Glaube aktuell (18.10.07)

 

Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten - Chancen für die Volkskirche (Teil 1)

Uta Pohl-Patalong
Uta Pohl-Patalong

[1] Die zwei Krisen der Kirche

Allerorten wird die „Krise“ der Kirche ausgerufen. „Die Krise“ sind dabei genau genommen zwei verschiedene Krisen, die nur bedingt miteinander zusammenhängen: Einerseits eine Finanzkrise, die wohl alle, die sich in der Kirche engagieren, seit einigen Jahren sehr beschäftigt, andererseits aber auch eine inhaltliche Krise, die ich Relevanzkrise nenne. (...)

Die neueren Erkenntnisse der sogenannten Milieustudien [zeigen], dass es nicht nur eine persönliche Glaubens- oder Lebensentscheidung ist, ob man einen Zugang zur Kirche findet, sondern dass es ganz erheblich mit dem Lebensalter, der Familiensituation, dem Bildungsstand, aber auch mit den ästhetischen Orientierungen zu tun hat. (...)

"...die Kirche sollte nicht durch bestimmte Vorentscheidungen den Zugang zum Evangelium hemmen."

Problematisch ist allerdings, dass von den sechs Milieus, die die jüngste Studie der EKD unterscheidet, nur eines richtig gut und ein zweites einigermaßen gut von den dominanten kirchlichen Angeboten, sprich: der normalen ortsgemeindlichen Realität, angesprochen wird, und dass diese Milieus zudem die beiden ältesten sind. Dies ist ein Problem für die Kirche als Institution, dass sie gerade die jüngeren nicht gut erreicht, vor allem aber ist es ein theologisches Problem. Denn es bedeutet, dass die Kirche es mit ihren dominanten Organisations-, Sozial- und Handlungsformen manchen Menschen erleichtert und anderen erschwert, im Kontakt mit dem Evangelium zu leben (und manchmal durchaus auch: allererst in Kontakt zu kommen). Nun weht glücklicherweise der Geist, wo er will, und Glaube entsteht nicht durch die Institution, sondern durch die Gnade Gottes, aber die Kirche sollte nicht durch bestimmte Vorentscheidungen den Zugang zum Evangelium hemmen. (...)


[2] Anliegen und Akzente: Die missionarische Chance der Kirche

Ich sehe die missionarische Chance der Kirche daher vor allem in einer Arbeit, die Menschen – ganz unterschiedlichen Menschen – deutlich macht, dass der christliche Glaube und das Leben im Kontakt mit dem Evangelium für sie und ihr Leben wichtig und von Bedeutung ist. Daher liegt mir besonders an einem bleibenden Engagement der Kirche in ganz unterschiedlichen Handlungsfeldern. Die grundlegende Aufgabe der Kirche, die Kommunikation des Evangeliums, konkretisiert sich in diversen Handlungsfeldern. Dabei können wir nicht immer im Vorhinein wissen, welches Handlungsfeld auf welchem Weg wem die christliche Botschaft erfahrbar und wichtig für sein Leben werden lässt. Das kann der Bibelkreis sein, die Jugendgruppe, die Single-Arbeit, die Kirchenmusik, das Meditationsangebot, Spiritualität, ökumenische Arbeit, der interreligiöse Dialog, die Obdachlosenarbeit oder das Kirchenasyl. Die Kommunikation des Evangeliums findet in, mit und unter diesen Handlungsfelder statt und ist letztlich Wirken des Geistes. Würden im Zuge von Sparmaßnahmen oder von dem Wunsch nach einer profilierteren eindeutigen Identität getragen alle Gemeinde einer Landeskirche oder eines Dekanats sich auf die gleichen Aufgaben konzentrieren, dann würden bestimmte Aufgaben gar nicht mehr erfüllt, die potentiell genau so wichtig sind wie andere. Da keine Gemeinde alles auf einmal anbieten kann, scheint es mir die sinnvollste Lösung, arbeitsteilig vorzugehen und aufeinander zu verweisen: Die eine Gemeinde setzt ihre Schwerpunkte in der Jugendarbeit und der Obdachlosenarbeit, die andere in der Kirchenmusik und der Arbeit mit Familien, die nächste im Bereich Spiritualität und interreligiöser Dialog usw. Das bedeutet auch, eine „Kultur des Lassens“ zu entwickeln und zu pflegen: Jede Gemeinde darf klare Schwerpunkte setzen und andere lassen, in dem Bewusstsein, dass eine andere Gemeinde dies tut – und dies gut tut.


