Glaube aktuell (22.10.07)

 

Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten - Chancen für die Volkskirche (Teil 2)

Uta Pohl-Patalong
Uta Pohl-Patalong

Fortsetzung vom 18.10.07

[1] Das Modell der „kirchlichen Orte“

Was bedeuten diese Anliegen nun für die Zukunft der Gemeinde? Ich habe versucht, sie aufzunehmen und zu verbinden in einer Zukunftsvision, die ich das Modell der kirchlichen Orte genannt habe. Darin habe ich einen „dritten Weg“ beschritten zwischen einem rein am Wohnort orientierten Gemeindemodell und einer übergemeindlich orientierten Arbeit, die hier und da attraktive Angebote macht. Es heißt Modell der kirchlichen Orte, weil ich von den Orten ausgehe, an denen kirchliche Arbeit geleistet wird, egal, ob sie bisher eine Ortsgemeinde waren, ein Tagungshaus, ein kirchlich genutzter Raum im Krankenhaus oder ein diakonisches Werk. Mit dem Gedanken der Orte wird deutlich, dass das Evangelium immer an einem bestimmten Ort konkret wird und von dort aus ausstrahlt. (...)


[2] Vereinsähnliches kirchliches Leben an allen Orten

Ich unterscheide dann in meinem Modell an jedem kirchlichen Ort, sprich: in jeder Gemeinde, zwei Bereiche: Einerseits ein vereinsähnliches kirchliches Leben, andererseits inhaltliche Arbeitsbereiche.
Den vereinsähnlichen Bereich gibt es in jeder Gemeinde. Kirche ist damit nach wie vor am Wohnort präsent. Er ist geprägt von Gemeinschaft und Geselligkeit, so dass dieser Aspekt auf diese Weise einen eigenständigen Stellenwert in der Kirche bekommt. Inhaltlich entsprechen diesem Bereich Teile der bisherigen kirchlichen Angebote wie beispielsweise Seniorinnenkreise, Single-Gruppen, Eltern-Kind-Gruppen, Gemeindefeste, Gemeindereisen oder Basare, aber auch Gruppen, die sich über religiöse Themen austauschen, oder Bibelkreise, die die Bibel in Gemeinschaft lesen und ihre Erkenntnisse einander mitteilen. Ebenso gehört die wohnortnahe und auf persönlichen Beziehungen beruhende „kleine Diakonie“ zu diesem Bereich, also Betreuung, nachbarschaftliche Hilfe und Besuche bei Menschen, die sich zum „Ensemble der Opfer“ rechnen lassen. Dieses vereinsähnliche kirchliche Leben kommt Menschen entgegen, die im Nahbereich Gemeinschaft suchen, ohne die Anstrengung persönlicher Aktivität und Wahl auf sich zu nehmen. Damit werden vor allem die Bevölkerungsgruppen angesprochen, für die das territoriale Prinzip und die Wohnortnähe besonders wichtig sind, da sie weniger mobil sind als andere. Mit dem vereinsähnlichen Bereich werden besonders die Chancen der wohnortnahen kirchlichen Arbeit genutzt. (...)
Die diakonischen Aufgaben dieses Bereichs, die betreuenden Funktionen, sollten allerdings nicht der Dynamik von Angebot und Nachfrage überlassen bleiben. Immer dort, wo es nicht nur um die Befriedigung eigener Bedürfnisse, sondern auch um die Sorge für andere geht, muss organisatorisch sichergestellt werden, dass die Aufgaben erfüllt werden. (...)

"Theologisch wird damit das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ ernstgenommen, das jedem Christen und jeder Christin verantwortungsvolle kirchliche Arbeit zutraut."

Für den vereinskirchlichen Bereich schlage ich vor zu prüfen, wieweit er von den Beteiligten selbst organisiert und gestaltet werden kann. Eine Vision wäre durchaus, dass der vereinskirchliche Bereich von Ehrenamtlichen gestaltet und geleitet wird. Dafür sprechen sowohl theologische als auch soziologische Gründe. Theologisch wird damit das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ ernstgenommen, das jedem Christen und jeder Christin verantwortungsvolle kirchliche Arbeit zutraut. Soziologisch zeigen die Studien zum neuen Ehrenamt, dass die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement heute riesig ist – wenn Menschen Bereiche eigenständig gestalten dürfen und dabei etwas für sich und ihr Leben mitnehmen können. Dies ist eine Herausforderung für die Kirche, mit einem neuen Verständnis des Ehrenamtes auch mehr und andere Menschen anzusprechen als bisher. Es geht also nicht darum, dass die bisherigen Ehrenamtlichen noch mehr schultern, sondern dass die Kirche Menschen einen Raum bietet, ihre Themen und Fragen mit Unterstützung im Raum der Kirche zu bearbeiten. (...)


