Glaube aktuell (26.04.06)
Auf dem Weg durch die Zeiten... Leitbilder für die Zukunft der Evangelischen Landeskirche in Baden
Landesbischof Ulrich Fischer
Die Evangelische Landeskirche in Baden gestaltet unter dem Titel „Kirchenkompass“ einen Prozess zur Planung kirchlicher Arbeit (mehr dazu finden Sie hier). Dieser Prozess orientiert sich an einer Zielperspektive, die in folgenden – biblische Motive aufnehmenden – Leitbildern für die Zukunft der Evangelischen Landeskirche in Baden formuliert ist:
Zur Entstehung der Leitbilder
1. Die Evangelische Landeskirche in Baden weiß sich als Teil des WANDERNDEN GOTTESVOLKES (Hebr 4,9; 13,14) von Gott berufen. Auf dem Weg durch die Zeiten hin zum Ziel des Reiches Gottes steht sie unter der Verheißung der Gegenwart Christi bis ans Ende der Welt.
Unter dieser Perspektive nimmt die Evangelische Landeskirche in Baden ihren missionarischen Auftrag wahr, Gottes Leben schaffende Kraft und seine Zukunft eröffnende Liebe den Menschen in Wort und Tat einladend zu bezeugen. Ihre Orte entwickeln sich zur geistlichen Heimat für immer mehr Menschen, die hier Gemeinschaft pflegen, liebende Zuwendung finden und Gottesdienste feiern. Diese Gottesdienste sind bunt und lebendig, vielfältig in den Formen der Verkündigung und in ihrer musikalischen Gestaltung. Menschen jeden Alters werden in diesen Gottesdiensten gestärkt, finden Lebensorientierung und erfahren das Heilige.
Aus der Leidenschaft für das Wort Gottes entsteht ein evangelisches Wir-Gefühl. In einem Klima des Vertrauens wird gemeinsam Verantwortung für die ganze Kirche wahrgenommen. Die Bereitschaft zum Einsatz für die gemeinsame Sache des Glaubens wächst, weil sich die Mitarbeiterschaft team- und gabenorientiert einbringen kann. In einem ermutigenden Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen wird das Priestertum aller Glaubenden so überzeugend gelebt, dass immer mehr Menschen dieser Kirche gern angehören.
2. Als HAUS DER LEBENDIGEN STEINE (1 Petr 2,5) schöpft die Evangelische Landeskirche in Baden ihre Gestaltungskraft aus einer demütigen Haltung, die sich der begrenzten Reichweite eigenen Planens und Tuns bewusst ist.
In bereichernder Selbstbegrenzung wandelt sich die Evangelische Landeskirche in Baden zu einer Kirche lebendiger geistlicher Orte. In den Ortsgemeinden begleitet sie Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens. Daneben treten zahlreiche nichtparochiale Gemeindeformen, die sich um unterschiedlich profilierte Zentren bilden. Von ihnen gehen spirituelle und diakonische, politische und gesellschaftliche Impulse aus. Orte, an denen vielfältige kirchliche Arbeit regional gebündelt wird, strahlen wie „Leuchttürme“ weithin aus und motivieren zu Dienstgemeinschaften auf allen kirchlichen Ebenen. In nicht mehr für Gemeindegottesdienste genutzten Kirchen sind verstärkt christliche generationsübergreifende Wohngemeinschaften und diakonische Initiativen anzutreffen, in denen Gottes Option für die Armen praktisch gelebt wird.
Für diesen Weg zu einer Kirche lebendiger geistlicher Orte setzt die Landeskirche das ihr anvertraute Geld verantwortungsvoll ein. Zugleich ist sie vorbereitet auf den Rückgang der Kirchensteuer. Sie hat alternative Finanzierungskonzepte entwickelt, mit deren Hilfe Bewährtes fortgeführt und Neues gewagt werden kann. Den Fortbestand ihrer gegenwärtigen Strukturen hält sie nicht für prioritär, sondern setzt sich engagiert für grundlegende Veränderungen im deutschen und europäischen Protestantismus ein.
