Glaube aktuell (22.02.06)
Männer und das Verlangen nach Glück (Teil 1)
von Pfr. Dr. Michael Lipps, Mannheim
Es gibt, so denk ich mir, einen Zusammenhang zwischen dem Verlangen nach Glück und der Sehnsucht nach Gott. Wie wenn Gott und das Glück miteinander gingen. So dass das Glück mit mir anbandeln möchte, mit dir. Es stellt sich nicht immer vor und manchmal geht es aus. Wie Gott sich nicht immer einstellt und manchmal ausbleibt. Dass aber Sehnsucht und Verlangen zum Glück gereichen – und es zu einem guten Leben gehört, in die Nähe Gottes, des Glücks zu geraten, vielleicht gar von ihnen bemäntelt zu werden, im Sommerregen, gegen die Kühle der Nacht, an einem Tag wie heute. –
Männer und das Verlangen nach Glück?
Es gibt Themen, die brauchen die großen Gefühle, die tief empfundenen Gesten, die nicht eingeholten, vorauseilenden Worte. Es braucht sie umso mehr angesichts der Differenz der Geschlechter. Jede und Jeder von uns ist mit der eigenen Geschlechtlichkeit mitten drin in der Faszination des Andern und der Angst vor ihm. Was machen wir mit dem Wissen und vielfach auch mit der Erfahrung der Sprachlosigkeit zwischen uns, der Ungerechtigkeit, der Benachteiligung von Frauen, aber auch mit den neuen Verwerfungen im Blick auf die Wohlfahrt von Männern? Wo bin ich mit meinem Mannsein oder mit meinem Frausein darin? Und wie ist das mit dem Verlangen nach Glück?
Glücklich und Beglückend werden
Das Verlangen nach Glück ist ja beiden Geschlechtern zu eigen – und indem ich es heute mit Mannsein verbinde, suche ich Antwort auf die Frage, wie Mann seine Begabungen lebt. Aber auch: was Mann aus seinen Verstrickungen in Unheilsgeschichten (er-)löst, ihn erkennbar und beziehungsfähig macht – kurzum: wie er glücklicher und beglückender werden kann (für sich, für Frau und Mann), vielleicht sogar – aber ich will zur Verwegenheit nicht auch noch die Vermessenheit gesellen: Wie kann Mann gar richtig glücklich und beglückend werden? – Zugleich hole ich damit das Glück aus der Ecke des Verdachts: des Verdachts der Ich-Bezogenheit, des reinen Selbstbezugs, der Selbstgefälligkeit, - als würde es Menschen unbarmherzig machen, unempfänglich für das Lebensrecht anderer, als machte es aus Männern nur Jäger und Krieger, wo wir doch auch Liebhaber des Lebens sind.
Was heißt es nun, sich von dem Verlangen nach Glück verlocken zu lassen? Wie fühlt sich das an, diesem Verlangen nachzugeben, sich ihm hinzugeben? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Normalfall des Lebens? Was bedeutet das für das Glück, für die Hingabe – naja, und für den Mann.
Neun Empfehlungen, wie das Verlangen nach Glück zu unterstützen sei:
1. Traue Gott
Traue Gott – oder wie immer Du diese geheimnisvolle Kraft nennst, die Leben schafft und wieder und wieder fördert, lässt und noch erhält –
Traue Gott zu, dass er, dass sie dein Glück will.
"Gott zuzutrauen, dass er mein Glück will, dass er zum Glück kommt, ist diese Art im Leben zu sein, die sich darin äußert: Ich bin gewollt."
Ich kenne die Neigung, auf das Glück anderer zu schielen und sich von Unglücken blenden zu lassen, überhaupt dem Unglück eine höhere Bedeutsamkeit zu geben als dem Glück. Gott zuzutrauen, dass er mein Glück will, dass er zum Glück kommt, ist diese Art im Leben zu sein, die sich darin äußert: Ich bin gewollt. Das ist eine selbstbewusste Art: Ich bin berechtigt. Ich bin da. Mit mir könnt ihr rechnen. Manchmal auch: Mit mir müsst ihr rechnen.
