Glaube aktuell (13.04.06)

 

Der Weg vom Dunkel ins Licht - warum das Kreuz Zeichen unseres Glaubens ist

Kreuz

Leben gibt es nicht ohne Sterben, Auferstehung nicht ohne Tod, das Heil der Welt nicht ohne das Kreuz Jesu. Es hat seinen guten Grund, dass ausgerechnet das Kreuz – und nicht etwa das leere Grab – zum Zeichen unseres Glaubens geworden ist. Das aber müssen wir entschlüsseln und, wenn möglich, neu entdecken.

Das bloße Auge sieht einen Menschen ans Kreuz genagelt. So starben viele im römischen Reich. Es mag zynisch klingen: Das war nichts Außergewöhnliches. Opfer von Gewalt und Intrigen gab und gibt es zu allen Zeiten. Ist also das Kreuz letztlich nur der Ausdruck dafür, dass Jesus mit dem, was sein Leben bestimmte, scheiterte? So fragen ja nicht erst die Kritiker des Christentums, sondern schon die Jünger selbst: „Wir hofften, er sei es, der Israel erlösen werde.“ Das Gegenteil trat ein. Aus und vorbei der Traum!



 

Unsere Mühe mit dem Kreuz


Warum stirbt Jesus? Und was gibt seinem Tod eine so große Bedeutung, dass wir uns nicht nur nach zwei Jahrtausenden daran erinnern, sondern uns sogar zu diesem Tod als dem entscheidenden Ereignis der Welt bekennen? Das sind die Fragen, um die es geht und mit denen wir nie fertig sind. Wir müssen unsere eigene Antwort darauf immer wieder neu durchbuchstabieren. Das Kreuz Jesu macht dem Glauben Mühe. Das ist so!

Es hat immer wieder Versuche gegeben, den dunklen Schleier ein wenig anzuheben und hinter das zu schauen, was sich dem bloßen Augenschein vermittelt. Einer dieser Versuche, das Geschehen zu deuten, stammt von dem mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury. Er steht in einer Schrift, die der große Kirchenlehrer einzig und allein zu dem Zweck verfasste, um für sich eine befriedigende Antwort auf das Rätsel des Kreuzes zu finden. „Warum Gott Mensch wurde“, heißt das Buch. Dort sagt Anselm an einer Stelle zu seinem Gegenüber, mit dem er über den Weg Jesu von der Geburt im Stall von Bethlehem bis hinauf nach Golgatha nachdenkt: „Du hast noch nicht bedacht, wie schwer die Sünde wiegt.“

"Sünde ist keine Nebensächlichkeit, kein moralischer Ausrutscher, sie ist, ganz ernst genommen, der ständige menschliche Protest gegen Gott."

In diesem einen Satz drückt sich etwas ganz Entscheidendes aus: Am Karfreitag geht es nicht um die Hinrichtung eines religiösen Idealisten oder Träumers, sondern der Karfreitag hat es elementar mit unserer Sünde zu tun. Sie trennt uns abgrundtief von Gott. Und weil wir uns unsere Sünde nicht eingestehen oder sie nicht ernst nehmen, kommen wir mit dem Karfreitag nicht zurecht. „Du hast noch nicht bedacht, wie schwer die Sünde wiegt.“ Sie ist keine Nebensächlichkeit, kein moralischer Ausrutscher, sie ist, ganz ernst genommen, der ständige menschliche Protest gegen Gott. Wir wollen ihn, wenn es irgend geht, in unseren Gedanken, Worten und Werken entmachten. Sünde stellt andere Götter, am liebsten uns selbst, an den Platz, der allein ihm gehört.



 

Das Leiden der Menscheit und das Leiden Gottes


Gott hätte sich irgendwann brüskiert zurückziehen können, um uns den Folgen unseres Tuns gänzlich preiszugeben. Das aber hat er nicht getan. Er litt weiter an dieser Trennung. Deshalb begann er noch einmal, auf uns zuzugehen – in Jesus Christus. Mit Leib und Leben stellt er sich in den tiefen Riss, um ihn zu überbrücken. In ihm ballt sich das Leiden der Menschheit, das die Sünde heraufbeschwört, und das Leiden Gottes an unserer Sünde, an unserer Gottferne zusammen.

Bevor Jesus seinen Geist am Kreuz aushaucht, bedeckt eine Finsternis das Land. Tiefstes Schwarz. Eine physikalische Definition für absolutes Schwarz lautet: ein nicht leuchtender Körper, der alles Licht verschluckt. Schließlich das letzte Wort Jesu am Kreuz, ein Aufschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Der finsterste Schatten der Gottverlassenheit liegt auf ihm. Er trägt alles, was die Welt und uns belastet und von Gott trennt.



