und diese Herrschaft geschieht nicht im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten. So leitet dies Lied geradezu an zur Weltverantwortung.
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.
(...) Folgen Sie der Stimme Ihrer singenden Herzen und folgen Sie der Stimme Gottes. Beschränken Sie sich aber nicht auf das Singen und Beten, sondern suchen Sie im Gehorsam gegen Gottes Gebote auch seine Wege, auf denen Sie gehen können. Dann wird des Himmels reicher Segen auch bei Ihnen neu werden.
Aus der Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zur Eröffnung der „Kommunität Beuggen“ am 29. Juli 2006 in der Schlosskirche Beuggen
Die vollständige Predigt im Wortlaut finden Sie hier
Wertvoller geistlicher Schatz - Auf Schloss Beuggen wurde die „Kommunität Beuggen“ eingeweiht: Bericht von der Eröffnung der Kommunität Beuggen am 29. Juli 2006







