Glaube aktuell (14.03.06)
Kirche muss sich stets erneuern - Über die Zukunft der Evangelischen Landeskirche (Teil 1)
Margit Fleckenstein
Ein Vortrag der Präsidentin der Landessynode Margit Fleckenstein bei der Mitgliederversammlung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Baden. Für ekiba.de in gekürzter Fassung.
Als seinerzeit die Münchener McKinsey-Studie veröffentlicht wurde, ging neben viel Begeisterung auch ein Sturm der Entrüstung durch die Kirchen. Das Evangelium dürfe doch nicht als Ware herabklassifiziert werden. Unsere Gemeindeglieder und die, die es werden sollen, seien doch keine Kunden. Dennoch hat sich gezeigt, dass die gründlich reflektierte Anwendung bewährter Marketing-Methoden durchaus ihren guten Sinn haben kann.
[1] Zwischen Mut und Demut
Oberkirchenrat Dr. Nüchtern hat eine theologische Ausarbeitung zu Chancen und Grenzen strategischer Planung auf dem Hintergrund evangelischen Kirchenverständnisses vorgelegt, die im Kollegium des EOK und im Landeskirchenrat einmütige Zustimmung gefunden hat. Auch sie empfehle ich Ihrem besonderen Interesse. Ich zitiere die Schlusssätze:
„Strategische Planung in der Kirche ist angewiesen auf eine fromme Haltung. Sie wird vom Gebet um Gottes Geist und Gottes Segen, um offene Augen und starke Hände getragen. Eine protestantische Spiritualität der Planung weiß um die Grenzen des Planbaren und der Planung. Sie anerkennt Rücksichten beim Planen und sieht sich gleichzeitig zum Planen ethisch ermutigt und ermächtigt. Sie wird die Balance halten zwischen Mut und Demut.“
[2] Strukturen und Formen sind kein Tabuthema
Wir haben schließlich auch erkannt, dass die aktuellen Herausforderungen, denen wir entsprechen müssen, nicht nur in finanziellen Maßnahmen liegen.Die Grundeinsichten der Reformation stehen nicht zur Disposition. Es ist ein großes Erbe, das uns die Reformation nicht nur hinterlassen, sondern aufgetragen hat. Gleichwohl war es schon die Überzeugung der Reformatoren, dass unsere Kirche sich stets erneuern müsse, dass die äußere Gestalt unserer Kirche, dass ihre Strukturen und Formen nicht auf der Schrift beruhen, sondern immer wieder überdacht und gegebenenfalls angepasst werden müssen.Wir stehen in der Verantwortung, den nachfolgenden Generationen angesichts der finanziellen Zwänge, die aufgrund der demographischen Entwicklung und der staatlichen Steuerreformen gegeben sind, eine Kirche zu hinterlassen, in der sie leben und arbeiten können. Das meint auch die Veränderung von Strukturen. Strukturen leiten sich nicht aus dem Evangelium ab; sie dürfen daher nie ein Tabuthema sein.
Als erste Mitgliedskirche der EKD haben wir in Baden im Hinblick auf die Union Evangelischer Kirchen eine epochale und zukunftsweisende Entscheidung gegen protestantischen Provinzialismus getroffen; darauf bin ich stolz. Und im nächsten Monat steht das entsprechende Zustimmungsgesetz zur Änderung der Grundordnung der EKD auf der Tagesordnung unserer Landessynode. Andere Synoden haben bereits zugestimmt. Wir sollten verinnerlichen: Das Reich Gottes ist größer als die Grenzen unserer Gemeinden und Kirchen.
[3] Profilierung ohne Engführung
Ging es schon bei den Bemühungen um eine bessere Struktur innerhalb der EKD um die Erkennbarkeit des Protestantischen, so hat der vom Ratsvorsitzenden Bischof Dr. Huber ins Spiel gebrachte Begriff der „Ökumene der Profile“ weitergehende Konsequenzen. Es geht hier um Profilierung ohne Engführung, ohne Scheuklappenmentalität. Sie ist die Voraussetzung für jeden sinnvollen Dialog der Konfessionen und der Religionen. Das Reformationsjubiläum, das wir in diesem Jahr in Baden feiern, bietet die Chance der Vergewisserung über unseren Glauben in mehrfacher Hinsicht:
"Die großen christlichen Kirchen stehen vor großen gemeinsamen Herausforderungen"
Die Kirche der Zukunft kann nur eine ökumenische sein im Sinne des Miteinanders der christlichen Kirchen in Deutschland, in Europa und weltweit. Der ökumenische Prozess wird unaufhaltsam weiter laufen. Die großen christlichen Kirchen stehen vor großen gemeinsamen Herausforderungen, die sie - wo immer es möglich ist - veranlassen sollten, mit einer Stimme zu sprechen. Arbeitsteilung ist ein typisch protestantisches Prinzip. Dass Erzbischof Dr. Zollitsch jetzt den Begriff der „arbeitsteiligen Ökumene“ geprägt hat, kann viel Gutes bedeuten, wird er beiderseitig mit Leben erfüllt.
