Glaube aktuell (27.02.06)

 

Männer und das Verlangen nach Glück (Teil 2)

Männer Politik

Es gibt, so denk ich mir, einen Zusammenhang zwischen dem Verlangen nach Glück und der Sehnsucht nach Gott... Was heißt es nun, sich von dem Verlangen nach Glück verlocken zu lassen? Wie fühlt sich das an, diesem Verlangen nachzugeben, sich ihm hinzugeben? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Normalfall des Lebens? Was bedeutet das für das Glück, für die Hingabe – naja, und für den Mann...

Neun Empfehlungen, wie das Verlangen nach Glück zu unterstützen sei, von Pfr. Dr. Michael Lipps, Mannheim:


Fortsetzung vom 22.02.06




 

5. Nimm dich deiner Bedürftigkeit an.


Bedürftigsein gehört zu unserer Grundausstattung und ist kein Mangel. Stell dich zu ihr. Mach dich vertraut mit ihr. Sie ist ein Teil von dir. Sie anzunehmen gehört vielleicht zum Schwierigsten im Verlangen nach Glück. Sich dieses Verlangen zugestehen. Dass es mir über die Lippen geht: Ich brauche dich. Ich bin mir selbst nicht genug. Mein Leben ohne dich ist ärmer. Mein Leben ohne euch wäre verlorener. Dass ich nicht alles im Griff habe. Dass mir manches regelrecht entgleitet. Dass ich schuldig werde. Dass mir die Verantwortung über den Kopf wachsen kann. Zu deiner Bedürftigkeit stehen, Du starker Mann, Du.

"Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir."

Eine Hilfe könnte sein, den Psalm 63 auswendig zu lernen: „Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir.“ Vielleicht auch nur gerade diesen Vers. Die verändernde Kraft des Mantrischen erleben, ihr nachspüren. Nicht von jetzt auf nachher, aber im Einüben. Einen Vers, einen Psalm auswendig lernen, das geht auch im Erwachsenenalter, selbst in einer fortgeschrittenen Lebensphase. Die Sehnsucht, das Verlangen braucht den Ausdruck alltäglich, nicht erst im Stolpern und Fallen.



 

6. Befreunde dich mit dem Leid, mit dem eigenen und mit dem fremden.


Mag sein, es gibt Wegstrecken, in denen sich ein Gefühl für das Glück nicht so richtig einstellen will. Dann achte den Augenblick. Jeder Tag will mit dem ihm eigenen Gesicht wahrgenommen werden. Sich nicht überfordern, den Augenblick auffangen und seine Chance, sich nicht von Katastrophenphantasien gefangen nehmen lassen.

Begegne dem Leid fragend, begegne ihm wie einem, den du nicht fassen kannst, der etwas bringt, was du nicht verstehst, dessen Annahme du nicht verweigern kannst. „Glücklich, die Leid tragen, denn Gott wird sie trösten.“ So heißt es in der Bergpredigt (in der Übersetzung von Jörg Zink). Keine leichte Kost – und kann fordern bis an die Grenzen der Kraft und darüber hinaus. Das Leid nicht ertragen wollen. Und doch dabeibleiben zwischen Empörung und Jasagen. Das Leid und die es tragen nicht ausschließen aus dem Lichtkreis des Glücks, aus dem Lichtkegel des Verlangens, der unaussprechlichen Wünsche.


 

7. Wende einige Sorgfalt darauf, alltagstauglich zu sein.


Der Alltag ist das Bewährungsfeld des Glücks, oder nicht so bedächtig gesagt: die Spielwiese des Glücks. Die Welt ist in den seltensten Fällen vernagelt. Spielräume wollen entdeckt sein, begangen werden.

Es gibt Situationen, da ist dir nicht nach Entdecken und Begehen zumute, sondern einzig, einem Fluchtimpuls zu folgen. Nix wie weg hier, raus. Von Frauen höre ich häufiger, wir Männer gingen viel weg, nicht unbedingt leibhaftig, aber von Innen weg – oder kämen gar nicht richtig an. Also: Beim Nix-wie-weg-Impuls prüfe, ob der Impuls in die richtige Richtung weist, ob es nicht angemessener wäre, dran zu bleiben, sich auseinander zu setzen, sich zu stellen.


