Gottes Gäste feiern die eine Welt - Pfingstgedanken vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006
Hans-Georg Ulrichs
Menschen, dicht gedrängt, die sich ganz unkontrolliert benehmen, kaum verständliche Worte hervorbringen, schreien, stöhnen – und auch sonst geht einiges drunter und drüber! Vielleicht sind die Leute gar nicht mehr nüchtern am hellen Tag?! Und doch, man versteht sich, teilt eine gemeinsame Begeisterung. Egal, ob Mann oder Frau, egal, ob alt oder jung, ob einheimisch oder zugereist, bekannt oder unbekannt, prominent oder durchschnittlich.
- Predigt von Pfr. Hans-Georg Ulrichs, WM-Beauftragter der EKD
Kennen Sie diese Szene? Es verwundert nicht, wenn eine Predigt anlässlich der WM zu beschreiben versucht, wie es im Fußball-Stadion zugeht. Aber gefehlt: natürlich wird schon länger darüber nachgedacht, wie Fußball und Glaube miteinander ins Gespräch kommen können. Gibt es eine „Fußball-Geschichte“ in der Bibel, die tiefsinniger ist als die beliebten Aussprüche „Gott sprach zu Noah: Geh Du in den Kasten, ich mache den Sturm!“, „Die Jünger stehen abseits“ oder „Da trat Petrus auf mit den Elf“? – Es gibt einen wichtigen, wenn man so will grundlegenden Text der Bibel, an den hier erinnert werden kann: die Geschichte von Pfingsten. Die eingangs beschriebene Szene spielt sich nämlich nicht nur im Stadion ab, sondern war vor knapp 2000 Jahren auch Ausgangspunkt der christlichen Kirche. Schon deshalb ist die langwierige Reserve der Kirche dem Fußball gegenüber so unverständlich, weil es bei der Geburtsstunde der Kirche so ähnlich zugegangen sein muss wie im Stadion. Die Apostelgeschichte berichtet davon ganz ausführlich (Apostelgeschichte 2,1-11).
Es ist ein glücklicher Umstand, dass das christliche Pfingstfest 2006 und der Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft, auf die unser Land nun schon so lange hingefiebert hat, zeitlich fast zusammen fallen. Es ist gewiss nicht so, dass die WM oder der Fußball allgemein in die inhaltliche Nähe von Pfingsten, also zum Anfang des christlichen Glaubens gerückt werden soll, aber schon auf den ersten Blick fallen einige Parallelen – und einige Differenzen! – auf.
I. Die Welt zu Gast
Im Jerusalem des Pfingstwunders waren damals die Jünger und Jüngerinnen Jesu beisammen, unter lauter Menschen aus allen Völkern, die an den Gott Israels glaubten. Von den Nicht-Gläubigen außerhalb des jüdischen Glaubens ist hier noch nicht die Rede. Aber die Welt war zugegen, sozusagen „die Welt zu Gast bei Glaubensgenossen“, wenn einmal das Motto der WM abgewandelt werden darf. Anders als viele andere Religionen der Antike war der jüdische Glaube an den einzigen Gott nicht national begrenzt. Schon in der Urgeschichte kommen die Völker in den Blick, Israel dagegen spielt darin noch keine Rolle. In der späteren langen Geschichte Israels neben und unter anderen Völkern verbarg sich stets die Hoffnung, dass eines Tages, am großen Tag Gottes, die Völker sich zusammen fänden unter und bei dem einzigen Gott. Man stellte sich dies als große Völkerwallfahrt zum Zion vor. Wie sollte sich die Botschaft vom einzigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, nicht auf alle Menschen in allen Völkern beziehen können?! Ganz in dieser Tradition hat auch Jesus sich zwar an sein eigenes Volk, an Israel, gewiesen verstanden, aber doch einen großen Horizont aufgetan: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lukas 13,29) So hat auch der Auferstandene seine Leute zu allen Völkern geschickt (Matthäus 28,19) und selbst beschrieben, wie das Evangelium aus kleinen lokalen Anfängen tatsächlich um die ganze Welt laufen sollte: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Aber: Noch bevor dieser Lauf um die Welt beginnt, ist die Welt zunächst in Jerusalem gegenwärtig.
"Vielleicht ist es besonders die Aufgabe von Christen, die große Nähe zu allen Menschen zu betonen und dafür zu arbeiten."
