Glaube aktuell (23.03.06)
Der Rhythmus von Arbeit und Muße - Christliche Motive für eine nachindustrielle Tätigkeitsgesellschaft (Teil 1)
Siegfried Strobel
Vortrag von Siegfried Strobel im Rahmen der Akademietagung "Macht Arbeit Sinn", 17.-19.3.2006 in Bad Herrenalb.
Was ist das gute Leben?
Was bedeutet Arbeit für Menschen und wie kann sie sinnvoll gestaltet werden?
Bedeutung von Arbeit
Wir sind wahrhaftig nicht die ersten Menschen in der langen Kulturgeschichte, die diese Frage bewegt.
Immer wieder ist die Bedeutung der Arbeit ein kontroverses Thema gewesen, das zu unterschiedlichen Antworten geführt hat und damit in der Folge immer wieder neue Fragen aufgeworfen hat.
In unserer Zeit ist die Frage nach der Arbeit, nach der Zukunft der Arbeit, nach ihrer Gestaltung und Sinnhaftigkeit neu aktuell geworden.
Angesichts von über 5 Millionen Arbeitslosen, angesichts bedrohlicher wellengleicher Veränderungsschübe struktureller Art und großer politischer Ratlosigkeit demgegenüber, drängt sich die Frage nach der Zukunft der Arbeit geradezu auf.
Auch die Auseinandersetzungen der letzten Wochen über die Arbeitszeit haben gezeigt, dass wir dringend so etwas wie ein Bündnis für eine zukunftstaugliche Arbeitswelt über Parteigrenzen und festgefahrene Denkblockaden hinweg brauchen.
Wir stehen vor der Herausforderung, ein integratives Leitbild oder eine Vision von Arbeit zu suchen, die ein Miteinander aller Arbeitsformen entwickelt, die allen Menschen die Würde ihrer Arbeit zuspricht und zudem jedes einzelne Glied der Gesellschaft - auch das Schwächste - berücksichtigt.
"Die Frage nach der Bedeutung von Arbeit für den Menschen ist eine existentielle Frage, weil es in ihr darum geht, wie menschliches Leben im Miteinander gestaltet wird."
Wer nach der Bedeutung von Arbeit fragt, der fragt nach den Grundlagen menschlichen Zusammenlebens im Kleinen und Großen, ja heute weltweit auf dem Globus.
Die Frage nach der Bedeutung von Arbeit für den Menschen ist eine existentielle Frage, weil es in ihr darum geht, wie menschliches Leben im Miteinander gestaltet wird. Wie möglichst viele Menschen ein tätiges, selbst bestimmtes und anerkanntes sinnvolles Leben führen können.
Da sich die Bedingungen von Arbeit immer wieder ändern, stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Arbeit als existentielle Grundkategorie auch immer wieder neu.
Auf diesem Hintergrund ist auch die gegenwärtige Debatte um die Zukunft von Arbeit einzuordnen.
1. Arbeit ist in die Krise geraten
In unserer Gesellschaft gibt es im Zusammenhang mit Arbeit eine ganze Reihe von krisenhaften Entwicklungen.
Am augenfälligsten ist, dass sich fast täglich Arbeitsplätze auf und davon machen, dass dem, der Arbeit hat, sich diese so verdichtet, dass oft Grenzen der physischen und psychischen Belastung überschritten werden und dass viele, die gerne arbeiten wollen, dazu keine Möglichkeiten erhalten.
Die krisenhafte Entwicklung wird heute vor allem unter dem Aspekt diskutiert:
Welche Arbeit wollen und können wir noch finanzieren? Und wessen Arbeit brauchen wir eigentlich nicht mehr?
Immer stehen diese Fragen in heimlicher Spannung zum gesellschaftlichen Leitbild von Arbeit der Nachkriegszeit, das sich vorwiegend an der sogenannten Vollbeschäftigung orientiert hat.
Abschied vom traditionellen Leitbild
Vielleicht wäre ein erster wichtiger Schritt in Richtung einer zukunftsfähigen Arbeitswelt der, vom traditionellen Leitbild der so genannten Vollbeschäftigung Abschied zu nehmen.
Ein bekanntes Wirtschaftsmagazin, widmete dieser Frage kürzlich eine ganze Ausgabe und titelte:
"Arbeit: Nie wieder Vollbeschäftigung!" - Untertitel: "Wir haben besseres zu tun"
Besseres zu tun als Arbeit? So weit sind wir noch lange nicht.
