Glaube aktuell (19.01.06)

 

Schöpfung und Evolution – ein Widerspruch?

Klaus Nagorni
K. Nagorni

 

[1] Schöpfung und - oder Evolution?

Wie geht das zusammen, fragen heute viele Menschen, einerseits an Gott als den Schöpfer der Welt zu glauben und andererseits die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften anzuerkennen? Wie kann man angesichts der modernen Evolutionstheorie noch glauben, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat? Schließen sich christlicher Glaube und modernes Weltbild nicht gegenseitig aus?

Keineswegs! Seit einigen Jahrzehnten gibt es in vielen Ländern und auch bei uns einen Dialog zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen, in dem man unter anderem zwei Dinge voneinander gelernt hat:

 

[2] Perspektiven


1. Naturwissenschaft und christlicher Glaube beschäftigen sich zwar mit ein und derselben Wirklichkeit, aber sie tun es in unterschiedlicher Weise und jeweils in ihrer eigenen Sprache. Wissenschaft spricht an der Wirklichkeit das an, was allgemeingültig und messbar ist. Der Glaube hat im Blick, was persönlich und einmalig ist. Einen Wissenschaftler interessiert beispielsweise am menschlichen Herzen, wie man messen kann, in welchem Zustand es sich befindet, wie oft es schlägt und ob das der Norm entspricht. Etwas anderes meinen Menschen, wenn sie in ganz besonderen Situationen sagen „Dir gehört mein ganzes Herz“ oder „Das hat ihm das Herz gebrochen“. Bei letzterer Aussage ist eine sehr persönliche Erfahrungsebene im Spiel. Naturwissenschaftlich gesehen sind solche Sätze sinnlos, im alltäglichen Leben spielen sie eine große Rolle. Sie haben ihre eigene Wahrheit, ohne die uns eine Menge fehlen würde.

2. Wenn es so ist, dass man von der Wirklichkeit in unterschiedlicher Weise sprechen kann, je nachdem aus welcher Perspektive man sie betrachtet, dann heißt das auch, dass sich unterschiedliche Aussagen nicht ausschließen müssen, sondern einander ergänzen können. Ich gehe zum Arzt, wenn ich Probleme mit dem Herzen habe und hoffe, dass er mir helfen kann. Ich schreibe oder lese ein Gedicht, wenn mich ein anderer Mensch so berührt und fasziniert, dass es mir „zu Herzen“ geht. Das eine ist nicht wahrer oder falscher als das andere. Ich nähere mich nur der Wirklichkeit von verschiedenen Seiten – und davon hängt ab, was ich an ihr erkenne und in welche Worte ich meine Erkenntnis fasse.

"Vom heutigen Wissensstand aus gesehen, kann ich die Evolutionstheorie also akzeptieren, ohne dass daraus für meinen Glauben ein Problem entstünde."

Was bedeutet das für das Verhältnis von Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie? Mir fällt es als Christ nicht schwer, die wissenschaftlichen Erkenntnisse dieser Theorie zur Kenntnis zu nehmen. Dabei weiß ich, dass wissenschaftliche Aussagen immer nur vorläufig sind, weil eine Theorie jederzeit durch eine bessere Theorie ersetzt werden kann. Vom heutigen Wissensstand aus gesehen, kann ich die Evolutionstheorie also akzeptieren, ohne dass daraus für meinen Glauben ein Problem entstünde. Im Gegenteil – diese Theorie beantwortet mir eine Menge von Fragen darüber, wie sich das Leben auf der Erde entwickelt hat. Sie lässt aber mindestens ebenso viele Fragen offen.

Beispielsweise die Frage, warum es überhaupt Leben gibt. Und weiter: Wenn es schon Leben gibt, was bedeutet das dann für mich? Wie soll ich mein Leben einrichten? Wie handeln, worauf hoffen? Auch das sind Fragen, die die Wissenschaft als Wissenschaft nicht beantworten kann und will, weil sie sich auf das an der Realität beschränkt, was an ihr objektiv und messbar ist.


 

[3] Ergänzung


Ein Satz wie „Ich glaube nicht an Gott, sondern an die Evolution“, macht darum keinen Sinn. Ich kann als Wissenschaftler, der die Evolutionslehre vertritt, durchaus daran glauben, dass die Welt eine Schöpfung Gottes ist. Nicht in dem Sinn, dass die Bibel ein naturwissenschaftliches Lehrbuch wäre, aus dem wir die Entstehungsgeschichte des Kosmos ablesen könnten. Aber doch so, dass die Bibel sagt: am Anfang stand kein Zufall, kein Big-Bang, sondern die Absicht Gottes, eine Welt zu schaffen, die aus seinen Händen kommt und in seinen Händen liegt. In der nicht ein blindes Zufallsprinzip herrscht, sondern in der Gottes Geist und Gottes Spuren zu finden sind. Eine Schöpfung auch, die nicht eines fernen Tages in einem schwarzen Loch versinken wird, sondern die am Ende bei dem Schöpfer aufgehoben ist, der auch an ihrem Anfang stand.

"Es geht eher um eine gegenseitige Ergänzung. Die Aussagen beider Systeme über das Leben liegen auf verschiedenen Ebenen, aber sie betreffen ein und dieselbe Wirklichkeit."

Der Gegensatz von Glaube und Wissenschaft ist keineswegs zwangsläufig. Es geht eher um eine gegenseitige Ergänzung. Die Aussagen beider Systeme über das Leben liegen auf verschiedenen Ebenen, aber sie betreffen ein und dieselbe Wirklichkeit. Wo mir diese Wirklichkeit als objektive Gegebenheit gegenübertritt, wo ich sie messen, sie kontrollieren und experimentell manipulieren kann, wo ich Theorien über sie entwickle, die immer auch widerlegbar sind, handle ich als Wissenschaftler. Wo mir diese Wirklichkeit als gelebtes Leben begegnet, mit meinen Ängsten und Hoffnungen, wo sich die Fragen nach Sinn und Ziel meines Lebens stellen, da bewege ich mich auf dem Feld des Glaubens. Und lerne jeden Tag neu, was mir christlicher Glaube zu diesen Fragen zu sagen hat, was er mir an Antworten gibt, aber auch vor welche neuen Herausforderungen er mich stellt.

 

Akademiedirektor Klaus Nagorni (Evangelische Akademie Baden)