Glaube aktuell (18.03.06)

 

Kirche muss sich stets erneuern - Über die Zukunft der Evangelischen Landeskirche (Teil 2)

Margit F.
Margit Fleckenstein

Zweiter Teil des Vortrages der Präsidentin der Landessynode Margit Fleckenstein bei der Mitgliederversammlung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Baden. Für ekiba.de in gekürzter Fassung.

Fortsetzung vom 13.03.06


[5] Gegen den unverstandenen Glauben

Wir können heute gar nicht darüber wegsehen uns einzugestehen: Wir brauchen die Mission im eigenen Land. Luther wandte sich gegen einen unverstandenen Glauben. Als Kirche der Reformation dürfen wir nicht darauf verzichten, die Inhalte unseres Glaubens zu verstehen und wieder eine Sprachfähigkeit in Glaubensdingen zu erlangen. Ein Bildungsgesamtplan oder z.B. die gerade entstehende Kernliederliste sind gute und wichtige Schritte auf diesem Weg. Unser Glaube muss das Zentrale sein. Die Kirche muss sich verstärkt um ihre Kernkompetenzen kümmern. Sie soll vor allem anderen Gott die Ehre geben. Sie soll in Wort und Tat und in Freud und Leid das Evangelium unter die Menschen bringen, dass es – wenn möglich – „alles Volk“ erreicht. Die Kirche – und das sind wir alle!

"Evangelische Bildung muss den Menschen befähigen, immer von neuem sein Gewissen zu schärfen..."

Das gilt auch für die notwendigen gesellschaftlichen und politischen Stellungnahmen der Kirchen, die Orientierung und Entscheidungshilfe geben und das Gewissen schärfen sollen. Sie sollen vom Wort Gottes getragen sein, nicht nur von Argumentationen des gesellschaftliche Dialogs. Es ist nicht zu übersehen, dass Politik und Gesellschaft vermehrt Werteorientierung benötigen und dass sie diese gerade von den Kirchen erwarten.

Evangelische Bildung muss den Menschen befähigen, immer von neuem sein Gewissen zu schärfen, um in eigener Verantwortung die Fragen des Lebens zu entscheiden.

[6] Überlieferung verbindet mit dem Vergangenen

Unser Glaube wurde von altersher in einer Erzählgemeinschaft weiter gegeben. Die biblischen Geschichten lassen Bilder des Glaubens im Herzen entstehen, die Lebenshilfe bedeuten. Nehmen Sie als Beispiel den großen Erfolg guter Kindergottesdienste, die mit den jungen Eltern zusammen gefeiert werden. Sie bieten eine gute Chance für die Eltern, nicht erlernte oder vergessene Glaubensinhalte zu begreifen. Sie bringen Eltern und Kinder über Glaubensdinge ins Gespräch. Wir haben das Erzählen verlernt. Als Kirche haben wir die besten Möglichkeiten, die Generationen zusammen zu bringen. Generationsabbrüche bedeuten auch Traditionsabbrüche, weil zu wenig weiter vermittelt wird. Das Miteinander der Generationen ist heute wichtiger denn je.

Nur Überlieferung verbindet mit dem Vergangenen, darum haben wir durch Gottes Güte die Bibel. Sie berichtet von dem, was damals geschah, deutet dieses Geschehen mit den Mitteln ihrer Zeit und ist deshalb die Grundurkunde christlichen Glaubens und Lebens. Ihre Geschichten, Weisheiten und Denkmodelle und die verschiedenen Sprachen ihrer Übersetzungen sind tief in die Kultur christlich geprägter Länder eingegangen, so auch – vor allem in der genialen Übersetzung Martin Luthers – in unsere Sprache. Niemand kann Goethe, Brecht, Kafka oder Thomas Mann verstehen ohne die Bibel. Sie ist nicht nur dasjenige lebendige Zeugnis von der Barmherzigkeit Gottes, das die Kirchengeschichte zusammenhält, sondern sie ist auch eine zentrale Brücke zur Kultur. Darum muss uns aus inneren theologischen und äußeren kulturellen Gründen alles daran gelegen sein, die Kenntnis der Bibel in Kirche und Nation wach zu halten. Unser Leben soll unter der Perspektive des Evangeliums vom Reich Gottes gedeutet werden können. So erfährt der Mensch bleibende Sinnfindung für sein Leben.