Die Fußball-WM steht unter dem Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Es gibt kaum eine Nation auf dieser Welt, in der kein nationaler Fußballverband existiert und dessen Fußballverband nicht Mitglied in der FIFA ist, ja die Fifa hat mehr Mitglieder als die UNO. Alle diese Nationen haben in Ausscheidungsspielen die 31 Gastländer der WM ermittelt; nur das Gastgeberland darf ohne Qualifikation mitspielen. Man kann wirklich sagen, dass die Welt und unser Land in diesen WM-Wochen zusammengehören: sei es durch die Präsenz der Mannschaften und der vielen Fans hier vor Ort, sei es durch die mediale Übermittlung dieses Sportereignisses in alle Welt hinein. Die Welt bei uns – und wir in aller Welt. Aber der Slogan wünscht herbei, dass diese Zuordnung positiv verstanden wird: Die Menschen der Welt sollen sich bei und mit uns so wohlfühlen, es soll so viel Verständnis herrschen, dass die Gäste und die Gastgeber Freunde sind. Wir sind zwar nicht Glaubensgenossen wie damals die Menschen zu Pfingsten in Jerusalem, aber wir können uns tief verbunden fühlen: als Fußball-Fans, als Menschen, die eine gemeinsame Begeisterung teilen. Vielleicht ist es besonders die Aufgabe von Christen, die große Nähe zu allen Menschen zu betonen und dafür zu arbeiten. „Alle Menschen werden Brüder“ (Friedrich Schiller) ist noch ein ausstehender Wunschtraum. Aber man kann damit anfangen: Die evangelische Kirche in Baden hat schon vor fast zwei Jahrhunderten erklärt, dass sie mit aller Welt befreundet sei (so in der badischen „Unionsurkunde“ von 1821). Jedenfalls wissen Christen auch: „Gäste sind ein Segen“, wie ein Slogan des katholischen Weltjugendtages von 2005 lautete.
II. Voller Begeisterung
Das Pfingstwunder selbst wird in der Apostelgeschichte als ein Grund stürzendes Ereignis berichtet. Die Menschen werden von den Phänomenen geradezu übermannt: vom Brausen, vom Wind, vom Feuer; die Leute scheinen ganz von Sinnen zu sein. In solchen Phänomenen hatte sich Gott auch schon früher offenbart. Pfingsten kommt Gott selbst in einem solchen phänomenalen Ereignis zu den Menschen und zieht zu ihnen, nimmt Wohnung bei den Menschen: der Geist setzte sich auf jeden, sie alle wurden erfüllt von dem Heiligen Geist. Die Christen, die erst später so genannt wurden, waren begeistert, der Geist Gottes war bei ihnen.
„Wenn man nicht dabei ist, wenn man es nicht miterlebt hat, wenn man nicht selbst ergriffen ist, dann ist diese Begeisterung, dann sind diese Emotionen schwer nachzuvollziehen – wie ja auch Nicht-Glaubende die Schönheit des Glaubens kaum nachvollziehen können.“
Fußball-Fans sind auch begeistert, auch sie sind manchmal in den Bann geschlagen von den Ereignissen auf dem Platz und auf den Rängen: das Spiel spitzt sich zu, es geht um alles, um Sieg oder Niederlage, die Nerven liegen bei Spielern, aber auch bei den Zuschauern blank, und dann ertönt der Schlusspfiff und beendet die Anspannung: der Sieg der eigenen Mannschaft kann zu großen Emotionen, zu unkontrollierten Handlungen, zu eruptiven Gefühlsausbrüchen führen, die Niederlage natürlich ebenso. Wer kennt sie nicht, die Bilder jubelnder Fußballer und feiernder Fans, aber auch die der weinenden?! Wenn man nicht dabei ist, wenn man es nicht miterlebt hat, wenn man nicht selbst ergriffen ist, dann ist diese Begeisterung, dann sind diese Emotionen schwer nachzuvollziehen – wie ja auch Nicht-Glaubende die Schönheit des Glaubens kaum nachvollziehen können. Aber die, die es gepackt hat, verstehen sich untereinander. Fußball und die Fußball-Begeisterung verbindet die Menschen: sie fiebern miteinander, sie singen miteinander, sie (er)leben miteinander, sie teilen miteinander Freude und Trauer, Bier und Bratwurst – und in diesen WM-Wochen sehen sie auch miteinander fern oder stehen an den öffentlichen Plätzen vor den Großbildleinwänden...
aus: Pastoralblätter 5/2006
Lesen Sie hier die Fortsetzung
"Die Pfingstchristen ließen, anders als die Fußball-Fans, ihren Gefühlen nicht einfach freien Lauf, sondern teilten aus und teilten mit, ihre Begeisterung hatte ein Ziel: von den großen Taten Gottes zu reden..."







