Glaube aktuell (12.09.07)

 

Leitstern: die Bibel, Instrument: der Kompass

Karen Hinrichs
Karen Hinrichs

[1] Der Kirchenkompass

Mit Hilfe des Kirchenkompass’ verständigt sich die badische Landeskirche über den Auftrag der kirchlichen Arbeit und die langfristigen Ziele, die in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren die Richtung bestimmen sollen - sowie über die Mittel und Wege, um diese zu erreichen.

Im Unterschied zu einem Unternehmen haben wir als Kirche stets zuerst nach dem Auftrag zu fragen, den wir von unserem Herrn Jesus Christus bekommen haben. Wie können wir die Bot­schaft von Gottes Liebe in Wort und Tat verkündigen? Gewiss differenziert und konkretisiert sich dieser Auftrag in den unterschiedlichen kirchlichen Arbeitsbereichen, dennoch bleibt er die ge­meinsame Mission im ursprünglichen Sinn des Wortes. Im Nachdenken über die Grenzen und die Möglichkeiten der Übernahme strategischer Planungsinstrumente in den Bereich der Kirche war der Gedanke leitend, dass nicht die Kirche dem Planungsinstrument zu dienen hat, sondern umgekehrt das Instrument der Kirche und ihren spezifischen Aufgaben.


[2] Die fünf Perspektiven

Dabei sind folgende fünf Perspektiven Grundlage der Planungen im Kirchenkompass:

  1. Die Auftragsperspektive. Auf welche Weise werden wir in unserem Handlungsbereich dem kirchlichen Auftrag gerecht, von Gottes Liebe in Wort und Tat zu erzählen? Wo dient unsere Arbeit direkt oder indirekt diesem Auftrag? Welche konkreten Aufgaben er­geben sich daraus, die wir allein oder in der geschwisterlichen Zusammenarbeit mit an­deren erfüllen können?
  2. Die Mitarbeitendenperspektive. Sie umfasst in der Kirche immer zugleich die Perspek­tive der ehrenamtlichen wie die der haupt- oder nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Gaben, Kompetenzen, Partizipations- und Gestaltungsmöglich­keiten.
  3. Die Perspektive der Zielgruppen und der Öffentlichkeit. Wie können wir in unserem Aufgabenbereich dazu beitragen, dass das Evangelium Menschen in ihren unterschiedli­chen Lebenssituationen erreicht? Denken wir auch an die verschiedenen Altersgruppen und sozialen Milieus, an die Kirchendistanzierten, die Ausgetretenen, die interessierte Öffentlichkeit usw.?
  4. Die Entwicklungsperspektive. Sie nimmt den jeweiligen Teilbereich als eigene Organi­sa­tion in den Blick und fragt: Wie können wir zur Weiterentwicklung unseres Be­reiches beitragen? Was hat sich bewährt und was muss sich wie ändern? Welche (Lern-)schritte sollen dafür gegangen werden?
  5. Die Ressourcenperspektive. Sie fragt vor allem nach den Finanzen, aber auch nach den Zeit-, Sach- und Energieressourcen, welche gebraucht werden, um die Vorhaben zur Umsetzung der Ziele zu verwirklichen. Sie sollte dem Gedanken der achtsamen, nachhaltigen Haushalterschaft verpflichtet sein. 


[3] Wir reden nicht von „Vision“, sondern von Leitbildern

Aus theologischen Gründen verzichten wir hierbei auf den sonst in derartigen Planungsprozessen üblichen Begriff der „Vision“ und sprechen stattdessen von den „Leitbildern für die Zukunft der Evangelischen Landeskirche in Baden“. Die in der Bibel geschilderten prophetischen Visio­nen sind von gänzlich anderer Art als jene, die als motivierende Zukunftsbilder für säkulare Or­ganisationen dienen können. Zudem haben wir mit der Verheißung des Reiches Gottes die eine entscheidende Vision für die weltweite Kirche Jesu Christi, die unseren Glauben und unser Handeln bestimmt. Auch kirchliche Zielsetzungen für einen begrenzten Zeitraum stehen immer unter einem entsprechenden theologischen und eschatologischen Vorbehalt. Diesen bedenkend haben wir uns gegen den Begriff der Vision und für die Bezeichnung „Leitbilder“ entschieden. Der verwendete Plural macht implizit auch kenntlich, dass aus der Fülle der biblischen Motive auch andere leitende Bilder für unterschiedliche kirchliche Arbeitsbereiche, Gemeinden oder Bezirke wichtiger sein können, als die hier für die ganze Landeskirche ausgewählten.

