Glaube aktuell (28.03.06)
Der Rhythmus von Arbeit und Muße - Christliche Motive für eine nachindustrielle Tätigkeitsgesellschaft (Teil 2)
Siegfried Strobel
Vortrag von Siegfried Strobel im Rahmen der Akademietagung "Macht Arbeit Sinn", 17.-19.3.2006 in Bad Herrenalb.
Fortsetzung vom 23.03.06
3. Die Spannung von Arbeit und Muße in der biblischen Überlieferung
Wenn in der Bibel, vorwiegend im Alten Testament, über Arbeit geredet wird, so geschieht dies in einer uns zum Teil heute durchaus fremden Weise:
Es wird nämlich von Gott als dem Arbeitenden, als Schöpfer geredet.
Arbeit ist hier nicht zuerst das Mittel zum Zweck des Geldverdienens, mit dem Menschen ihre Existenz sichern und mit der sie nach Maßgabe der Höhe des Einkommens ihre gesellschaftliche Anerkennung bewerten lassen können, sondern Arbeit ist ursprüngliches Handeln Gottes, das in größtmöglicher Freiheit geschieht, und das Gott dann an seine Geschöpfe, die Menschen, weitergibt.
Arbeiten ist ein Handeln in Freiheit, wie Gott es auch von uns Menschen für die Welt erwartet. Arbeiten ist eine Kategorie der Gottesbeziehung.
In wunderbarer Klarheit macht dies der Text deutlich, der am Anfang der Bibel und damit am Anfang der Welt und des Lebens der Menschen steht:
Nach der Übersetzung von Martin Luther heißt es:
„und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte."
Wir erinnern uns, kurz vorher war von der Erschaffung des Menschen die Rede:
"Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so war der Mensch ein lebendiges Wesen."
Schöpfungshandeln als Qualitätsmerkmal
Die Arbeit des Menschen ist hier in dieser Tradition ganz eindeutig an die Schöpfungsarbeit Gottes gebunden und sie wird mit dem Schöpfungswillen Gottes begründet, dass der Mensch bebaue und bewahre. Arbeiten im Sinne dieses Qualitätskriteriums ist Arbeiten im Dienste eines guten Lebens für die ganze Schöpfung.
Arbeiten sichert auf Dauer die Existenz der Schöpfung, und damit die Existenz der Menschen.
Menschliches Leben kann nur bestehen, wenn dieses Qualitätsmerkmal von Arbeit, nämlich zu bebauen und zu bewahren, nicht aufgegeben wird.
Völlig zu Recht ist deswegen immer wieder darauf hingewiesen worden, dass Arbeit in der Bibel, als Partizipation an der Gestaltung der Welt zu verstehen ist. Durch seine Arbeit trägt jede und jeder einzelne etwas zu dieser Schöpfung bei, wobei Gott durch seine Schöpfung die Rahmenbedingungen gibt, um überhaupt etwas gestalten zu können.
Nach diesem biblischem Verständnis kann sich niemand durch seine Arbeit auf Kosten der Gemeinschaft oder auf Kosten der Schöpfung bereichern.
Auch ist es nicht möglich, dass einzelne oder ganze Gruppen von Menschen von diesem Prozess der Mitgestaltung der Welt ausgeschlossen werden oder als überflüssig betrachtet werden. Da jeder und jede auf irgend eine Art an der Schöpfung mitgestaltet, ist auch niemand „arbeitslos“.
"Das Verständnis der Schöpfungsgeschichte wird so zur biblischen Vision von menschenwürdiger und von gerechter Arbeit."
Diese Vorstellung von Arbeit wird im Alten Testament immer wieder auch gegen die geschichtliche Entwicklung aufrecht erhalten und betont. Das Verständnis der Schöpfungsgeschichte wird so zur biblischen Vision von menschenwürdiger und von gerechter Arbeit.
Arbeit als Mühsal?
Besonders deutlich kommt dies in der Geschichte vom Sündenfall zum Ausdruck, wenn es dort heißt: „verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden."
Diese Beschreibung von Arbeit als Mühsal und Plage, als Fluch steht im Gegensatz zu dem eigentlichen Willen Gottes und ist das Ergebnis der menschlichen Sucht nach immer mehr.
Deshalb wird eine Ökonomie, die ausschließlich auf immer mehr, immer größer, immer schneller, also auf Wachstum setzt, den Fluch von Mühe und Plage nie verlieren. Arbeit kann schlimmstenfalls zur Fron, zur Maloche werde.
Die Abspaltung vom göttlichen Willen, die Sehnsucht des Menschen nach vollkommener Autonomie und die Gleichgültigkeit gegenüber den anderen in der Gemeinschaft produziert ein Arbeiten zur Sicherung der Existenz. Diese Arbeit ist immer gefährdet und voller Widersprüche und muss gegen Missbrauch und Überforderung geschützt werden.
Gegen Ausbeutung und die Erlösungsfunktion von Arbeit
In genau dieser Tradition mahnen dann die Zehn Gebote ein Verständnis von Arbeit an, das sich gegen die Ausbeutung durch und gegen die Verabsolutierung von Arbeit wendet.
Die 10 Gebote tun dies, wie z.B. das Sabbatgebot mit einer geradezu modern anmutenden Perspektive, indem es sich nämlich konsequent gegen jede erlösende Funktion und Bedeutung von Arbeit wendet.