Sie kennen dieses alte Sprichwort, jeder sei seines Glückes Schmied. Das stimmt und stimmt auch nicht, jedenfalls nicht so absolut. Glück hat eher den Charakter des Geschenks, der Gnade. Den Machern, den Workaholics unter uns Männern tut es gut, sich in regelmäßigen Abständen daran zu erinnern.
2. Scheue dich nicht
Scheue dich nicht davor, glücklich zu sein, und rede davon unverblümt.
Wie lange ist es her, dass du zum letzten Mal gesagt hast „Ich bin glücklich.“? Nur wer erfahren darin ist, was Glück sei, wer das Glück kennt und ihm einen Namen gibt, der kann dieses Zutrauen in die Kraft des Lebens entwickeln.
Dann kann das Glück heißen: Mich zurücklehnen, genießen – und dann allerdings auch: zupacken, ambitioniert sein, sich engagieren. Denn: Nichts ist egal dem, der sich nicht davor scheut, glücklich zu sein.
3. Sei anspruchsvoll
Es gibt eine Kultur der Bescheidenheit, die kommt ziemlich hohl daher. Die sagt, es gäbe das kleine private Glück. Es gibt aber kein kleines Glück, nicht im Horizont des Evangeliums, so wenig wie es ein bisschen Frieden oder das bisschen Gott gibt. Deshalb formuliere ich als dritte Empfehlung:
Wenn es ums Verlangen nach Glück geht: Sei anspruchsvoll.
Es gibt Beschaulichkeit und Muße, ja, es gibt die Welt, in die ich mich zurückziehen kann, auch abgrenzen, manchmal gar abschotten muss. Und es gibt die Welt, die weiter ist als meine Tagesform und mein Horizont es vermuten lassen. Zur Teilhabe gehört immer auch das Teilgeben, nicht zu jeder Zeit und in allem ausbalanciert, aber doch um Balance bemüht. – Es gibt doch diese Glücksbringer – in einer bäuerlichen Kultur gehörten Hufeisen zu den beliebtesten. Wer sagt denn, dass nicht jeder von uns, dass nicht du und ich auch geschickt sind, Glücksbringer zu sein? Anspruchsvoll sein heißt also: beitragen zur Vermehrung des Glücks – und, ich meine, Albert Schweitzer hat das so ähnlich gesagt – Glück vermehrt sich am ehesten, wenn man es teilt. Dazu muss man sich auch mit andern zusammentun.
"Zur Prägung vieler Männer bis in die jüngste Generation gehört es, der Erste, der Schnellste, der Beste sein zu müssen... Ich meine, es müsste andere Kennzeichen für Erfolg geben als der Misserfolg des Andern."
4. Handle nicht auf Kosten anderer
Handle, so weit es dir irgend möglich ist, nicht auf Kosten Anderer.
Handle vor allem nicht auf Kosten der Frau. Auf Kosten von Frau handeln ist etwa, als Mann alles Glück der Welt von ihr zu erwarten, oft genug heimlich und nicht mal sich selbst eingestanden, das geballte Potenzial männlichen Verlangens auf Frau zu bündeln – und eh du dich versiehst, wird’s zur Gewalt. Ich glaube, dass Frauen für Männer von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit sind. Und wenn’s gut geht, können sie auch darüber reden und sich so verhalten. Aber wir sollten Frauen auch lassen können – und immer wieder den geschlechtlichen Eigenstand probieren. –
Zur Prägung vieler Männer bis in die jüngste Generation gehört es, der Erste, der Schnellste, der Beste sein zu müssen. Wer gewinnt, ist im Glück. Das ist auf Dauer ziemlich anstrengend, beschleunigt den Alterungsprozess, ist selbstmörderisch und geht zu eigenen Lasten und auf Kosten anderer. Ich meine, es müsste andere Kennzeichen für Erfolg geben als der Misserfolg des Andern. Das Zusammenspiel im Orchester ist für mich da ein schönes Bild: Jeder spielt sein Instrument, das, wofür er begabt und worin er sich geübt hat – und zusammen klingt’s.
Lesen Sie dazu auch:„Was gibt Männern Sinn und Rückhalt?“ - Bericht vom Workshop des ökumenischen Bildungszentrum sanctclara und der Evangelischen Erwachsenenbildung (ekiba aktuell vom 14.02.06)
Die Fortsetzung lesen Sie hier







