Glaube aktuell (26.09.07)

 

"Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist"

Peter Böhlemann
Peter Böhlemann

 

[1] Zukunfsfähigkeit setzt Mut voraus

Hätte der Sämann in dem Gleichnis (Mk 4,1–9) nicht die Vision gehabt, dass aus dem Samen etwas Gutes wird, hätte er nicht ausgesät. Nichts wäre geschehen. Wer zukunftsfähig sein will, muss den Mut haben, auf die Zukunft zu hoffen. Und er braucht eine Vision von dem, was sein kann und soll.

Visionen im biblischen Sinn haben wir nicht, sie haben uns, nehmen uns gefangen. Es sind keine frommen Wunschträume, sondern es ist Gottes Sicht, die uns ergreift.
In der Kirche brauchen wir »getaufte« Visionen, Hoffnungsbilder, die uns der göttliche Geist schenkt und die Sinn und Geschmack für die Schönheit des Reiches Gottes wecken. Die Quelle für solche Visionen ist die Bibel. (...)

"Eine Kirche ohne Visionen hat aufgegeben, mit der Wirklichkeit Gottes ernsthaft zu rechnen. Sie erstickt im Dornendickicht der Notwendigkeiten."

Vision in diesem Sinn bedeutet Anschauung der Wirklichkeit Gottes.
Deshalb sind Visionen so wichtig, denn hinter ihnen stehen Menschen mit der Erkenntnis, dass Gott wirklich wirkt, und mit einer Idee, was und wie das sein könnte; Menschen, die jenseits von Naivität oder Weltfremdheit zusammen mit anderen nach dem Plan Gottes für ihre Gemeinde suchen und ihn finden.
Eine Kirche ohne Visionen hat aufgegeben, mit der Wirklichkeit Gottes ernsthaft zu rechnen. Sie erstickt im Dornendickicht der Notwendigkeiten.


[2] Vertrauen auf die biblischen Verheißungen

Eine Kirche mit Visionen ist die Wirklichkeit Gottes. Er hat sie nicht aufgegeben.
Übrigens, ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie Menschen sich durch die Dinge, mit denen sie sich beschäftigen, verändern? Also man sagt ja, dass glückliche Ehepaare sich nach Jahrzehnten immer mehr ähneln, … oder Hundebesitzer …
Aber im Ernst: Menschen richten nach einiger Zeit auch ihre inneren Ziele danach aus, womit sie sich am meisten beschäftigen. Und jetzt frage ich Sie, womit beschäftigt Kirche sich zur Zeit am meisten?
Was beschäftigt Dich? Was Deine Gemeinde? Einsparungen, Geld – oder der Traum einer blühenden Wiese?!
Wir brauchen Träume, Visionen, die Gott uns schenkt, Verheißungen, die uns auf unseren Wegen in die Zukunft lenken, um zu überleben.

Wir brauchen in der Kirche ein frisches und tiefes Vertrauen auf die biblischen Verheißungen. Gott will, dass sein Reich wächst, auch in unseren Gemeinden. Er selbst sorgt für unsere Zukunft. (...)


[3] Zukunftsfähigkeit entscheidet sich in der Mitte und am Rand

Und jetzt sage ich etwas, was vielleicht nicht populär ist, aber überlebenswichtig für unsere Zukunft. Wir dürfen uns als Gemeinden nicht selbst genügen! Wir müssen den Blick in die Zukunft auch von uns weg wenden und auf den Rand unserer Gemeinden und unserer Gesellschaft richten.

Am Ende der Zeit wird uns niemand fragen, ob wir schöne Gottesdienste gefeiert haben, tolle Hauskreise besucht oder tiefe Glaubenserfahrungen hatten. Christus wird vor uns stehen und sagen: Ich bin hungrig gewesen. Habt ihr mich gespeist? Ich bin ein Fremder gewesen? Habt ihr mich bei euch aufgenommen? Ich war nackt, krank, gefangen (vgl. Mt. 25,31-46).
Die Zukunftsfähigkeit unserer Gemeinden entscheidet sich im Gefängnis, im Krankenhaus, auf der Straße und an der Grenze.
Oder, um es mit dem abgesetzten Bischof Jacques Gaillot zu sagen: „Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Armen wieder auf.“ und: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“

Wenn wir lebendige und zukunftsfähige Gemeinde sein wollen, dürfen wir uns nicht auf die Pflege der sogenannten Kerngemeinde zurückziehen, sondern müssen sehr gut auf den Rand achten und auf das „Fruchtfleisch“. Denn davon lebt die Kirche – aber sie lebt nur dann gesund, wenn sie es vermehrt und nicht aufzehrt. Und Profil wird in der Regel am Rand erkennbar.

"Wir brauchen beides: gesellschaftliches Engagement und Eintritt für die Schwachen am Rand genauso wie eine spirituelle Mitte, in der Menschen Glauben erleben können."

Weder der Blick nur auf unsere Mitte noch der Blick an den Rand reichen, um zukunftsfähigen zu werden. Wir brauchen beides: gesellschaftliches Engagement und Eintritt für die Schwachen am Rand genauso wie eine spirituelle Mitte, in der Menschen Glauben erleben können. Und in beiden Dimensionen – am Rand und in der Mitte – geht es um die Begegnung mit dem lebendigen Christus.

Peter Böhlemann,
aus dem Referat auf dem Gemeindeentwicklungskongress der Evangelischen Landeskirche in Baden, Karlsruhe am 22. September 2007.
Für ekiba.de gekürzt.