Glaube aktuell (31.03.06)

 

Der Rhythmus von Arbeit und Muße -Christliche Motive für eine nachindustrielle Tätigkeitsgesellschaft (Teil 3)

Siegfried S.
Siegfried Strobel

Vortrag von Siegfried Strobel im Rahmen der Akademietagung "Macht Arbeit Sinn", 17.-19.3.2006 in Bad Herrenalb.
Fortsetzung vom
23.03.06 (Teil 1) und 28.03.06 (Teil 2)

3. Die Spannung von Arbeit und Muße in der biblischen Überlieferung
(...)
Ich meine, man muss nicht an Gott glauben, um dem Sinn des Sabbats auf die Spur zu kommen.

Dass Gott alles geschaffen hat, ist eine Aussageweise dessen, dass es vieles gibt, was wir nicht gemacht haben. Ja Entscheidendes: Uns selbst haben wir nicht gemacht, die andern Menschen, die Natur, das meiste, wovon wir leben haben wir nicht gemacht. Das alles wahrnehmen zu können macht einen großen Teil dessen aus, was theologisch über das gute Leben zu sagen wäre.

Der Mensch ist in der Bibel Geschöpf Gottes und sein Ebenbild zugleich. Er ist schöpferisch tätig, aber vieles kann er nicht machen. Er verfügt nicht über sich selbst.

"... ein Leben ohne Muße ist kein menschliches, kein menschenwürdiges Leben."

Diese Doppelbestimmtheit des Menschen findet ihren Ausdruck in einem ausgewogenen Verhältnis von Muße und Arbeit. Und das heißt auch: Muße und Ruhe ist nicht nur etwas Nettes, das man sich mal gönnen sollte. Sondern ein Leben ohne Muße ist kein menschliches, kein menschenwürdiges Leben.



 

Sich einlassen aufs Lebendige


Das Nichtstun, die Muße ermöglicht vor allem ein anderes Verhältnis zu den andern und den Dingen und sich selbst, ein anderes Weltverhältnis:
Es gibt Raum für ein Sich-Einlassen auf das, was geschieht, ein Wechselspiel, Aufmerksamkeit für die Schönheit und den Reichtum des Lebens, die einfach da sind.

Die Wachstumsidee der Ökonomie lebt ja von der stetigen beunruhigenden Grundannahme, wir hätten nicht genug, es wäre nicht genug vorhanden. Und da, wo der Mangel für ein Produkt nicht empfunden wird, da wird heute ein Mangelgefühl durch Werbung künstlich erzeugt. Die Folge ist eine permanente unruhige Unzufriedenheit.

"Befriedigender Genuss ist eine Kunst, das Leben in seiner Begrenztheit zu genießen. Die Kehrseite davon ist die Fähigkeit, etwas erleiden zu können."

Dagegen kann die Freude an dem, was es gibt, das Spielen und Ausprobieren ohne Ziel, die Zuwendung zu ökonomisch nicht verwertbaren Dingen und Erfahrungen Menschen zufrieden machen.
So hat der Sabbat auch viel mit Genuss zu tun. Genuss nicht im begehrten Sinne als Konsum von möglichst vielen oder aufregenden oder extravaganten Gütern. Befriedigender Genuss ist eine Kunst, das Leben in seiner Begrenztheit zu genießen. Die Kehrseite davon ist die Fähigkeit, etwas erleiden zu können. Beides sind Arten, sich auf das Lebendige einzulassen.



 

Das schönste Gotteslob


Vielleicht sind viele Zeitgenossen - wir eingeschlossen - deshalb oft so ungenießbar, weil wir nicht mehr in diesem Sinne genießen  können. Obwohl wir alle wissen, dass das Geheimnis des Genusses in der Beschränkung liegt.  
Wer zu genießen weiß, braucht nicht immer mehr und immer besseres. Der weiß, was er braucht. Und was ihn sättigt. Er hat genug. Er hat gefunden, was ihn zufrieden macht.

Muße in diesem Sinn ist überhaupt nicht unchristlich. Das behaupte ich gegen alle protestantischen Asketen, die mit ihren oft überzogenen Arbeitsethos meinten, Muße und Genuss madig machen zu müssen. 
Dagegen stelle ich mir vor: Sich am Leben freuen können, ist wohl das schönste Gotteslob, was Gott sich von uns Menschen denken kann.

So viel zum Sabbat, und das, was er uns zu einem guten Leben zu einem gesunden Rhythmus von Arbeit und Muße vermitteln kann.

4. Gottes humanes Verständnis von Arbeit und das Gebot der Ruhe
Fassen wir den Blick in die Bibel zusammen, so wird die untrennbare Zusammengehörigkeit von Arbeit und deren Begrenzung durch das Gebot der Ruhe deutlich.

Wer im Sinne der göttlichen Verheißung arbeitet, der wird die Unterbrechung durch den Sabbat als geordnete arbeitsfreie Zeit erleben und sie als soziale Ordnung für alle Menschen wollen. Eins geht ohne das andere nicht.
Für uns heute sind diese biblischen Befunde eine deutliche Anfrage nach den leitenden Werten und Orientierungen, die uns persönlich, aber auch unsere Gesellschaft insgesamt strukturieren und prägen.

Welche Leitbilder und welche Wertorientierungen steuern den Umgang mit Arbeit und Arbeitslosigkeit in unserer Gesellschaft zur Zeit?



 

Was bestimmt unsere Gesellschaft?