3. .„Solchermaßen in sich einig und mit allen Christen in der Welt befreundet“ weiß sich die Evangelische Landeskirche in Baden als Glied des weltweiten LEIBES CHRISTI (Röm 12; 1 Kor 12). Die ökumenische Gemeinschaft der Kirche erlebt sie im Miteinander mit Kirchen an anderen Orten der Welt ebenso wie mit Kirchen anderer Konfessionen im eigenen Land. Mit ihnen zusammen bildet sie eine ökumenische Lerngemeinschaft.
In einer Kultur des Dialogs trägt die Evangelische Landeskirche in Baden dazu bei, das Christliche in unserer wie in der Weltgesellschaft lebendig zu erhalten. Wissend um die Vielfalt ihrer Quellen, aus der sie sich speist, bringt sie das eigene evangelische Profil und die Schätze der eigenen Tradition selbstbewusst ein. Sie nimmt Fragen der Zeit auf, regt Menschen zum Lesen der Bibel und zu ihrer Auslegung an, und befähigt sie, ihren Glauben in der Sprache der Gegenwart zu bezeugen, ihn weiterzugeben und ihm mit der ganzen Person Ausdruck zu verleihen. Dabei lässt sie sich vom Respekt gegenüber anderen christlichen Konfessionen leiten und weiß sich in ihrer ökumenisch orientierten Bildungsarbeit eingebunden in die Lerngemeinschaft der weltweiten Kirche Jesu Christi. In Gemeinden und Bildungseinrichtungen bildet sie in ökumenischer Arbeitsteilung generationsübergreifende Erzählgemeinschaften des Glaubens, stärkt Piloteinrichtungen mit hoher überregionaler Ausstrahlung, engagiert sich im verstärkt konfessionsverbindenden Religionsunterricht, investiert in die eigene kirchliche Bildungsarbeit und unterstützt die anderer mit ihr ökumenisch verbundener Kirchen.
4. Als SALZ DER ERDE (Mt 5,13) hat die Evangelische Landeskirche in Baden Anteil an dem Auftrag, die "Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk" (Barmer theologische Erklärung 6) und damit für Gottes gnädige Gerechtigkeit in allen Bereichen des Lebens einzutreten.
Mit ihren unterschiedlichen Diensten ist die Evangelische Landeskirche in Baden für alle Menschen da – für Glaubende und Suchende, für Fragende und Zweifelnde, für Nahe und Distanzierte. Mit ihrer Arbeit wirkt sie heilend, versöhnend und wegweisend in der Gesellschaft. In Dienstgemeinschaften von spirituell und sozial kompetenten Haupt- und Ehrenamtlichen, selbstständig oder in Gemeinschaft mit nichtkirchlichen Organisationen und unter Aufnahme überparteilicher Angebote eröffnet sie Räume zur Gestaltung des Lebens in Frieden und Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung.
Damit macht sie Gottes gnädige Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Alltag wie im persönlichen Leben erfahrbar. Sie begleitet Menschen seelsorgerlich und diakonisch durch Höhen und Tiefen ihres Lebens. Sie weiß sich in der Einen Welt den Menschen in nah und fern verbunden, hilft, die Teilhabe aller an den Gaben der Schöpfung zu ermöglichen und Not zu lindern. Ihre diakonische Arbeit im eigenen Land findet in und durch Gemeinden statt. Die diakonischen Einrichtungen haben eine missionarische Ausstrahlung, weil in ihnen die Einheit von Verkündigung durch Wort und Tat eindrücklich erfahren wird.
Von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer,
vorgestellt im Rahmen seines Berichts zur Lage auf der Frühjahrstagung der Landessynode 2006
Lagebericht von Landesbischof Ulrich Fischer mit weiterführenden Anmerkungen zu den Leitbildern
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