Glaube aktuell (23.05.06)
'Was gaffst du gen Himmel?' - Ein Abschied, der die Blickrichtung verändert
Klaus Nagorni
Himmelfahrtsgedanken zu Apostelgeschichte 1,4-12.
Wie ein Findling im Schwarzwald – so fremd wirkt die Himmelfahrtsgeschichte in der Umgebung heutiger Welterfahrung. Manche der Zeitgenossen gehen darum hin und machen kurzen Prozess: Sie nennen den Himmelfahrtstag einfach Vatertag und glauben, sie hätten mit dieser Radikalkur das Problem gelöst. Ein Problem löse ich aber nicht, indem ich ihm einen anderen Namen gebe.
Verfolgen wir darum die Spur dieses Findlings zurück bis dorthin, wo er seine Fremdheit verliert, wo er zu reden beginnt und uns seinen Sinn preisgibt. Das Ganze beginnt mit diesem Mann Jesus von Nazareth, an dem sich damals wie heute die Geister scheiden.
Geplatzte Hoffnungen
Man kann sich leicht vorstellen, welche ungeheuren Erwartungen und Hoffnungen der Mann aus Galiläa unter seinen Zeitgenossen erweckt haben muss. Die Jünger Jesu hat die Verurteilung und der Tod Jesu wie ein Schlag getroffen.
Auf Golgatha fielen ihre Hoffnungen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Alles ist aus, Täuschung, Illusion, Vergeblichkeit. Wir kennen das Gefühl, wenn das, woran wir glaubten, wie eine Luftblase zerplatzt. Die Enttäuschung kann nicht größer sein, wir stehen vor dem Nichts.
Eine Abschiedsgeschichte
Doch dann treffen eigenartige Meldungen ein: der große Stein vor dem Grab sei entfernt, heißt es; das Grab sei leer, der Tote auferstanden. Unruhe verbreitet sich. Neue Nachrichten besagen, dass der Auferstandene zwei Jüngern, die unterwegs nach Emmaus waren, erschienen sein soll.
"Jesu Worte sind Worte des Abschieds. Allerdings nicht Worte eines trostlosen Allein-Gelassen-Werdens, die die Zurückbleibenden verzagt sich selber überlassen. Sondern Worte der Verheißung."
In diese Situation, in der der Auferstandene unter seinen Jüngern ist, führt uns die Geschichte des Himmelfahrtstages. Sie ist eine Abschiedsgeschichte. Jesu Worte sind Worte des Abschieds. Allerdings nicht Worte eines trostlosen Allein-Gelassen-Werdens, die die Zurückbleibenden verzagt sich selber überlassen. Sondern Worte der Verheißung: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und meine Zeugen sein … bis ans Ende der Erde.“
Und dann kommt es: „Als er diese Worte gesprochen hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, so dass er ihren Blicken entschwand.“ Der Augenblick des Abschieds, der Trennung, der hier festgehalten wird.
Keine bombastische Szene wird ausgemalt, die sich mit der Kamera abfilmen ließe, wie das vielleicht einer der zahlreichen Jesu-Filme versuchen würde. Hier wird nüchtern festgestellt: dieser Jesus ist aus der irdischen Lebensgemeinschaft mit seinen Jüngern entschwunden.
Alleingelassen?
Dabei kommt es nicht auf die näheren Umstände und das Wohin des Verschwindens Jesu an. Nein, die Himmelfahrtsgeschichte erzählt uns von einer Trennung, die am Beginn der Geschichte des Christentums steht, von einem Verlust, der die frühe Christengemeinde ohne ihren Meister zurücklässt. Allein das ist wichtig.
So führt uns die Himmelfahrtsgeschichte in eine Situation, wie wir sie alle kennen: Da ist etwas weg, was wir so lebensnotwendig brauchten, ohne das es einfach nicht geht, wie wir meinen. Da stehen wir dann mit leeren Händen und wissen nicht, wohin.
Wie werden wir fertig mit den Verlusten, die uns treffen, mit den vielen großen und kleinen Abschieden, die sich wie eine Spur durch unser ganzes Leben ziehen? Abschieden von Menschen, einem ganz besonderen Menschen. Abschied von einer Landschaft, die uns Heimat war. Abschied von einem Kindheitstraum, der sich nicht verwirklichen ließ. Abschied von einer Ehe, die zerbrach. Abschied von unserer Gesundheit, wenn die alten Kräfte uns verlassen. Wie werden wir fertig mit unseren Abschieden? Sind wir stark genug, den Verlust zu verkraften, oder zwingt er uns in die Knie? Fliehen wir oder halten wir Stand?