Wir stehen heute vielmehr vor der Herausforderung, die tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die manchmal wie Schockwellen übers Land ziehen, nicht als verhängtes Schicksal hinzunehmen, sondern sie bewusst menschen-freundlich zu gestalten, damit wir die Grundidee einer Gesellschaft von selbständigen und solidarischen Mitgliedern aufrecht erhalten können.
"Wir brauchen eine Perspektive, ... die daran festhält, dass die Teilhabe an anerkannter Arbeit Voraussetzung für eine menschenwürdige und selbstbestimmte Existenz ist."
Oftmals entsteht allerdings der Eindruck, dass die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen sich ausschließlich daran orientieren, was dem Markt nützt oder noch schärfer, was gerade am kostengünstigsten für die börsennotierten Unternehmen ist.
Wir brauchen eine Perspektive für ein zukunftsfähiges Verständnis von Arbeit, die unterschiedliche Arbeitsformen berücksichtigt und daran festhält, dass die Teilhabe an anerkannter Arbeit Voraussetzung für eine menschenwürdige und selbstbestimmte Existenz ist.
2. Aber was ist nun Arbeit?
Ich möchte an dieser Stelle bewusst die biblische Perspektive in die Debatte über Arbeit mit einbringen.
Besonders unter dem Aspekt des notwenigen Rhythmus von Arbeit und Muße.
Denn an diesem Beispiel wird besonders deutlich, dass wir, wenn wir über Arbeit reden, über wesentlich mehr reden müssen, als über das, was unter Ökonomen heute üblich ist.
Die gegenwärtige Diskussion in unserem Lande über Arbeit konzentriert sich ja meist auf die Veränderungen der Produktionsbedingungen, der Hinweis auf nötiges Wachstum - fast gebetsmühlenhaft wiederholt - und gelangt dann ganz schnell zu den zu hohen Arbeitskosten und der mangelnden Flexibilität der Arbeitnehmer.
Vorausgesetzt wird oft, als habe das ganze Leben sich den Gesetzen der Ökonomie zu unterwerfen und als würde diese ausschließlich nach rationalen, naturgesetz-ähnlichen Kriterien funktionieren.
Diese Diskussion ignoriert die gesamte christliche Tradition in der Wertung von Arbeit.
Für sie ist nämlich Arbeit eben nicht das ganze, sondern nur das halbe Leben. Und sie muss sich notwendigerweise in einem wechselseitigen ,sich rhythmisch vollziehenden Prozess von Arbeit und Muße, von Werktag und Feiertag, von ora et labora, vollziehen.
"... denn wenn in unserer Gesellschaft der Verlust von Werten beklagt wird, dann sind es bei näherem Hinsehen meist Werte, die lange Zeit ihre Kraft aus christlichem Grundwasser gezogen haben."
Warum der Blick auf die christliche Tradition in diesem Zusammenhang?
Ich erwähne dies deshalb, denn wenn in unserer Gesellschaft der Verlust von Werten beklagt wird, dann sind es bei näherem Hinsehen meist Werte, die lange Zeit ihre Kraft aus christlichem Grundwasser gezogen haben.
Möglicherweise hängt der Verlust von Werten damit zusammen, dass der christliche Grundwasserspiegel in unserer Gesellschaft inzwischen so weit gesunken ist, dass daraus nur noch wenige Kraft ziehen können.
Und sich so auch die Frage stellt: Aus welchen Quellen speisen sich heute unsere Werte?
Es ist deshalb, so meine, ich nicht nur legitim sondern geboten in der Diskussion um Arbeit, wieder neu nach biblischer Tradition zu fragen, denn sie bietet als kulturelles Gedächtnis möglicherweise auch ein wichtiges Widerstandspotential gegenüber der allgegenwärtigen Übermacht der Ökonomie. (..)
Teil 2 in Glaube aktuell vom 28.03.06: Über die Spannung von Arbeit und Muße in der biblischen Überlieferung, Gott als Arbeitender, Bebauen und Bewahren, gegen die Erlösungsfunktion von Arbeit und über das Sabbatgebot
Bericht zur Tagung "Macht Arbeit Sinn"
Siegfried Strobel, Akademiedirektor und Leiter des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt
Bericht zur Tagung "Macht Arbeit Sinn"







