Glaube aktuell (10.10.07)
"Wir werden aber unseren ökumenischen Weg weitergehen"
U. Fischer und R. Zollitsch (von rechts)
Oktober-Ausgabe der "Standpunkte"
Aus einem Interview mit Landesbischof Ulrich Fischer über die Ökumene in Baden.
[1] Wie sehen Sie den aktuellen Stand der ökumenischen Beziehungen zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland?
Insgesamt kann man sagen, dass der Papstwechsel nicht zu einer Belebung der Ökumene geführt hat. Durch die auffallend häufigen Besuche von Kardinal Walter Kaspar, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, wurden in Deutschland zwar sehr oft römische Positionen dargestellt und ins Gespräch gebracht, aber dadurch eher die kontroversen Punkte klarer markiert. Das hat damit zu tun, dass sich Rom im Augenblick sehr viel deutlicher darum bemüht, eine Verständigung mit der Ostkirche, der Orthodoxie, zu erreichen. Rom sagt zwar, das gehe nicht zu Lasten der Ökumene mit den Protestanten, aber tatsächlich ist das eindeutig so. Je mehr sich die katholische Kirche der Ostkirche annähert, desto mehr werden Positionen, die wir vertreten, wie etwa in der Frage der Frauenordination noch stärker in Frage gestellt und auch abgelehnt.
[2] Wo gibt es Annäherungen, was für Positionen sind unvereinbar?
Es gibt viele Annäherungen beim öffentlichen Einsatz der Kirchen gegenüber Regierungen, in der Öffentlichkeit und in ethischen Fragen. Es ist inzwischen selbstverständlich, dass wir etwa bei Landesregierungen und der Bundesregierung gemeinsam auftreten. Sehr unvereinbar sind wie gesagt die Positionen in der Amtsfrage, zumal damit die Frage der eucharistischen Gastfreundschaft verbunden ist. Wenngleich wir an der Stelle nicht weiterkommen, sollte man die Ökumene nicht ständig auf diese Frage zuspitzen, denn dann wird auch der zweite ökumenische Kirchentag in München 2010 nur Enttäuschungen produzieren. In der Frage, wie man das Abendmahl zu verstehen hat, sind wir längst so weit, dass wir miteinander Abendmahl feiern könnten. Aber dass das Abendmahl nur durch einen geweihten Amtsträger der Kirche verwaltet und geleitet werden darf, das trennt uns eben. Da werden wir bis zum ökumenischen Kirchentag nicht weiterkommen. (...)
[3] Was ist das Besondere an der Ökumene in Baden?
Wir haben exzellente Beziehungen zur Erzdiözese Freiburg. Ich denke, die ökumenischen Beziehungen in Baden sind für die ganze Bundesrepublik vorbildlich. Wir haben die einzige echte ökumenische Trauung. Wir haben schon unter meinem Vorgänger Klaus Engelhardt einen bemerkenswerten Text „Gottesdienste als Orte der Begegnung“ auf den Weg gebracht und ihn dann in meiner Zeit noch einmal erneuert und eine sehr weite Verständigung darüber erreicht, was uns in Gottesdiensten verbindet. Dann ist der konfessionelle, kooperative Religionsunterricht etwas Besonderes, was so nur in Baden und in Württemberg existiert. Die gegenseitige Anerkennung der Taufe, die jetzt in Magdeburg so groß gefeiert wurde, gibt es bei uns schon lange Zeit.
[4] Wie spiegelt sich das offiziell wider?
Was schon lange Zeit in vielen Gemeinden Realität ist, das entwickelt seine Wirkung. Erzbischof Robert Zollitsch und ich haben die Charta Oecumenica vor drei Jahren in einer Rahmenvereinbarung umgesetzt, so dass inzwischen etwa 50 Gemeinden örtliche Vereinbarungen getroffen haben. Aus der Rahmenvereinbarung hervor ging jetzt auch eine Charta Oecumenica Socialis, eine Vereinbarung des Diakonischen Werkes unserer Landeskirche und des Caritasverbandes zur engen Abstimmung und Zusammenarbeit im diakonisch-karitativen Bereich. Das sind ein paar starke badische Besonderheiten. Nach einem Gespräch mit Erzbischof Zollitsch haben wir eine Arbeitsgruppe eingesetzt zum Thema arbeitsteilige Ökumene, die sechs Arbeitsfelder überprüft unter den Fragen, was können wir stellvertretend tun für den anderen, für die andere Kirche und in enger Kooperation miteinander. Im kommenden Jahr werden wir sehen, was dabei herauskommt. (...)
[5] Wie steht denn Baden auf der ökumenischen Skala im Vergleich zur gesamten Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Ich denke, da stehen wir sehr weit oben. Es ist überall dort leichter, wo die Evangelischen und Katholiken etwa gleich stark sind. Das ist in Baden-Württemberg so. (...)
