ekiba aktuell (27.06.06)

 

"Selig sind, die Frieden stiften" - Aspekte einer Akademietagung über Religion und Gewalt

Petra Schlim
Petra Schilm

Michael Albus
Michael Albus

Die Tagung der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb setzte sich am Wochenende mit Religion und Gewalt auseinander:

 

[1] Religionskompetenz als Schlüssel


Die Notwendigkeit, sich mehr Wissen über die eigene und andere Religionen anzueignen, hat die Religionswissenschaftlerin Petra Schilm (Bremen) angemahnt. Religionskompetenz werde „zu einer wesentlichen gesellschaftlichen Aufgabe“, sie müsse möglichst früh erworben werden und trage dazu bei, Friedens- oder Gewaltpotentiale in den Religionen zu erkennen. Letztlich sei sie ein Schlüssel zum Verständnis der pluralistischen Gesellschaft überhaupt.

 

[2] Doppelgesicht der Religionen


Vor einer Verharmlosung der Beziehung von „Religion und Gewalt“ warnte Michael Albus (Heidesheim), langjähriger Leiter der Hauptredaktion "Kinder, Jugend und Familie" beim ZDF.

"Die heiligen Schriften aller Religionen enthielten 'Texte mit einer humanisierenden Kraft neben Worten mit einem enormen Gewaltpotential'."

Wer die Religionen mit ihrer Geschichte in den Blick nehme, entdecke, dass „alle Religionen ein Doppelgesicht haben“. Die heiligen Schriften aller Religionen enthielten „Texte mit einer humanisierenden Kraft neben Worten mit einem enormen Gewaltpotential“. Albus betonte, das man diese Doppelgesichtigkeit weder gesundbeten noch heil machen könne. Sie sei vielmehr „Grundbestandteil der menschlichen Natur“. Dies gilt auch für polytheistische Religionen: Der These, wonach Religionen, die an einen Gott glauben, besonders anfällig für Gewalt und Intoleranz sind, trat der Theologe Wilhelm Schwendemann von der Evangelischen Fachhochschule Freiburg entgegen. Es müsse bezweifelt werden, ob polytheistische Gesellschafts- und Religionssysteme in ihrem Kern friedfertiger waren.

Der oft vernommenen Überzeugung, die Terroranschläge des 11. September hätten nichts mit Religion zu tun gehabt, widersprach Werner Thiede, Chefredakteur des "Evangelischen Sonntagsblatts aus Bayern" (Neuhausen). Sowohl das Judentum als auch das Christentum wie der Islam würden zumindest der Sache nach die Institution des heiligen Krieges in ihrer Geschichte kennen. Seit der Zeit der Aufklärung dürften Religionskriege zumindest im Abendland der Vergangenheit angehören, meinte Thiede. Weltpolitisch gesehen seien sie aber kein Fremdwort mehr, wie die Aufrufe zum Heiligen Krieg vor allem aus islamischem Mund zeigten.

 

[3] Apokalyptische Weltangst entlässt nicht aus Verantwortung


Von einer Konjunktur der apokalyptischen Weltangst in Übergangs- und Krisenzeiten sprach Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. In diesem Zusammenhang würden auch die apokalyptischen Bilder der Gewalt in der Bibel wieder neu entdeckt. Es sei eine Stärke christlicher Apokalyptik, dass „sie den Glauben artikuliert, dass Gott und nicht der Mensch der Herr der Geschichte ist“. Es widerspreche jedoch christlicher Hoffnung, in Zuschauerhaltung auf die Eskalation von Gewalt zu starren und die Geschichte deterministisch ihrem unausweichlichen Ende entgegenlaufen zu lassen. Die Erwartung an einen neuen Himmel und eine neue Erde entlasse nicht aus irdischen Verantwortlichkeiten. Vielmehr fördere sie den Mut, das zu tun, „was die Liebe zum Leben und die Hoffnungsfähigkeit im Leiden unterstützt“.

 

[4] Friedensfähigkeit und tatsächlicher Einsatz


Der Theologe Peter Müller (Karlsruhe) äußerte zum Abschluss der Tagung die Überzeugung, dass man den christlichen Kirchen in ihrer Mehrzahl und in unserer Zeit die Friedensfähigkeit nicht absprechen kann. Zum Frieden fähig zu sein bedeutet aber nicht notwendigerweise, sich tatsächlich auch für ihn einzusetzen. Die Frage nach der Friedensfähigkeit der Kirche sei nicht zu trennen von der Frage, wie diakonisch die Kirche handelt.


Ralf Stieber, Evangelische Akademie Baden