Werte sind im Sinne der biblischen Tradition nicht nur die großen abstrakten Begriffe, unter denen sich jeder etwas anderes vorstellen kann, sondern Werte sind das, was jeder einzelne vor Augen hat, worauf wir uns hinbewegen wollen und was von innen heraus unser Leben und die Gestaltung unserer Gesellschaft bestimmt.

Wenn dies die Bilder des Darwinismus, des blinden Opportunismus, des Strebens nach maximalen materiellem Gewinn auf Kosten aller Schwachen sind, dann sind dies auch die leitenden Werte in unserer Gesellschaft.

"Die Angst ist das Leitmotiv, das in solch einer Gesellschaft und in solchen Menschen dann alles dominiert. Kann es in solch einer Gesellschaft eigentlich überhaupt noch eine wirkliche Balance von Arbeit und Ruhe geben?"

Wer heute in Managementbüchern liest, kann schnell entdecken, dass es bei aller großen Rhetorik im Grunde genommen immer wieder um den Kampf aller gegen alle geht, in dem jeder selbst dadurch bestehen will, dass er diesen Kampf immer noch weiter anheizt.
Die Angst ist das Leitmotiv, das in solch einer Gesellschaft und in solchen Menschen dann alles dominiert. Kann es in solch einer Gesellschaft eigentlich überhaupt noch eine wirkliche Balance von Arbeit und Ruhe geben?
Ich meine nein!

Es gibt dann lediglich Dämme gegen die Angst, indem die einzelnen lernen, den Wert der eigenen Arbeit durch entsprechenden Entlohn zu steigern bzw. den Besitz eines Arbeitsplatzes für so wertvoll zu halten, dass die Begrenzung der Arbeit durch Ruhe immer weiter in den Hintergrund tritt.


 

Arbeit ist nur ein Teil des Lebens


Die christliche Vorstellung ist eine andere. Es ist nicht die uneingeschränkte Vorherrschaft des Gedankens von „Arbeit Haben", sondern es ist die Gewissheit, dass Arbeit zwar ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens ist, das Leben aber keineswegs darin aufgeht.

Nur wer diese Begrenzung von Arbeit verinnerlicht hat, ist auch gefeit gegen die vollkommene Verabsolutierung von Arbeit und kann damit auch eine grundlegende Distanz gegenüber den Gütern und Werten einer Welt entwickeln, die immer mehr von der Ökonomisierung aller Lebensbereiche geprägt ist.

Wenn wir alle nur Rädchen im Getriebe des Kampfes um einen Arbeitsplatz sind und damit zugleich Abhängige von den Bewegungen auf den internationalen Finanzmärkten bzw. den Entscheidungen der entsprechender Konzerne, wird die Verständigung über die Grenzen von Arbeit durch Elemente der Ruhe und Muße aussichtslos sein. Insofern wurzelt ein humanes Verständnis von Arbeit letztlich in einem Grundvertrauen auf Gott, „der wohl weiß, was wir bedürfen.“

5. Fazit:
Arbeit im Sinne der Bibel ist etwas Begrenztes. Sie hat mit der Gottesbeziehung der Menschen zu tun und den Grundkategorien des Lebens wie sie in den zehn Geboten festgehalten sind.

"... der Kampf um die Eingrenzung der alleinigen Vorherrschaft von Arbeit als Leistung gehört zur Würde des Menschen elementar dazu."

Ein in diesem Sinne wirklich ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Ruhe ist unter den ökonomischen Bedingungen dieser Welt sicher nicht möglich, aber der Kampf um die Eingrenzung der alleinigen Vorherrschaft von Arbeit als Leistung gehört zur Würde des Menschen elementar dazu.



 

Christliches Verständnis von Arbeit


Das christliche Verständnis von Arbeit macht zudem keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Formen von Arbeit. Die sich erst mit der Industrialisierung herausgebildete Erwerbsarbeit hat gegenüber den anderen Formen keine Präferenz. 
Die unterschiedlichen Arbeitsformen sind vielmehr als verschiedene aufeinander angewiesen. Genau dieses Verhältnis von Verschiedenheit und Angewiesenheit muss in jeder Gesellschaft immer wieder neu bestimmt werden.

Und schließlich: Kriterium für ein christliches Verständnis von Arbeit ist und bleibt die Frage, ob alle Menschen an Arbeit teilhaben können und nicht irgendeine Gruppe auf Dauer davon ausgegrenzt wird und zwar in diesem Land wie auch weltweit.

Ob dies gelingt, daran misst sich, ob eine Gesellschaft human ist oder nicht. Hier stellt uns die Globalisierung vor völlig neue Herausforderungen. Nicht die Frage ist entscheidend, an welchen Standorten am billigsten produziert werden kann, sondern vielmehr wie durch globales Handeln von Unternehmen die Beteiligungsmöglichkeiten der Menschen verbessert werden können, die vollkommen ausgeschlossen sind.

"Der Totalitätsanspruch gegenwärtiger Ökonomie und deren Arbeitsverständnis hat die Tendenz, Arbeit zur „weltlichen Religion" zu erheben."

Arbeit nach biblischem Verständnis wird alle beteiligen, die Arbeitslosen, die Hausfrauen und Mütter, die Erziehenden, die freiwillig Engagierten, ohne ihr jedoch gänzlich zu verfallen.
Der Totalitätsanspruch gegenwärtiger Ökonomie und deren Arbeitsverständnis hat die Tendenz, Arbeit zur „weltlichen Religion" zu erheben.

Diesem Götzendienst gilt es um Gottes und der Menschen willen zu widerstehen.

 

Bericht zur Tagung "Macht Arbeit Sinn"