Glaube aktuell (11.02.06)

 

Erinnern und Erneuern – 450 Jahre Reformation in Baden

Dr.Fischer
Dr. Ulrich Fischer

Am Anfang der Reformation stand die Erkenntnis, dass aus der absoluten Bindung an Gott völlige Freiheit gegenüber den weltlichen Mächten folgt. „Mehr Freiheit wagen" - dieses in letzter Zeit öfter zitierte Motto hätte darum auch ein Wahlspruch der Reformatoren sein können.

Evangelisch sein bedeutet von seinen Anfängen an, diesen Wert einer aus der Gottesbindung gewonnenen unbedingten Freiheit in allen weltlichen Bezügen zu wahren. Im Jahr 2006 feiert die Evangelische Landeskirche in Baden 450 Jahre Reformation in Baden.


 

Reformation - eine ständige Aufgabe der Kirche

Unter dem Motto „Erinnern und Erneuern" soll dabei nicht nur an vergangene Zeiten gedacht werden. Reformation ist kein geschichtliches Ereignis, sondern eine ständige Aufgabe der Kirche. „Ecclesia semper reformanda", die Kirche muss ständig reformiert werden. Sie muss sich immer wieder selbst fragen und fragen lassen, ob sie die Botschaft des Evangeliums ausrichtet und die Freiheit des Christenmenschen verkündet. Sie muss sich immer wieder auf das Zentrum des kirchlichen Auftrages zurückführen lassen. Wo Strukturen, eigene Auffassungen und Vorlieben wichtiger zu sein scheinen als der Auftrag Jesu an seine Kirche, ist Reformation nötig und heilsam.

 

Gegenwart und Zukunft


450 Jahre Reformation bedeutet daher nicht nur sich zu erinnern, sondern den Blick auf die Gegenwart zu richten und damit an die Zukunft zu denken. Die Christinnen und Christen in Baden, die sich vor mehr als 450 Jahren der Reformation anschlossen, haben das getan. Sie haben „mehr Freiheit" gewagt. Sie fühlten den notwendigen Aufbruch, die unabdingbare Rückbesinnung auf den Kern der biblischen Botschaft. Sie ließen sich und ihre bisherigen Ansichten in Frage stellen. 

Die Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen gab ihnen Mut. Freiheit heißt nicht, sich als Christenmensch aus allen weltlichen Bindungen zu lösen. Freiheit heißt hier, sich immer wieder zu besinnen, Gewohntes zu überprüfen und wenn nötig auch einmal über Bord zu werfen.

"Daher gehören Erinnern und Erneuern immer zusammen, sind das Zwillingspaar des reformatorischen Gedankens."

Die einzige lebensnotwendige Bindung ist die an Jesus Christus. Eine in dieser Gottesbindung begründete Freiheit bedeutet auch, in unserer Gesellschaft und in der Kirche überkommene Strukturen und Arbeitsfelder, Traditionen und Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen, wenn es gilt, Kirche und Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten. Dabei muss die Kirche im Interesse des Ganzen dort mahnend und nachdrücklich die Stimme erheben, wo Grenzen überschritten werden, die wir um „Gottes Willen" nicht überschreiten dürfen. Darin hat die Kirche ein notwendiges Wächteramt in Gesellschaft und Staat, das sie in der Balance zwischen Erinnern und Erneuern ausübt. „Erinnern und Erneuern" sind daher nicht voneinander zu trennen, wenn es um Reformation geht. Bloßes Erinnern lässt den Blick im Vergangenen und verführt dazu, sich aus den Aufgaben der Gegenwart zu stehlen. Bloßes Erneuern ohne die eigenen Traditionen zu beachten und wo nötig auch zu bewahren, verführt zu schwärmerischem Aktivismus. Daher gehören Erinnern und Erneuern immer zusammen, sind das Zwillingspaar des reformatorischen Gedankens.