"Dieses Gebot in seiner grundlegenden Bedeutung nicht aufzunehmen und das Leben nicht danach auszurichten, führt letztlich zu unmenschlichen Verhältnissen, in denen das gesamte Leben der Gemeinschaft aufs Spiel gesetzt wird. "
Wer meint, sich durch seine Arbeit erlösen zu können, seinem Leben den einzigen Sinn so verschaffen zu können, der verpasst sein Leben und verspielt damit auch den guten Willen Gottes mit den Menschen. Die gottgewollte menschendienliche Bedeutung der Arbeit zeigt sich erst dann, wenn Ruhe und Muße in Gestalt des Sabbats in gleicher Weise zu ihrem Recht kommt.
Dieses Gebot in seiner grundlegenden Bedeutung nicht aufzunehmen und das Leben nicht danach auszurichten, führt letztlich zu unmenschlichen Verhältnissen, in denen das gesamte Leben der Gemeinschaft aufs Spiel gesetzt wird.
Ich möchte das Sabbatgebot an dieser Stelle noch etwas vertiefen, weil es in seiner Bedeutung für das Verständnis der notwendigen Balance von Arbeit und Ruhe und Muße nicht zu überschätzen ist.
Der Sabbatgedanke - eine Kulturkritik
Der alttestamentliche Sabbatgedanke verdichtet sich für mich immer mehr zu einer fundamentalen Kulturkritik.
Besonders in einer Zeit, der nichts mehr heilig ist. Und eine Gesellschaft, der nicht mehr heilig ist, braucht sich nicht zu wundern wenn vieles zum Teufel geht. Der Sabbat ist mehr als die Entsprechung zum christlichen Sonntag. Er ist eine gesellschaftliche Institution, eine kollektive Art, neu mit der Zeit und mit Gütern umzugehen.
"Es ist eine Vollendung, die in dieser Ruhe geschieht: Das letzte i-Tüpfelchen ist also kein Tun, sondern ein Lassen."
Nach biblischer Überlieferung ist der Sabbat der siebte Schöpfungstag. Da hat Gott geruht von seiner Arbeit, und das sollen die Menschen als Gottes (Eben)Bilder deshalb auch tun. Ich bleibe im alttestamentlichen Bild: Gott hat seine Aktivität zurückgenommen und seine Schöpfung sein lassen, was sie nun von sich aus war. Er hat sie angesehen. Ansehen ist der Akt der Wertschätzung, der Würdigung. Es ist eine Vollendung, die in dieser Ruhe geschieht: Das letzte i-Tüpfelchen ist also kein Tun, sondern ein Lassen.
Diese Tradition hat den Menschen vor nahezu 3000 Jahren schon so imponiert, dass sie angereichert wurde mit immer mehr Inhalten: Am Sabbat sollen auch die Tiere ihre Ruhe haben. Alle sieben Jahre durfte die Erde nicht bearbeitet werden, und alle 7 mal 7 Jahre sollten die in Schuldknechtschaft Gefallenen freigelassen werden. Sie sollten wieder ein Stück Land bekommen, so viel, wie sie zum Leben brauchten, um von vorn beginnen zu können. So wurde der Sabbat zu einer Institution, die Zustände, die im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückt waren, wieder zurechtzurücken. Zustände von Ungerechtigkeit und Zwang sollten verwandelt werden in Gerechtigkeit und Freiheit.
Freiheit schließt immer bestimmte Abhängigkeiten ein, nämlich die von Gott, von anderen Menschen und von der Erde. Und Freiheit impliziert nicht nur die Entscheidungs-möglichkeit darüber, was ich tue, sondern vor allem auch die, etwas zu lassen.
"Ohne ein solches Innehalten kann es keinen neuen Anfang geben. Wer immer nur arbeitet, macht eben weiter und weiter, verliert am Ende den Maßstab und dann auch sich selbst."
Für Gerechtigkeit gilt nicht das gleiche Maß für alle, je nach Leistung. Nicht was einer verdient hat ist der Maßstab, sondern was einer zum Leben braucht (siehe auch Mt 20, die Arbeiter im Weinberg).
Sabbat bedeutet aufzuhören, etwas zu tun, aufhören, einzugreifen, aufhorchen, innehalten, sich besinnen, ansehen, was ich getan habe, die Konsequenzen erkennen, Verantwortung übernehmen. In die Vergangenheit zurückschauen und nach vorn in die Zukunft. Ohne ein solches Innehalten kann es keinen neuen Anfang geben. Wer immer nur arbeitet, macht eben weiter und weiter, verliert am Ende den Maßstab und dann auch sich selbst.
Die Rund um die Uhr Gesellschaft, die Ökonomen und Politiker sich oft wünschen, im Namen der Freiheit und weil damit angeblich das Wirtschaftwachstum gesteigert werden könne, ist ein maßloses Unterfangen, weil denen, die dies fordern, die Maßstäbe des Menschlichen verloren gegangen sind. Nun können Sie natürlich sagen: Schon und gut, das mit dem Sabbat, der Ruhe und Muße. Aber nicht alle Menschen glauben an Gott und fühlen sich im verdankt.
Ich glaube dass diese Sicht der Dinge viel weiter reicht. (...)
Dritter und letzter Teil in Glaube aktuell vom 31.03.06: Der Sinn des Sabbats, Gottes humanes Verständnis von Arbeit und die Begrenztheit von Arbeit
Bericht zur Tagung: "Macht Arbeit Sinn"