Keine Flucht ins Vergangene...
In Situationen wie diesen kann man immer wieder die Beobachtung machen, dass Menschen, denen ihre Probleme über den Kopf zu wachsen beginnen, nach Scheinlösungen greifen. Sie tun dann einfach so, als gäbe es diese Abschiede gar nicht, als sei der erlittene Verlust nur scheinbar.
"Das Gefühl des Verlustes ist stark. Da sehnt man sich zurück in die Zeit, wo noch alles heil war."
Sie tun dann so, als seien die Toten nicht tot – und wenden sich abenteuerlichen Hirngespinsten zu. Als seien ihre Beziehungen untereinander nicht zerstört – und greifen zur Lebenslüge. Als komme das Heil für den Menschen von allein aus den Wolken – und sehen nicht ihre Verantwortung für diese Welt und legen die Hände in den Schoß.
Die Himmelfahrtsgeschichte kennt diese ausweichende Blickrichtung genau. Die Jünger starren nach oben, ihre Blicke bleiben auf den entschwindenden Herrn gerichtet. Das Gefühl des Verlustes ist stark. Da sehnt man sich zurück in die Zeit, wo noch alles heil war. Wo der Meister noch mit ihnen durch das Land zog, mit ihnen aß und trank, mit ihnen diskutierte.
...sondern Blick nach vorn!
Aber mit solchen wehmütigen Erinnerungen verliert man leicht die Zukunft aus den Augen. Darum werden die Jünger in ihrem Abschiedsschmerz von einer Stimme unterbrochen: „Was steht ihr da und blickt zum Himmel auf? Dieser Jesus wird so kommen, wie ihr ihn habt in den Himmel fahren sehen.“
Das heißt doch nichts anderes als: Flüchtet euch nicht in eure Träume nach einer besseren Vergangenheit! Sondern schaut vor euch, auf den der da kommt. Lasst euch tragen von der Verheißung auf die Zukunft Gottes, die euch zusagt: Ihr werdet – Zukunft! – die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.
„'Was gaffst du gen Himmel?', sagt Martin Luther, 'der Herr Christus steht vor der Tür.'“
Für mich hat Martin Luther mit seiner für unsere heutigen Begriffe manchmal derben, aber anschaulichen Sprache den Sinn der Himmelfahrtsgeschichte am besten getroffen. „Was gaffst du gen Himmel?“, sagt er, „der Herr Christus steht vor der Tür.“
Geänderte Blickrichtung
Das ist es: Die Himmelfahrtsgeschichte biegt unseren Blick um, sie lenkt ihn vom Himmel auf die Erde. Die Jünger haben das begriffen. Sie kehren ohne Zögern zurück nach Jerusalem. Aber dieses Zurück ist kein Zurück in ein vergangenes Traumland, sondern eines nach vorn an die Front. Denn für sie ist Jerusalem der Ort der Bewährung. Dort erwarten sie Kämpfe und Auseinandersetzungen. Der vergangene Jesus ist ihnen entschwunden, aber der kommende Christus steht vor der Tür.
"'Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen': da ist Zukunft, da ist noch lange nicht Schluss, da ist noch etwas zu erwarten. Und ein trauriger Tropf, der in die falsche Richtung schaut!"
Die Blickrichtung hat sich geändert: Sie schauen nicht mehr wehmütig nach hinten oder in den Himmel, sondern zuversichtlich nach vorn. Darum brauchen sie nicht zu flüchten, sondern können Stand halten. Auch wir brauchen nicht zu flüchten – nicht vor den Problemen, die uns ein Verlust bereitet. Nicht vor dem Kummer, den uns ein Abschied macht. Nicht vor den Ängsten, die mit einer Trennung verbunden sind. „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“: da ist Zukunft, da ist noch lange nicht Schluss, da ist noch etwas zu erwarten. Und ein trauriger Tropf, der in die falsche Richtung schaut!
Der fremdartige Findling der Himmelfahrtsgeschichte ist unversehens zu einem wertvollen Fund geworden. Zu einer Entdeckung, die zu erzählen beginnt von der Kraft des Standhaltens, die nicht nach Ausflüchten sucht, sondern den Blick gelassen und mutig nach vorn richtet. Die Schatten in unserem Leben sind nicht zu leugnen, die schmerzlichen Abschiede und Trennungen. Wo wir aber den Blick dem Licht des zukünftigen Christus zuwenden, da fallen alle Schatten hinter uns.







