Glaube aktuell (03.06.06)

 

Gottes Gäste feiern die eine Welt - Pfingstgedanken vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 (Teil 2)

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Hans-Georg Ulrichs

Fortsetzung vom 01.06.06

Die Pfingstchristen hatte es auch gepackt, sie verstehen sich auch untereinander, aber noch mehr: anders als die Fußball-Fans sind sie ja nicht einfach von etwas begeistert, sondern sie sind mit Gottes Geist begabt, der sich an alle wendet. So merkwürdig die Pfingstchristen sich auch benehmen – manche glaubten sogar, sie seien betrunken – , sie wurden von den anwesenden Menschen verstanden. Und anders als die Fußball-Fans ließen sie ihren Gefühlen nicht einfach freien Lauf, sondern teilten aus und teilten mit, ihre Begeisterung hatte ein Ziel: von den großen Taten Gottes zu reden.

- Predigt von Pfr. Hans-Georg Ulrichs, WM-Beauftragter der EKD

Fußball hat wie alles Spiel und Sport gerade darin seine Würde, dass man zwar viel Nützliches darüber aussagen kann: es trägt zur Entspannung, zur gesundheitlichen Prävention, zur Verständigung unter den Menschen und vielem anderen bei; aber letztlich ist das Spiel ganz frei: zweckfrei. Die pfingstliche Begeisterung dagegen hat einen Zweck und ein Ziel: allen Menschen von den großen Taten Gottes zu erzählen.

III. Zusammen kommen ist nach Hause kommen
Pfingsten hat als Ziel, dass alle Menschen im Glauben an den einzigen Gott zusammenfinden, so wie die alte Geschichte vom Turmbau zu Babel berichtet hat, dass die Menschen und Völker aufgrund des ‚mangelhaften’ Glaubens in alle vier Himmelsrichtungen auseinander gegangen sind. Der christliche Glaube ging von Jerusalem ausgehend um die Welt, kam zuerst nach Afrika, danach auch nach Europa, die Ausbreitung des Glaubens, seine Missionsgeschichte gehört wesentlich zum Glauben dazu. Der begeisternde Glaube will begeistern und zusammenführen, zusammenwachsen lassen, was zusammengehört: alle Menschen, die ganze Welt, den Kosmos.

„Wir Christen glauben daran, dass Gott alle Zeit erfüllt und alles zusammenführen und zusammenfassen wird – und wenn vorher schon hier und da eine solche globale Ganzheit entfernt auftaucht, dann ist das ein Mut machendes Zeichen.“

Der begeisternde Fußball ging auch um die Welt, in seiner modernen Variante ausgehend von England, über Europa, den Commonwealth und dann in alle Erdteile. Als der europäische Fußball 1996 zur Europameisterschaft einmal wieder im Mutterland England zu Gast war, da sang man: „Football is comin’ home“. Fußball kommt alle vier Jahre sozusagen nach Hause, zwar nicht nach England, wohl aber zu einer WM, die die Menschen zusammenbringt. Dort ist nämlich der Fußball an sein Ziel, nach Hause gekommen, wo er die Menschen zusammenführen kann. Dass die Menschheit nicht mehr zerrissen ist, sondern dass alle Menschen zusammengehören, dass alles so gut ist, dass man miteinander spielen kann, ist eine große Sehnsucht der Menschheit. Wir Christen glauben daran, dass Gott alle Zeit erfüllt und alles zusammenführen und zusammenfassen wird – und wenn vorher schon hier und da eine solche globale Ganzheit entfernt auftaucht, dann ist das ein Mut machendes Zeichen.

Christen haben allen Grund, sich an Pfingsten zu freuen und begeistert zu sein. Und wir in unserem Land haben allen Grund, uns auf die kommenden WM-Wochen zu freuen, wenn die Welt bei uns zu Gast sein wird. Vor mehr als 30 Jahren war sie schon einmal bei uns zu Gast: 1972 bei den Olympischen Sommerspielen in München und 1974 bei der Fußball-WM. Damals waren die Welt und unser Land noch zerrissen in Ost und West. Jetzt leben wir in einem vereinten Europa, das seine Rolle und seine Aufgabe in der Weltgemeinschaft weiterhin finden muss. Politik, Wirtschaft, gesellschaftliches Leben und Medien haben sich seit den 70er Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts stark verändert. Dass wir uns jetzt als Freunde der Welt erweisen können, ist in diesen Tagen eine große Chance für unser Land. Es ist schön, dass die Menschen sich begegnen, es ist gut, dass sie sich, egal welche Sprache sie sprechen, verstehen. Und es ist schön, dass unser Land der Welt dienen darf.

"... dass die Fans im Frieden feiern, dass unser Land ein guter Gastgeber und wir einladende Christen sind."

Wir Christen können dieses große Freudenfest sympathisch begleiten und den Fußball mitfeiern. „Fußball ist ein starkes Stück Leben,“ hat Bischof Wolfgang Huber gesagt. Er hat wohlwissend nicht gesagt: „Fußball ist unser Leben.“ Wir können in diesen Wochen, die so stark öffentlich sein werden, als Christen einfach da sein und von Pfingsten begeistert fröhlich glauben und zeigen, dass Glauben ein starkes Stück Leben, ja ein stärkendes Stück Leben sein kann. Wenn die vielen ausländischen und einheimischen Gäste nun bald durch unser Land ziehen werden, dann werden sie hier sehen, dass das Pfingstwunder tatsächlich weitergewirkt hat: in praktisch jedem Dorf und in jeder Stadt steht eine Kirche am Marktplatz, die Kirchtürme prägen an vielen Orten die Silhouette. Der christliche Glaube, ausgehend von Jerusalem, hat sich durch die Welt gezogen, ist nicht nur in Rom, nicht nur in München und Berlin, sondern praktisch überall angekommen. Jedenfalls gibt es steinerne Zeugnisse davon, dass hier von den großen Taten Gottes berichtet wird. Wir können einfach bei den Menschen in der Öffentlichkeit – und das sind ja vor allem unsere Landsleute und unsere Kirchenmitglieder – sein, wir können einladen, und vor allem können wir uns an Gott wenden: dafür danken, dass uns dieses große Völkerfest bevorsteht, danken für die Vielfalt der Menschen und der Welt, danken für das Spiel, Gott loben gemeinsam mit den Christen, die zu uns kommen werden und Gott bitten, dass sein Schutz und sein Segen auf den Spielen mit allem Drumherum liegen werden: dass die Spieler und alle Beteiligten behütet bleiben, dass die Fans im Frieden feiern, dass unser Land ein guter Gastgeber und wir einladende Christen sind.

aus: Pastoralblätter 5/2006