[4] Konzentration auf das Wesentliche
Generell ist zu sagen: Es reicht für die christlichen Kirchen heute nicht mehr aus, sich auf die kulturprägende Kraft des Christentums zu berufen. Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass der christliche Glaube und die Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche Lebenssinn stiften.
Die Kirche soll nicht das machen, was alle machen oder was andere ohnehin besser machen. Sie soll das machen, was zu ihrem Ureigensten gehört, was nur die Kirche Jesu Christi hat. Der größte Schatz der Kirche ist das Evangelium. Wir brauchen eine Konzentration auf das Wesentliche. Das erreichen wir nicht mit Sitzungen, Erklärungen und Papieren, sondern nur durch Rückbesinnung auf den einzigen Grund unserer Kirche, auf Jesus Christus selbst. Er hat uns den Auftrag hinterlassen, Menschen zum Glauben einzuladen, die Gewissen im Sinne Gottes zu schärfen und die Botschaft von der Versöhnung immer von neuem weiterzusagen.
"Es braucht Vorbilder; Predigen allein hilft schon lange nicht mehr."
Dazu gehört vor allem anderen das gute und beredte Beispiel jedes und jeder Einzelnen, die in der Nachfolge Jesu Christi leben, ihm gleichsam auf der Spur bleiben. Es braucht Vorbilder; Predigen allein hilft schon lange nicht mehr. Dazu gehört eine gute Erziehung und Bildung, welche die Menschen wieder „religiös musikalisch“ werden lässt, um an einen Begriff des Soziologen Max Weber anzuschließen. Dazu gehört es, dass wir die modernen Menschen in einer Kultur, in welcher der Takt des Erlebens wie des Vergessens immer schneller zu werden droht, wieder an das Beständige, ja Ewige heranführen. Dazu gehört es, dass wir die Menschen in einer Zeit, in der das Profane, ja das Triviale Urstände feiern, wieder an das Heilige und unverfügbar Geheimnisvolle heranführen. In einer Zeit der Beliebigkeit braucht es Maßstäbe des Beständigen und Verlässlichen. Es gilt, dem Zeitgeist Paroli zu bieten und dem Menschen seine Grenzen zu zeigen.
Unsere Gesellschaft braucht und sucht auch Orientierung. In ihr findet auch ein starkes, aber vielfach verdecktes und oft wortloses Suchen nach Gott statt. Der christliche Glaube kann auch vor dem Hintergrund der Globalisierung und der Zunahme der Naturwissenschaften an Bedeutung gewinnen mit seinem Festhalten an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und dem Glauben an einen persönlichen Gott. Auch oder gerade der moderne Mensch sucht seine Identität; er ist mehr als sein Bankkonto und mehr als eine „Ich-AG“.
"Nur Begeisterte können andere begeistern."
Gerade in unserer Zeit ist es hilfreich, Menschen zu begegnen, die die Zuversicht und den Optimismus des Christentums verkörpern. Menschen wie Leuchttürme. Nur Begeisterte können andere begeistern. Im Bonhoeffer-Gedenkjahr sei es erlaubt, den großen Theologen in diesem Zusammenhang zu zitieren:
„Kirche wird die Bedeutung des menschlichen Vorbildes (das in der Menschheit Jesu seinen Ursprung hat und bei Paulus so wichtig ist!) nicht unterschätzen dürfen; nicht durch Begriffe, sondern durch Vorbild bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft.“
Dies entspricht dem alten Erfahrungssatz der Erzieher, wonach die ganze Erziehung nichts nützt, weil „sie einem doch alles nachmachen“.
- gekürzte Fassung; Fortsetzung am 17.03.2006 in Glaube aktuell
Margit Fleckenstein, Präsidentin der Landessynode