[6] Welche Ziele hoffen Sie denn als nächste zu erreichen?
Ich finde schon einmal gut, dass jetzt in unserer Rahmenvereinbarung zur Charta Oecumenica ein Grundsatz formuliert wurde: Alles, was wir getrennt machen, bedarf seiner Rechtfertigung, was wir gemeinsam machen, bedarf nicht mehr seiner Begründung. Wenn dieser Grundsatz allgemein gültig würde, wäre das schon viel. Eigentlich muss man der Welt heute gegenüber begründen, warum wir etwa beim Thema Ausländer nicht gemeinsam sprechen und sozial zusammenarbeiten. Das leuchtet in der Tat nicht ein bei all den ethischen Herausforderungen. Ich habe zum Wort der Deutschen Bischofskonferenz von 2000 „Gerechter Friede“ gesagt: „Wenn das ein gemeinsames Wort, eine gemeinsame Friedensdenkschrift wäre, wäre das großartig.“ Aber das ist an uns vorbeigegangen. Es bedarf eigens einer Rechtfertigung, warum man so etwas getrennt macht. Wenn man da sagen würde, das, was wir gemeinsam tun können, machen wir mit aller Selbstverständlichkeit gemeinsam: Seelsorge in Krankenhäusern, in Justizvollzugsanstalten, Zusammenarbeit im Religionsunterricht und in der Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung gegenüber dem Staat und dem Landtag. Das läuft ja auch sehr, sehr gut bei uns in Baden-Württemberg. Das sollte alles eine Normalität erreichen.
"Dass der Schwung heute weg ist, hängt auch damit zusammen, dass vieles normal geworden ist und gefragt wird: Was wollen wir denn noch erreichen? Wir werden aber unseren ökumenischen Weg weitergehen."
Das Zweite ist, dass ich auf katholischer wie auf evangelischer Seite wahrnehme, dass der große Schwung, den das Vatikanische Konzil 1965 gebracht hat, verlorengegangen ist. Die Priester, die in dieser Zeit Priester wurden, sind bereits alt oder gehen jetzt in den Ruhestand und die Jungen kennen das Konzil oft nur noch von Erzählungen. Was nachwächst, spürt oft nicht mehr den Impuls dieses enormen Reformschubs für die katholische Kirche. Das hat uns auf evangelischer Seite richtig beflügelt, neue Wege zu gehen. Dass der Schwung heute weg ist, hängt auch damit zusammen, dass vieles normal geworden ist und gefragt wird: Was wollen wir denn noch erreichen? Wir werden aber unseren ökumenischen Weg weitergehen. Ich habe jetzt angeregt, die Aktion der „Nacht der offenen Kirche“ gemeinsam zu machen. Wir werden das in der Nacht vom Reformationsfest zu Allerheiligen ab 2008 tun. Das ist natürlich ein wunderbarer ökumenischer Termin.
[7] Geht bei solchen Aktivitäten protestantische Identität verloren?
Die Frage, ob wir dabei protestantische Identität verlieren, hat mich noch nie gekümmert. Ich sage das ganz ehrlich. Protestantische Identität besteht ganz stark darin, dass wir in der Rückbindung an die Bibel und an Gott eine große Freiheit leben. Wenn ich diese Freiheit lebe, muss ich nicht immer Sorge haben, dass ich dabei meine Identität verliere. Manche engen Kreise sagen, sie verlieren ihre Identität, wenn sie sich zu sehr auf die säkulare Kultur einlassen. Auch das begreife ich nicht. Wenn ich mich rückgebunden weiß, dann kann ich mich auf sehr vieles Säkulare einlassen, ohne Angst zu haben, dabei verloren zu gehen.
[8] Diese Frage stellte sich doch auch schon bei einer unierten Kirche.
Natürlich. Ich finde, was unsere badische Kirche gemacht hat, war im Rückblick geradezu prophetisch, also Reformierte und Lutheraner geben einen Teil ihrer Identität auf zugunsten einer evangelischen Identität. Das haben die evangelischen Kirchen 1973 mit der Leuenberger Konkordie nachvollzogen, indem sie gesagt haben, das, was uns trennte, ist nicht mehr trennend. Das machen wir jetzt in der Union der evangelischen Kirchen (UEK) und der VELKD weiter. Nichts ist mehr so trennend, dass wir es nicht in ein Kirchamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bringen könnten. (...)
- Interview mit Landesbischof Ulrich Fischer, von Standpunkte-Chefredakteur Alexander Werner.
Aus dem evangelischen Magazin Standpunkte, für ekiba.de gekürzt. Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung.
Die Erstveröffentlichung ist erschienen unter der Rubrik "Baden spezial" in der Oktoberausgabe der Standpunkte und kann hier nachgelesen werden.
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