[3] Nicht jeder muss alles machen

Damit versteht sich die einzelne Gemeinde deutlich als Teil der Kirche und kann sich selbst nicht genug sein. Sie bleibt eigenständig und hat eine klare Identität (vielleicht sogar noch klarer als bisher), aber sie verweist wertschätzend auf andere. Dies bedeutet auch eine Relativierung des Wohnortprinzips, insofern es dann ganz legitim ist, wenn ich spirituelle Arbeit suche oder mich in der Obdachlosenarbeit engagieren möchte, dass ich mich dann der entsprechenden Gemeinde anschließe. Dies geschieht ja auch schon bisher, ist aber nicht selten ein bisschen mit schlechtem Gewissen verbunden: Eigentlich gehöre ich ja zur Gemeinde xy, aber ... Ich würde dies gerne überwinden, indem es ganz legitim wird, sich einer Gemeinde anzuschließen, die einem liegt und deren Arbeit einem entspricht. Damit ist dann auch die Chance gegeben, dass unterschiedliche Gemeinden unterschiedliche Milieus ansprechen, ohne sich unter den Druck setzen zu müssen, dass man doch irgendwie alle erreichen müsste. (...)

Damit sich alle wirklich guten Gewissens mit Lust und Leidenschaft auf bestimmte Gebiete konzentrieren und andere lassen können, braucht es allerdings noch stärkere Absprachen in einer größeren Region. Denn es muss ja sichergestellt sein, dass sich nicht plötzlich die Hälfte der Gemeinden auf Kirchenmusik und Jugendarbeit konzentriert und es kaum mehr diakonische Arbeit gibt und umgekehrt. Insofern muss dieser Prozess zwar von unten wachsen, jedoch gleichzeitig auch gesteuert werden. (...)


[4] "Es geht ja theologisch um die Gemeinschaft in der Kirche und die kann sich auf unterschiedliche Weise konkretisieren"

Mit dem Gemeinschaftsbegriff ist bereits ein weiterer Punkt angesprochen: In der Tat (...) ist Gemeinschaft wichtig für den christlichen Glauben. Jedoch kann Gemeinschaft in ganz unterschiedlichen Formen gesucht und gefunden werden (...) Es geht ja theologisch um die Gemeinschaft in der Kirche und die kann sich auf unterschiedliche Weise konkretisieren: in dem dauerhaften Engagement in einem Gemeindekreis ebenso wie in der Erfahrung, an manchen Punkten immer wieder zusammen mit Christinnen und Christen Wesentliches für das eigene Leben zu finden. Insofern sollten auch Gemeinden unterschiedliche Formen von Gemeinschaft ermöglichen, ohne eine Hierarchie zwischen ihnen vorzunehmen.


[5] Haupt- und Ehrenamtlichkeit

Und schließlich liegt mir besonders an einer sinnvollen Gestaltung von hauptamtlicher und ehrenamtlicher Arbeit. Es würde der Zukunft der Kirche und jeder Gemeinde dienen, denke ich, wenn die Zuständigkeiten und Aufgabengebiete zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen und gleichzeitig zwischen den verschiedenen hauptamtlichen Berufsgruppen besser geklärt würden. Für eine Kirche, die von vielen gemeinsam gestaltet wird, erscheint es mir wichtig, dass Ehrenamtliche einerseits Bereiche selbstverantwortlich gestalten können und in ihren Kompetenzen dafür ernst genommen werden. Andererseits müssen sie dafür deutliche Unterstützung erfahren und dürfen sich nicht allein gelassen fühlen. Dies kommt der Aufgabe der Kirche, der Kommunikation des Evangeliums, nur zugute – und den Menschen, die in ihr arbeiten auch. (...)

Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong,
aus dem Vortrag auf dem Gemeindeentwicklungskongress der Evangelischen Landeskirche in Baden, Karlsruhe am 22. September 2007. Für ekiba.de gekürzt.


Teil 2: Das Modell der kirchlichen Orte (Glaube aktuell, 22.10.07)