 

Begegnung in der Dunkelheit


Jesu Leiden hat ihn an das Ende aller menschlichen Möglichkeiten gebracht. Aber in dem Schrei steckt mehr als ein verzweifelter Ruf. Jesus betet einen Psalm, den Psalm 22. Er nimmt also ein Gotteswort in den Mund, um diese schwärzeste aller Stunden zu beklagen. Jesus ist noch immer in den göttlichen Stromkreislauf eingeschaltet: Er holt ein Wort des ewigen Gottes herunter und reicht es ihm wieder hinauf.

Sein Kreuz ist also nicht das Ende der Möglichkeiten Gottes. Gerade da, wo wir erkennen und bekennen, dass wir am Ende sind, gerade dort, wo wir uns unserer Grenzen bewusst werden und mit IHM rechnen, ihn anreden und uns nicht bei Menschen beklagen, da geben wir Gott eine Chance.

In Jesu Durchhalten bis zum bitteren Ende, mit seinem konsequenten Gang, durch seine Klarheit, die ihn so leiden lässt - dadurch verwandelt sich das Kreuz. Es wird zum Knotenpunkt, zum Ort der Begegnung zwischen Gott und Mensch.

"Jesu Tod am Kreuz macht uns deutlich: Gott will Leid und Tod, Schmerz und Verlassenheit nicht einfach auslöschen. Aber er ist selbst mitten drin."

Jesu Kreuz, auch unser Kreuz, die vielen, die unseren Lebensweg säumen, die schwärzesten Erfahrungen, das Ausgeliefert-Sein in die Hände der Menschen und bis hin in die Sterblichkeit, in den Tod, - diese dunklen Erfahrungen werden zu Möglichkeiten, in denen Gott dem Menschen und der Mensch Gott begegnet.
Jesu Tod am Kreuz macht uns deutlich: Gott will Leid und Tod, Schmerz und Verlassenheit nicht einfach auslöschen. Aber er ist selbst mitten drin.
Paul Claudel sagt: "Er kam nicht, das Leid zu beseitigen, er kam nicht, es zu erklären, sondern er kam, es mit seiner Gegenwart zu erfüllen."


 

Der erste Schritt in ein neues Leben

Das also ist das Geheimnis von Karfreitag, das ist das Geheimnis der Spannung zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Leid und Freude. In das tiefste Schwarz leuchtet das Weiß der Auferstehung schon hinein: Karfreitag gehört zu Ostern, der Tod zur Auferstehung. Kein neues Leben ohne das Absterben alles Dunklen.

In Jesu Tod stirbt die Sünde, stirbt die Macht des Todes – aber gleichzeitig ist hier der neue Anfang gesetzt: Nichts, aber auch gar nichts kann uns mehr von Gottes Liebe trennen. Das gilt unverbrüchlich. In diesem Licht leuchtet auch mein Leben, das Leid, das Elend, mein Schwarz wieder auf, kommt wieder Farbe in meinen Alltag. Auch selbst dann, wenn mich das Schwarze umgibt, kann ich um das weiße Licht der Auferstehung wissen, das dem Schwarzen einen neuen Schein gibt.

"Wir sind nicht mehr auf uns selbst gestellt, verloren in der eigenen Gottlosigkeit. Gott verbündet sich ganz eng mit uns, schenkt uns Vergebung und eine neue Hoffnung. Dafür bürgt das Kreuz Jesu."

Der Weg Jesu vom Dunkel ins Licht, vom schwarzen Tod in das weiße Leben ist gleichzeitig der erste Schritt in ein neues Leben für mich, hinein in ein Leben, das getragen ist von der Nähe Gottes. Gerade dann, wenn ich am Ende bin.
Wir sind nicht mehr auf uns selbst gestellt, verloren in der eigenen Gottlosigkeit. Gott verbündet sich ganz eng mit uns, schenkt uns Vergebung und eine neue Hoffnung. Dafür bürgt das Kreuz Jesu.

Jesu Tod wird zum Leben für uns. Der Gekreuzigte trägt unsere Schuld, unser Versagen und unsere Sünde zu Grabe. Wir können uns wieder zu Gott wenden und ihn Gott sein lassen. Wer der Liebe Gottes vertraut, die im Kreuz Jesu verborgen ist, steht heute schon auf der Seite des Lebens – mitten in dieser Welt.

 

Marc Witzenbacher, Pressesprecher