Die Leitbilder sind das Grundelement des Gesamtprozesses, auf die sich sowohl der landes­kirchenweite Diskurs über den Auftrag von Kirche bezieht, als auch der landessynodale Pro­zess der Entwicklung von strategischen Zielen. Ebenso sind die Teilprozesse im Evangelischen Oberkirchenrat mit der Entwicklung von Zielen für die einzelnen Arbeitsbereiche eng auf die Leitbilder bezogen.
Die Leitbilder wurden in einem vorlaufenden Kommunikationsprozess entwickelt, vom Landes­bischof als Entwurf verfasst und nach weiteren Beratungen im Landeskirchenrat mehr­fach überarbeitet. Neben der Aufnahme von Anregungen aus der Landessynode sind ihre wich­tigste - auch exegetisch nachweisbare - Quelle die Leitsätze der Landeskirche.

Mit der Vorstellung und Erläuterung der Leitbilder vor der Landessynode im Frühjahr 2006 durch den Landesbischof wurde ein kirchenöffentlicher Diskurs eröffnet, der seither in vielfältiger Weise stattfindet und noch keineswegs abgeschlossen ist.

Die Leitbilder greifen aus der Fülle möglicher biblischer Bilder vier Motive auf: Das des wandernden Gottesvolkes, die paradoxe Metapher vom Haus der lebendigen Steine, das Bild­wort vom Leib und den vielen Gliedern und das Jesuswort vom Salz der Erde. In eher assoziati­ver denn stringenter Weise werden diesen Motiven Themen zugeordnet, die für die zukünftige Gestaltung der kirchlichen Arbeit Bedeutung haben.

Beim 1. Leitbild vom wandernden Gottesvolk geht es um den missionarischen Auftrag und die vielfältigen Formen der Verkündigung. Zu dem Gedanken des gemeinschaftlichen Weges durch die Zeiten, den das wandernde Gottesvolk unter der Verheißung der Gegenwart Christi geht, steht die Frage nach den Bedingungen geistlicher Beheimatung in Gottesdienst und Kir­che in einer spannenden Beziehung.

Das 2. Leitbild vom Haus der lebendigen Steine nimmt die unterschiedlichen Gemeindefor­men in den Blick. Die Parochie - so die zugrunde liegende Annahme - wird nicht mehr die ein­zige Form von Gemeinde bleiben, sondern verstärkt durch unterschiedlich profilierte kirchliche Zentren ergänzt werden. Solche Orte, von denen spirituelle, diakonische oder gesellschaftspoli­tische Impulse ausgehen, werden „Leuchttürme“ genannt.

Im 3. Leitbild vom Leib Christi geht es um die fruchtbare Spannung zwischen einem Bewusst­sein für die Schätze der eigenen reformatorischen Tradition auf der einen Seite und dem Be­wusstsein für die Bedeutung gelingender ökumenischer Beziehungen und eines vielfältigen Dialoges auf der anderen Seite. Die Bildungsarbeit und die Ökumene sind die beiden Hand­lungsfelder, die hier in den Blick kommen.

Das 4. Leitbild vom Salz der Erde greift sowohl die Aufgaben der christlichen Weltverantwor­tung als auch der seelsorgerlichen und diakonischen Zuwendung zu den Menschen auf und verknüpft beides miteinander. Der missionarische Auftrag der Kirche wird darin gesehen, hei­lend, versöhnend und wegweisend in der Gesellschaft zu wirken. Der diakonische Auftrag wird sowohl neu in den Gemeinden verortet als auch auf die Themen des konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung bezogen.

  • Ein ausführliches Dossier über den Kirchenkompass-Prozess finden Sie in ekiba akuell (12.09.07)