"Jeder Gottesdienst ist – in aller Vorläufigkeit und Unvollkommenheit – ein Abbild der ewigen Gemeinschaft in Gottes Reich"

Wir müssen auch Sonntag und Alltag wieder zusammen bringen. Das Leben unseres Glaubens im Alltag muss wieder neu eingeübt werden. Der Glaube darf nicht nur in der Nische der Gemeinde gelebt werden. In der Gemeinde muss er aber gefeiert werden. Jeder Gottesdienst ist – in aller Vorläufigkeit und Unvollkommenheit – ein Abbild der ewigen Gemeinschaft in Gottes Reich und damit eine Feier, die über die erfahrbare irdische Begrenztheit hinausweist. Flexibilisierung gottesdienstlicher Zeiten, Orte und Formen sind ein Gebot der Stunde.

[7] Vielfalt & Einheit, Gemeinschaft und Individualität

Der Mensch ist nach reformatorischem Verständnis in seinem Glauben direkt vor Gott gestellt und ist ausschließlich seinem Gewissen verantwortlich. Im Entscheidungsnotstand – aber auch nur dann - hat die Gewissensentscheidung Vorrang vor dem Gehorsam gegenüber kirchlichen Ordnungen, die allerdings in einer menschlichen Institution auch unverzichtbar sind. Weder die Kirche noch ihre Amtspersonen können den eigenen Glauben vertreten oder die rechtfertigende Gnade vermitteln. Wir sind unvertretbar. Diese Sicht des Menschen bezeichnet in höchstem Maße Individualität. Es geht entscheidend um die Grundlagen meiner Identität, also woran ich mein Herz hänge, worauf ich im Leben und im Sterben vertraue und woraus ich zu einem verantwortungsvollen Leben ermutigt werde. Der Individualismus hat also eine zutiefst geistliche Begründung.

Andererseits wird christlicher Glaube nur in der Gemeinschaft mit Leben erfüllt. Glaube muss sich vergewissern und muss gefeiert werden. Das kann nicht (nur) im stillen Kämmerlein oder im Wald geschehen. Das geschieht in der Gemeinde, in der „Gemeinschaft der Heiligen“. Hier erlebt der Einzelne Beheimatung.

"Als Errungenschaften reformatorischen Denkens wollen wir die Individualität, das Priestertum aller Glaubenden und das Parochialprinzip unserer Kirche hoch achten und bewahren."

Unser Glaube hat drei Dimensionen – die individuelle, die gesellschaftliche und die institutionelle. Auf diese drittgenannte Dimension, die institutionelle, den Bezug, das Eingebettet-Sein in die Gesamtkirche, kommt es mir an. Wir Protestanten müssen nach meiner Überzeugung den Spagat zwischen den Werten Individualität und Gemeinschaft heutzutage besonders beachten und meistern. Als Errungenschaften reformatorischen Denkens wollen wir die Individualität, das Priestertum aller Glaubenden und das Parochialprinzip unserer Kirche hoch achten und bewahren. Doch es gilt angesichts der aktuellen Herausforderungen, alle Kräfte zu bündeln und konzertiert vorzugehen. Die Zeichen der Zeit sollten uns Mut machen. Derzeitig besteht eine neue Offenheit für religiöse und geistliche Fragen. Man spricht von der Wiederkehr der Religion.

[8] Zeit der Umbrüche

Das neue Fragen nach Sinn und Zukunft, nach Gemeinschaft und Werten über den Tag hinaus macht sich in vielen Fällen noch nicht unmittelbar bei den Kirchen fest. Aber deutlich wird erwartet, dass die Kirchen dazu etwas beitragen und den Einzelnen wie der Gesellschaft klare und verbindliche Orientierungshilfen geben.

"Nach meiner Überzeugung befinden wir uns heute in einer ähnlichen Zeit der Umbrüche und des Wertewandels wie einst zur Zeit der Reformation."

Wir müssen wach sein, um die Umbrüche der Zeit nicht zu verschlafen. Nach meiner Überzeugung befinden wir uns heute in einer ähnlichen Zeit der Umbrüche und des Wertewandels wie einst zur Zeit der Reformation.

Ich möchte schließen mit dem Motto, das mein hochgeschätzter früherer Nachbar im Rat der EKD, Bischof Axel Noack aus Magdeburg, ausgegeben hat: „Wir sollten fröhlich kleiner werden und dabei wachsen wollen!“ Diese Einstellung entspricht auch dem Motto, das dem badischen Kirchenlogo beigegeben ist: „Hoffnung auf Zukunft!“ Lassen Sie uns gemeinsam die Chancen ergreifen!       Margit Fleckenstein, Präsidentin der Landessynode