Glaube aktuell (27.01.06)

 

In der Diesseitigkeit des Lebens glauben lernen

Buch

Dietrich Bonhoeffer zum 100. Geburtstag

Er wollte kein Heiliger werden. Er wollte vielmehr in der Fülle von Aufgaben, Fragen, Erfolgen und Misserfolgen, Erfahrungen und Ratlosigkeiten des Diesseits leben – und sich gerade so Gott ganz in die Arme werfen. Glauben und Lebenswirklichkeit gehörten für Dietrich Bonhoeffer unaufgebbar zusammen.

Bonhoeffer, der am 4. Februar 1906 in Breslau geboren wurde, war ein konsequenter Nachfolger Jesu Christi, der auch nicht die letzte Konsequenz seines Glaubens scheute: Am 9. April 1945 wurde Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hingerichtet. Für ihn sei dieses Ende der Beginn des neuen Lebens, lauten seine letzten uns überlieferten Worte. Bonhoeffer war ein Zeuge der Freiheit, die aus dem Glauben kommt.

 

[1] Kampf für und um den Glauben

Von Beginn kämpfte Bonhoeffer für und um seinen Glauben, um die Bedeutung der Christusnachfolge in einer immer religionsloseren Zeit. Im bürgerlichen Elternhaus wurde sein schon als Schuljunge gefasster Entschluss, Theologie zu studieren, mit Unverständnis aufgenommen. Das passe nicht zu einem Bonhoeffer, soll der Vater, selbst ein international anerkannter Professor für Psychiatrie und Leiter der Berliner Charité, gesagt haben. Doch der blonde, hoch gewachsene Junge setzte sich durch. Ein Überflieger war er, bereits mit 21 Jahren wurde er promoviert, mit 24 Jahren habilitierte er sich mit der Arbeit „Akt und Sein" in Berlin. Aber bei aller theologischer Scharfsinnigkeit - schon während seiner Studienzeit wurde ihm klar: Im philosophischen Nachdenken lässt sich Gott nicht finden, nur in der Kirche, in der Christus wirkt, finden wir Gott.

Die Kirche blieb ihm entscheidend wichtig, bis zu seinem Tod 1945. Er entwickelte sich zu einem Theologen und Christen, der die weltweite Kirche liebt, trotz ihrer Fehler und Unzulänglichkeiten. In seinem lebenslangen ökumenischen Engagement setzte sich Bonhoeffer für die weltweite Gemeinschaft der Kirche ein.

 

[2] Konkrete Gestalt des Glaubens


In einem Studienaufenthalt in Rom 1924 beeindrucken ihn die Gottesdienste in Sankt Peter. Diese so offen gelebte Frömmigkeit war Bonhoeffer fremd. Für ihn kam dort zusammen, was er bisher als getrennt wahrgenommen hatte: Kirche und Glaube, Lehre und Leben. Er erlebt eine Frömmigkeit, die die Sinne nicht abschaltet oder abstößt. Und er lernt eine Kirche kennen, die universal ist und zugleich dem persönlichen Glauben eine verbindliche Ordnung und eine sichtbare Form gibt. Es faszinierte ihn, wie die Katholiken dem inneren Gefühl eine sichtbare Gestalt und der individuellen Vorstellung eine verbindliche Form geben. Solche Ansichten waren unter den protestantischen Theologen seiner Zeit dünn gesät. Das Thema Kirche lässt ihn nicht mehr los. Wieder nach Berlin zurückgekehrt, nimmt er leidenschaftlichen Anteil an der unter Hochschultheologen entbrannten Kontroverse um die konkrete Gestalt des Glaubens: Genügt die frei schweifende wissenschaftliche Diskussion über die Bibel und den Sinn der Welt?

Bonhoeffer sorgte mit seiner theologischen Arbeit und mit seinem Lebenszeugnis dafür, dass die im liberalen Individualismus steckenden Protestanten die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden und ihren eigenen Wert völlig neu entdecken konnten.

"Er zeigte den jungen Theologen, dass es nicht alleine das Fachwissen war, sondern der gemeinsam gelebte Glaube, der sich gegen die menschenverachtenden Ideologien der Nationalsozialisten und ihrer Gefolgsleute in den Kirchen behaupten konnte."

Während einer Reise nach England hatte Bonhoeffer mehrere Klöster und Kommunitäten besucht. Von ihnen versuchte er manches zu „importieren“. Im Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, wo er 1935 Direktor wurde, versuchte er klösterliches und kommunitäres Leben zu verwirklichen. Mit Morgen- und Abendgebeten sowie Meditations- und Schweigezeiten zeigte er den jungen Theologen, dass es nicht alleine das Fachwissen war, sondern der gemeinsam gelebte Glaube, der sich gegen die menschenverachtenden Ideologien der Nationalsozialisten und ihrer Gefolgsleute in den Kirchen behaupten konnte.