[3] Differenzierte Arbeitsbereiche an allen Orten

Neben dem an Geselligkeit und Gemeinschaft orientierten vereinskirchlichen Leben schlage ich vor, dass es in jeder Gemeinde einen zweiten Bereich kirchlicher Arbeit gibt, der bestimmte, klar definierte Arbeitsbereiche erfüllt. Dieser Bereich orientiert sich über die Inhalte der Arbeit, weniger über den Geselligkeitsaspekt. Er hat einen größeren Horizont als der vereinskirchliche. Das bedeutet auch, dass nicht in jeder Gemeinde Ähnliches angeboten wird.

Zu diesen Arbeitsbereichen gehören zum einen kirchliche Aufgaben, die bisher eher spezialisiert wahrgenommen wurden und manchmal tragischerweise kaum noch als kirchlich wahrgenommen werden. Diakonische Aufgaben, Bildungsarbeit, Beratung und spezialisierte Seelsorge oder gesellschaftspolitische Aufgaben meine ich z.B.. Aber gemeint sind auch Bereiche, die bislang vor allem in der Ortsgemeinde angeboten werden, die aber unter einer Überlastung der Hauptamtlichen bei zurückgehenden Mitteln und teilweise auch unter einer kleinen Gemeindegliederzahl leiden wie Kinder- und Jugendarbeit, Arbeit mit jungen Erwachsenen, Arbeit mit Familien, Single-Arbeit, Frauen- und Männerarbeit oder Seniorinnen- und Seniorenarbeit. Weitere Bereiche – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – sind Kirchenmusik, Spiritualität, ökumenische Arbeit oder interreligiöser Dialog.
Dabei werden sich die Zielgruppen und die Themen in den beiden Bereichen zum Teil auch überschneiden, z.B. in der Seniorinnenarbeit. Mir geht es dabei auch gar nicht um eine trennscharfe Abgrenzung, als ob bestimmte Themen nur dort und nicht auch da verhandelt werden dürften (...) Was sich dann in welcher Gemeinde konkret an Schwerpunkten herausbildet, dürfte und sollte sogar ein längerer Prozess sein, denke ich. (...)

Mir ist durchaus bewusst, dass dies eine veränderte kirchliche Kultur in der Leitung und der Mitbestimmung bedeutet, die einerseits eine breite Beteiligung sicherstellt, andererseits diese Beteiligung nicht Entscheidungshinderung bedeutet, sondern auf klaren Wegen und in klaren Zeiträumen Entscheidungen befördert. Ich glaube allerdings, eine solche Kultur brauchen wir sowieso, egal welche Organisationsformen man favorisiert.


[4] Gottesdienste und Öffentlichkeitsarbeit

Wichtig ist mir dabei, dass in jeder Gemeinde ein gottesdienstliches Leben stattfindet. Allerdings muss vielleicht der agendarische Gottesdienst am Sonntagvormittag nicht mehr die Regelform bilden. Die Vielfalt von Arbeitsbereichen bietet die Chance, dass sich eine Vielfalt gottesdienstlicher Formen mit unterschiedlichem Charakter und zu unterschiedlichen Zeiten entwickelt. (...)

"Die Kirche würde damit signalisieren: ihr müsst nicht schon „Insider“ sein, ihr könnt jederzeit dazukommen und es gibt gute Chancen, dass ihr das in der Kirche findet, was ihr sucht!"

Je mehr sich die Arbeitsbereiche differenzieren, desto wichtiger wird die Öffentlichkeitsarbeit - sie erhält geradezu eine Schlüsselrolle für die kirchliche Arbeit! Für jede Stadt oder jede Region müsste eine zentrale kirchliche Informationsstelle eingerichtet werden, die ebenso professionell wie freundlich Auskunft gibt, wo welcher kirchliche Arbeitsbereich zu finden ist, wie dieser aussieht und welche Möglichkeiten es gibt, sich dort zu beteiligen. Hier sollte persönliche Beratung geleistet werden für diverse Fragen: Fragen nach Gottesdiensten mit einem bestimmten Charakter, Fragen nach ehrenamtlichem Engagement, Fragen nach diakonischen Einrichtungen und kirchlicher Hilfeleistung, Fragen nach Kasualien und vielem mehr. Die Kirche würde damit signalisieren: ihr müsst nicht schon „Insider“ sein, ihr könnt jederzeit dazukommen und es gibt gute Chancen, dass ihr das in der Kirche findet, was ihr sucht!

Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong,
aus dem Vortrag auf dem Gemeindeentwicklungskongress der Evangelischen Landeskirche in Baden, Karlsruhe am 22. September 2007. Für ekiba.de gekürzt.