Glaube aktuell (17.05.06)
"...nur etwas, was man kennt, ist einem nicht fremd."
Paul Spiegel im Interview
Mit großer Trauer reagierten die Evangelischen Kirchen in Deutschland auf den Tod von Paul Spiegel am 30 April.
Auch mit Hanno Gerwin, dem Chefredakteur des Evangelischen Rundfunkdienstes Baden, sprach er einmal in einem Interview innerhalb der Reihe 'Gerwin trifft': über Erinnerungen, seine Wünsche für die Juden in Deutschland, das Wesentliche des Judentums und Respektierung des Glaubens.
- Können Sie sich an Ihre Eltern zurückerinnern? Was war das Wichtigste, das Wertvollste, was sie ihnen mitgegeben haben?
Menschen als Menschen zu betrachten und manchmal auch zu verzeihen, wenn man mal von anderen enttäuscht worden ist. Und vor allen Dingen - was ich von meinem Vater gelernt habe - vorwärts zu schauen. Mein Vater kam 1945 zurück, nachdem er die schlimmsten Konzentrationslager überlebt und erlitten hatte. Und er hat meiner Mutter gesagt: „Ich werde dir einmal erzählen, was ich erlebt habe, dann ist Schluss.“ Er war damals 40 Jahre alt, er hatte das Leben noch vor sich. Und er sagte: „Wenn ich nur zurückdenke, werde ich verrückt. Ich möchte vorwärts denken!“
Ich habe von meinem Vater gelernt, auf Menschen zuzugehen und doch auch hin und wieder die Hand zur Versöhnung zu reichen. Mein Vater ist nach Warendorf, in seine Heimat zurückgekehrt und hat auch dort seine Hand zur Versöhnung gereicht. Das war bestimmt nicht immer einfach für ihn. Aber er hat sich die Frage, wohin er nach 1945 – nachdem die Konzentrationslager geöffnet wurden - zurückkehren sollte, gar nicht gestellt. Er wollte einfach nachhause. Nachhause war für ihn Deutschland, nachhause war für ihn Warendorf. - Was würden Sie den Menschen auf der Straße sagen? Was sollen die Ihrem Wunsch nach für die Juden in Deutschland heute tun?
Da habe ich nur einen Wunsch: Sich mehr zu informieren über das, was Judentum ist. Denn es gibt leider sehr viele Menschen, die Judentum ausschließlich auf Holocaust, Verfolgung, auf Auschwitz fokussieren.
"Denn nur etwas was man kennt, ist einem nicht fremd. Und was einem nicht fremd ist, das ist man auch bereit, nicht auszugrenzen."
Einen wesentlichen Beitrag zur besseren Information leistet jetzt dieses neue jüdische Museum in Berlin. Nun können wir beide nicht erwarten, dass jeder dorthin geht. Aber ich hoffe, dass Menschen doch bereit sind, etwas mehr über Juden zu erfahren. Es gibt genügend Literatur, es gibt genügend Filme, es gibt genügend Information. Das Judentum, jüdische Gemeinden gibt es seit 2000 Jahren in Deutschland. Man sollte sich ein bisschen informieren, was Juden, jüdische Menschen auch für Deutschland, für die deutsche Wissenschaft, für die deutsche Kultur, für die deutsche Wirtschaft bis 1933 geleistet haben. Und ich finde, wenn wir soweit sind, dass Menschen bereit sind, sich mehr zu informieren, dann sind wir schon ein ganzes Stück weiter. Denn nur etwas was man kennt, ist einem nicht fremd. Und was einem nicht fremd ist, das ist man auch bereit, nicht auszugrenzen. - Was ist das Wesen des Jüdischen, des Judentums?
Das Judentum ist in erster Linie eine Religion, eine Religion wie andere große Religionen auch. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich haben vor allem die Nationalsozialisten aus dem Judentum etwas ganz anderes gemacht. Sie haben Juden ausgegrenzt, sie haben Juden als mindere Menschen eingestuft. Wenn wir das darauf zurückführen können, was Judentum wirklich ist, nämlich eine Religion, die eine große innere Ausstrahlung haben kann und eine äußere, dann sind wir ein ganzes Stück weiter. - Wenn Sie das alte Testament vor Augen haben, was sind die wichtigsten, die Kernsätze, wo sie sagen, das sind Dinge, an die ich mich immer wieder erinnern werde, auch im Alltag?
Zunächst einmal die Respektierung auch anderen Glaubens und die ethischen Werte des Judentums, die dort ganz genau beschrieben sind. An die halte ich mich. Denn ich glaube, sie sind heute genauso aktuell - vielleicht noch aktueller - als vor ein paar Jahrhunderten. - Gibt es einen Lieblingsspruch, den Sie mir sagen können?
Leben und leben lassen. - Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, einen einzigen. Was wäre das?
Ganz einfach: Frieden auf der ganzen Welt.
Paul Spiegel wurde 1937 in Warendorf als Sohn eines jüdischen Viehhändlers geboren. Ein Jahr später muss die Familie vor den Nazis nach Belgien fliehen. Spiegels Vater wird verhaftet, seine Schwester in Auschwitz ermordet. Nach der Befreiung 1945 kehrt die Familie nach Warendorf zurück. Der Vater will es so. Langsam gewöhnt sich das Kind an seine deutsche Umgebung. Mitte der 60er Jahre macht Paul Spiegel in Düsseldorf Karriere. Er wird Journalist, Manager, Pressesprecher. Schließlich baut er eine erfolgreiche Künstleragentur auf. In seiner Freizeit engagiert sich Spiegel in jüdischen Gremien. Seit dem Tod von Ignatz Bubis im Jahr 2000 war er dessen Nachfolger als oberster Vertreter der Juden in Deutschland. Am 30. April 2006 stirbt er nach langer und schwerer Krankheit.
Interview mit freundlicher Genehmigung der ERB Medien GmbH aus der Reihe "Gerwin trifft" und dem Buch "Was Deutschlands Prominente glauben" entnommen und gekürzt.
Mehr Interviews der Reihe "Gerwin trifft" unter http://www.gerwin.de/