 

[3] Nachfolge


Sein Wertlegen auf Bibellese, Meditation, Gebet, Beichte und Abendmahl waren für ihn Zeichen der persönlichen Nachfolge Jesu Christi. Sein Werk „Nachfolge“ ist das beste Zeugnis des „verinnerlichten“ Bonhoeffers. Nachfolge kostet etwas, so Bonhoeffer. Man müsse die Botschaft der Evangelien und deren Konsequenzen, wie etwa die Anweisungen der Bergpredigt, ernst nehmen. Glaube und ethische Tat dürften nicht zerrissen werden. Dabei ging es ihm zunächst nicht darum, dass Christen in politischer Hinsicht die Welt verändern könnten. Das von Bonhoeffer verkündete Ethos ist das Ethos der Gemeinde Jesu Christi. In einer im Argen liegenden Welt als von Christus geheiligte Gemeinde leben, darin bestehe die Nachfolge. Später wurden ihm aber die Folgen dieser Einstellung auch und gerade im diesseitigen Leben, in der wahrlich im Argen liegenden Welt, wichtig. Man könne nicht durch ein „heiliges Leben“ allein den Glauben lernen wollen. Es gelte, Zivilcourage zu entwickeln, eine Haltung und Handlung, die aus der Verantwortung des Christen erwachse.

 

[4] Ethik


In dieser Einstellung erkannte Bonhoeffer, dass es in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht nur um eine Auseinandersetzung auf kirchlicher Ebene gehen könne. Das Dritte Reich müsse politisch gestürzt werden, notfalls mit Gewalt. Darüber hinaus gelte es, die Zukunft nach dem Zusammenbruch denkend vorzubereiten. Diese Phase in Bonhoeffers Leben ist vor allem durch seine „Ethik“ bestimmt. Das Werk, an dem er über Jahre arbeitete, blieb unvollendet. Er schrieb in vier Schüben zwischen 1940 und 1942 daran. Was bedeutet Christus für die Welt? Gerade die Welt stehe unter dem Herrschaftsanspruch Christi. Es gehe keineswegs darum, die Welt zum Reich Gottes zu machen, aber sehr wohl darum, sie zu erhalten. Dafür seien Christen mit verantwortlich. Anfangs war Bonhoeffer noch als Pazifist von einem passiven Widerstand überzeugt. Nach und nach hegte er Sympathien für den Tyrannenmord, bis er ihn schließlich selbst gut hieß. Bonhoeffer hielt es für richtiger, schuldig zu werden, wenn dadurch Menschenleben gerettet werden könnten. Er beteiligte sich an Attentatsplänen und knüpfte Kontakte im Ausland. Schließlich wurden seine Aktivitäten entdeckt, er wurde verhaftet.

"Es ist eine Theologie aus dem Dunkel, ein in der Nacht gewachsener Glaube, ein trotzig-vertrauensvolles Gespräch mit einem sich verbergenden Gott, während scheinbar nur der Teufel zuhört und der Tod vor der Zellentür lauert."

Was von Bonhoeffers Theologie die Zeit überdauert hat, entstand nicht am antiken Schreibtischmobiliar einer gepflegten Professorenwohnung, sondern in einer zwei mal drei Meter großen Einzelzelle des Gefängnisses Berlin-Tegel. Im Gefängnis war er allem ausgesetzt, was Menschen in einer Zelle erleben: Einsamkeit, Sehnsucht, Angst, Sinnlosigkeit und Depression. Doch seine aus dem Gefängnis geschmuggelten Briefe zeigen, dass es ihm gelang, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Er las viel und begann, ein Drama und einen Roman zu schreiben. Gelassen, voller Hoffnung ergab er sich seinem Schicksal, gehängt zu werden. Für viele seiner Mitgefangenen war er ein Vorbild, er zeigte ihnen einen Weg, mit ihrer Situationen zurecht zu kommen. Und er schreibt viel Theologisches. Es ist eine Theologie aus dem Dunkel, ein in der Nacht gewachsener Glaube, ein trotzig-vertrauensvolles Gespräch mit einem sich verbergenden Gott, während scheinbar nur der Teufel zuhört und der Tod vor der Zellentür lauert. Das Schweigen Gottes ist für ihn zu einer beklemmenden Erfahrung geworden. Eine Erfahrung, die die meisten Christen teilen. Zu glauben scheint riskant und schwer, ja manchmal unmöglich – und man vergisst gern, dass es Glauben ohne Risiko nicht gibt.

Bonhoeffers bleibende Anziehungskraft liegt wohl darin, dass er den Glauben in einer solchen Grenzsituation gelebt hat. Gelebt – nicht nur gepredigt. Was er schreibt und vorträgt, steht immer in engem Zusammenhang mit seiner Biographie. Sein Glaube beeindruckt durch seine Klarheit und Konsequenz. Es ist nach wie bewundernswert, mit welcher Intensität und Geradlinigkeit sich sein Glaube in diesem kurzen Leben vollzog. Die Folgerungen seiner Gedanken zur Nachfolge haben bis heute Modellcharakter für die Zukunft des Christseins.

Marc Witzenbacher, Pressesprecher