 

8. Gib dem Staunen deine Wertschätzung.


Genauer: Gib dem Staunen deine Wertschätzung wieder. Staunen, das sieht ungefähr so aus: offener Mund – von außen etwas dümmlich, als sei der Betreffende nicht ganz von dieser Welt. Und so ist das ja wohl auch.

"Das Staunen ist die Wurzel des Glücks – die Weisheit könnte, wenn sie es gut mit dir meint, dir über die Schulter schauen, und dir sagen: Ja, sieh hin, es ist Glück."

Im Staunen erschließt sich eine andere Gegenwart als die, die ich kenne, von der ich schon alles weiß. Es ist nicht die Haltung des alten Weisen, sondern die des kleinen Jungen. Das Staunen ist die Wurzel des Glücks – die Weisheit könnte, wenn sie es gut mit dir meint, dir über die Schulter schauen, und dir sagen: Ja, sieh hin, es ist Glück.

 

9. Willige darin ein, in diesem Leben von Gott nie auf Dauer satt zu sein.


Im Glück zu sein ist nicht nur Bewährung im Alltag, ist ebenso das Ekstatische, das Glühende, das Lodernde, das Außer-sich-sein, das Ganz-bei-mir. Alle solche Erfahrungen täuschen nicht darüber hinweg, dass das Glück nur als Fragment zu haben ist, bruchstückhaft bleibt: unvollendet, verletzlich, zerbrechlich und insofern auch endlich. Petrus muss das auf dem Berg der Verklärung Jesu erfahren (Mt. 17,1-9): Wie sich über diese wandernde, auf den Berg pilgernde Männergesellschaft das Glück Gottes legt, sein Glanz sie erleuchtet und dem Petrus zutiefst nach Verweilen zumute ist: Lass uns Hütten bauen, lass uns bleiben, jetzt wo die Sonne so hell scheint, die Kleider so rein sind, der Widerschein des Göttlichen auf unseren Gesichtern liegt und innen das Glück rumort. Und im nächsten Moment ist da Erzittern, Erschaudern, das Erschrecken über so viel Gottesgewandung, über so viel Seligkeit und der Weg hinab in die Ebene. Als sei das Glück im Moment seiner höchsten Intensität schon weitergezogen.

"Auch im Fragment, gerade im Bruchstückhaften ist das Werk in seiner Vollendung zu sehen, Hinweis auf Glückseligkeit, darauf durch Glück selig zu werden."

Erlaube dir also das Verlangen nach einem Glück, das nicht in dieser Welt aufgeht – welches die vorfindliche Realität eben nicht als Autorität begreift. Die Religion, unsere christliche zumal sagt: Auch im Fragment, gerade im Bruchstückhaften ist das Werk in seiner Vollendung zu sehen, Hinweis auf Glückseligkeit, darauf durch Glück selig zu werden.

Dein Glück verlangt nach Dir
Sie haben es gemerkt, ich habe längst nicht mehr nur Mann im Blick, will jetzt auch ausdrücklich den Menschen in beiderlei Gestalt zugleich in den Blick nehmen. Weil es für Mann und Frau gleichermaßen, wenn auch nicht immer in gleicher Weise, erstaunlich ist, wie sich Glück in das Leben von Menschen einspielt, mal lauter, mal leiser, mal kaum hörbar, mal kaum auszuhalten. Ein unvermutet anregendes Gespräch, das Aufflackern einer Liebe im Vorübergehen, auf den Rheinterrassen, auf den Planken, eine Musik – irgendwie geschieht es doch ganz oft. Und gemessen an der Vielzahl der Nächte und der Tage wiederum eher angespielt als ausgespielt, eher angesagt als zu Ende formuliert, eher angedeutet als das Ganze. Als ob es irgendwo anders zu Hause sei, als käme es eben mal vorbei: Es klingelt, steht in der Tür und verlangt nach mir, mit einer kleinen, anmutigen Verbeugung stellt es sich vor: Guten Tag, ich bin Dein Glück, mich verlangt nach dir!

  • Lesen Sie dazu auch:„Was gibt Männern Sinn und Rückhalt?“ - Bericht vom Workshop des ökumenischen Bildungszentrum sanctclara und der Evangelischen Erwachsenenbildung (ekiba aktuell vom 14.02.06)