Glaube aktuell (07.04.06)

 

„Erinnern und Erneuern“ - Ein "Ökumenisches" Leitwort

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Erzbischof Robert Zollitsch

Grußwort von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch beim Festakt "450 Jahre Reformation in Baden" am 4. April 2006 in Karlsruhe


Vergangenes nicht aus dem Gedächtnis lassen und Gegenwärtiges im Blick auf die Zukunft gestalten: das spiegelt das Leitwort „Erinnern und Erneuern“ wieder. Unter diesem Wort steht das Gedenken an die Einführung der Reformation in der Badischen Landeskirche in Baden. Wer sich dieser Erinnerung aufrichtig stellt und die Ereignisse um die Reformation offen in den Blick nimmt, der weiß, wie damals im 16. Jahrhundert aus dem Anliegen einer Erneuerung des Glaubens, aus dem Willen zur Reform Schritt für Schritt die Reformation wurde. Die zurückliegenden 450 Jahre sind über lange Strecken hinweg auch erfüllt von schmerzlichen Erfahrungen der Trennung, von vielfachen Nachwehen der Zerrissenheit, von unterschiedlichsten Folgen für die Menschen, die nicht zuletzt das einstige „cuius regio, eius religio“ mit sich brachte.

 

Ein kräftiger Baum der Ökumene


Gott sei Dank, ist aus der langen Zeit des Gegen – und Nebeneinanders eine Zeit des Miteinanders geworden, eine Zeit, in der wir aufeinander zugehen, ja, eine freundschaftliche Verbundenheit. In den vergangenen 50 Jahren konnte mehr an Gemeinsamkeit wachsen als in den 450 Jahren zuvor seit der Reformation. Auf dem Boden der Erinnerung gedieh eine zarte Pflanze der Erneuerung, wuchs ein immer kräftig werdender Baum der Ökumene.
„In Deutschland“, so sagt es Kardinal Walter Kasper, „hat die Ökumene ihren Ursprung unter anderem in den Schützengräben des Zweiten Weltkriegs und in den Konzentrationslagern während des Dritten Reichs. Im gemeinsamen Widerstand gegen ein unmenschliches und verbrecherisches Regime entdeckten sie ihre Gemeinsamkeit, die größer war, als alles, was sie trennte.“

"Seine Wurzeln gründen tief im tragenden und gemeinsamen Glauben an Jesus Christus, und dieser Baum hat mittlerweile nicht nur einen festen Stamm, sondern bringt vielfältige und ausgereifte Früchte hervor."

Gerade hier in Baden haben wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viel Gemeinsamkeit entdeckt, oder – um es im Bild zu sagen – den Baum der Ökumene gut gehegt und umsichtig gepflegt. Seine Wurzeln gründen tief im tragenden und gemeinsamen Glauben an Jesus Christus, und dieser Baum hat mittlerweile nicht nur einen festen Stamm, sondern bringt vielfältige und ausgereifte Früchte hervor. Ich erinnere nur an Stichworte wie gemeinsame ökumenische Gottesdienste, die Rahmenvereinbarungen für ökumenische Partnerschaften, „ökumenische Trauungen“ oder gemeinsame Bibelwochen. Dafür dürfen wir in dieser Stunde dankbar sein.

 

Verbindendes


„Erinnern und Erneuern“ – Wie sehr dieses Leitwort uns, die evangelische Landeskirche in Baden und die Erzdiözese Freiburg, miteinander verbindet, ist mir bei der Begegnung mit den Mitgliedern des Evangelischen Oberkirchenrates vor genau zwei Wochen bewusst geworden.
Mit dem Hinweis: „Im Fremden, beim anderen Eigenes entdecken“ brachte der Oberkirchenrat Dr. Nüchtern seine Zustimmung und Anerkennung zu den Pastoralen Leitlinien zum Ausdruck, die wir in der Erzdiözese Freiburg vor einem halben Jahr verabschiedet haben.
In einem der Kapitel, das die Überschrift trägt „Wir sind ökumenisch ausgerichtet“, heißt es klar und deutlich: „Alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sind gebunden an die Bitte und den Auftrag Jesu „alle sollen eins sein“ (Joh 17,21). [...] Diese Verpflichtung erfordert eine Umsetzung im alltäglichen Handeln. Das gegenseitige Kennenlernen lässt erfahren, dass uns vieles miteinander in der Kraft des Heiligen Geistes verbindet“.

"Die Kirche bedarf immerzu der Erneuerung – diese Aussage umschreibt die Erfahrung vieler Menschen, die sich vom Evangelium Jesu Christi begeistern ließen"

„Erinnern und Erneuen“ – dieses Leitwort des heutigen Gedenkens spiegelt sich ebenfalls in den Pastoralen dieser Leitlinien wieder, wenn es da heißt:
„Die Kirche bedarf immerzu der Erneuerung – diese Aussage umschreibt die Erfahrung vieler Menschen, die sich vom Evangelium Jesu Christi begeistern ließen und sich für die Kirche und ihre Sendung einsetzten. In dem sie sich bemühten, 'nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten’, formten sie die Welt mit und veränderten zugleich die Gestalt der Kirche“.
Ein solcher Gedenktag wie der heutige fordert unweigerlich die Auseinandersetzung mit der Frage: was heißt kirchliche Erneuerung, was heißt das vielzitierte Wort „ecclesia semper reformanda“ in seiner Tiefe?

Ich möchte darauf in der gebotenen Kürze aus meiner Sicht eine dreifache Antwort zu geben versuchen:

 

1. Erinnern: Goldadern der Hoffnung


Eine solche Erneuerung beginnt zuallererst damit, dass wir uns erinnern: wir haben als Christen einen Schatz, zu dem es auf dieser Erde keine Alternative gibt. Es ist das Evangelium Jesu Christi. Mag sich in Geschichte und Gegenwart der Kirche noch so viel Geröll angesammelt haben, darunter verlaufen Goldadern der Hoffnung, wie sie uns durch Leben, Tod und Auferstehung Jesu geschenkt sind. Sich an diesen Schatz zu erinnern heißt freilich immer auch: ihn zu heben und ihn für andere sichtbar zu machen. Und damit bin ich bei meiner zweiten Antwort auf die Frage: was heißt „Erneuern?“

 

2. Erneuern: Wir schulden der Welt das Evangelium


Wir dürfen als Christen unsere besten Kräfte und Hoffnungsenergien nicht bei uns in der Kirche behalten. Denn die Kirche ist kein Selbstzweck. Sie ist nicht ein Anbieter unter vielen anderen auf dem Markt der Möglichkeiten.

"Der Bezugspunkt christlichen Handelns ist nicht die Kirche, sondern die Botschaft vom Reich Gottes."

Wir schulden der Welt das Evangelium vom Reich Gottes. Nicht mehr und nicht weniger. Der Bezugspunkt christlichen Handelns ist nicht die Kirche, sondern die Botschaft vom Reich Gottes. Gott selbst ist es, der im Notruf der Mitmenschen und in den Zeichen der Zeit an die Türen unserer Kirchen, unserer Gemeinden und unserer Herzen klopft und uns auf den Weg schickt, damit wir seine Mission in dieser Welt nicht verschlafen. Deshalb müssen wir Christen uns als Bundesgenossen in der gemeinsamen Sorge um eine menschliche Welt von morgen deutlich zu erkennen geben.

 

3. Erneuerung beginnt bei sich selbst


Schließlich möchte ich bei der Spurensuche nach dem, was „Erneuern“ heißt, als Drittes sagen: Jeder und jede von uns ist zunächst selbst gefordert, für sich den Reichtum des Evangeliums stets neu zu entdecken und es durch unser Leben und Handeln zu bezeugen. Ein solches Zeugnis soll Antwort geben auf die Frage: warum bin ich Christ? Warum bleibe ich es? Was lässt mich glauben und hoffen? Es braucht das „Zeugnis ohne Worte“, das Lebenszeugnis, ebenso sehr wie das „Zeugnis des Wortes“ d. h. die Bereitschaft und den Mut, jedem „Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt“.

Das schließt unser diakonisches Handeln und unsere gesellschaftliche Präsenz in Erziehung, Schule und Bildung ein. Dabei wird uns immer das Eine leiten und bestimmen müssen, was unser Bezugspunkt ist: das Evangelium vom Reich Gottes.

 

„Erneuerung ist Vereinfachung"


Vor vielen Jahren hielt der damalige Professor in Münster, Josef Ratzinger, vor der Studentengemeinde einen Vortrag zu dem Thema, das uns heute bewegt: „Was heißt Erneuerung der Kirche?“ Am Ende bringt er seine Ausführungen auf einen Nenner, der kürzer und präziser nicht mehr sein könnte.
Er sagt dort: „Erneuerung ist Vereinfachung“. Ver-einfachung im Sinne der Hinwendung zum Ursprünglichen, zu dem einen Notwendigen, in dem unser ganzer Reichtum liegt: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles andere wird euch dazugegeben werden“. „In diesem Sinne einfach zu werden – das wäre die eigentliche Erneuerung für uns Christen, für jeden einzelnen von uns und für die ganze Kirche“.

Mehr zum Thema:

Bericht zum Festakt "450 Jahre Reformation in Baden"


Bericht zum Vortrag des EKD Vorsitzenden Bischof Wolfgang Huber


Als die Reformation verordnet wurde - Vor 450 Jahren führte Markgraf Karl II. in Baden eine neue Kirchenordnung ein


Landesbischof Ulrich Fischer: "Erinnern und Erneuern – 450 Jahre Reformation in Baden" (Glaube aktuell vom 11.02.06)

Veranstaltungshinweis:

Am Sonntag, 9. April 2006, findet um 10 Uhr ein Festgottesdienst in der Schlosskirche Pforzheim mit Landesbischof Dr. Ulrich Fischer statt.
Musik: Motettenchor und Jugendkantorei Pforzheim, Leitung: Kirchenmusikdirektor Kord Michaelis und Nordbadisches Blechbläserensemble, Leitung: Landesposaunenwart Armin Schaefer