Jerusalemer Tagebuch (24.02.06)
Das Heilige Land als Auftrag – 150 Jahre Deutscher Verein vom Heiligen Lande (Teil 2)
Schmidt-Schule um 1955
Fortsetzung vom 18.02.06
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges veränderte sich die Situation im Heiligen Land schlagartig. Zahlreiche katholische Einrichtungen wurden von der osmanischen Regierung, die auf der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war, geschlossen, weil sie unter französischem Protektorat standen.
So wurden eine Reihe von Kirchen, Pfarrhäusern und Schulen des lateinischen Patriarchats von Jerusalem beschlagnahmt und zu militärischen Zwecken verwendet oder für türkische Einrichtungen genutzt. Dies betraf auch die Institutionen Russlands, Italiens und Großbritanniens, die sich ebenfalls mit dem Osmanischen Reich im Krieg befanden.
Das Ende eines Traumes
Die deutschen Einrichtungen konnten hingegen ihre Tätigkeit fortsetzen. Da durch die Kriegshandlungen der Pilgerverkehr völlig zum Erliegen kam, stellte der deutsche Verein vom Heiligen Lande seine Hospize in Jerusalem und Tabgha den in Palästina stationierten deutschen Truppen zur Verfügung.
"Mit der Eroberung Palästinas durch britische Truppen in den Jahren 1917 und 1918 wurde der Traum vom deutschen, katholischen Heiligen Land beendet."
Für die Zeit nach dem Krieg plante der Verein die zahlreichen französischen, russischen, italienischen und englischen Einrichtungen in deutsche katholische Hände zu bringen. In einer Denkschrift aus dem Jahr 1915 träumte der Verein sogar davon, die Grabeskirche und die Geburtskirche in Bethlehem in Besitz zu nehmen.
Mit der Eroberung Palästinas durch britische Truppen in den Jahren 1917 und 1918 wurde der Traum vom deutschen, katholischen Heiligen Land beendet.
Mit der Machtergreifung Hitlers wurde die Arbeit des Vereins zunehmend schwieriger. Die gegen Christentum und Kirche gerichtete Politik der Nationalsozialisten ließ den Verein zwar bestehen, schränkte seine Wirkungsmöglichkeiten aber erheblich ein. Die Beschränkungen des Devisenverkehrs ließen keinen Finanztransfer nach Palästina mehr zu, so dass die Einrichtungen des Vereins im Heiligen Land auf sich gestellt waren. 1938 verbot die Reichsschrifttumskammer die Vereinszeitschrift „Das Heilige Land“, die seit 1857 ohne Unterbrechung erschienen war.
Die schwierige Zeit nach dem 2. Weltkrieg
Während der Zweite Weltkrieg 1945 mit der Kapitulation Deutschlands endete, verschärften sich in Palästina die Fronten zwischen der arabischen Bevölkerung und der durch Einwanderung stark wachsenden jüdischen Gemeinschaft. Mit der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 brach der erste jüdisch-arabische Krieg zwischen dem neuen Staat Israel und den benachbarten arabischen Staaten aus. In der Nacht vom 17.-18. Mai eroberten die israelischen Streitkräfte nach schweren Kämpfen den Berg Sion.
Kirche und Kloster wurden vollständig ausgeplündert und der Kirchenraum in den folgenden Monaten von israelischen Truppen als Tanzsaal genutzt. Das Hospiz in Tabgha wurde ebenfalls von israelischen Soldaten besetzt.
Nach dem Waffenstillstand im Februar 1949 und der daraus resultierenden Teilung Jerusalems lagen das St.-Paulus-Hospiz und die Vereinsbesitzungen in Emmaus im jordanischen Teil Palästinas, während der Berg Sion und das alte Hospiz in Jerusalem mit der Mädchenschule sowie Tabgha zum neuen Staat Israel gehörten. Die Mädchenschule mit ihren arabischen Schülerinnen musste daher im Oktober 1950 in den jordanischen Ostteil Jerusalems, in das St.-Paulus-Hospiz verlegt werden.
Israel hatte unmittelbar nach der Staatsgründung das gesamte deutsche Eigentum auf seinem Territorium beschlagnahmt. Lediglich Einrichtungen, die rein kirchlichen Zwecken dienten, wie Kirchen und Klöster, wurden freigegeben.
Dagegen blieb solches Vermögen der Kirchen, welches nicht unmittelbar kultischen Zwecken diente, beschlagnahmt.
In Verhandlungen zwischen der Israel-Mission in Deutschland und dem Auswärtigen Amt erreichte der Verein 1953 die Restituierung des überwiegenden Teils seiner Besitzungen. Das alte Hospiz in Jerusalem, ein Teil der landwirtschaftlichen Flächen in Tabgha und die Ladenzeile in Haifa mussten zu einem geringen Preis an den Staat Israel verkauft werden. Die Marienkirche und das Kloster auf dem Sion, die in den 30er-Jahren provisorisch wieder errichtete byzantinische Brotvermehrungskirche in Tabgha sowie das im jordanischen Ostteil Jerusalems gelegene St.-Paulus-Hospiz und die Besitzungen in Emmaus blieben dem Verein erhalten. In Anbetracht der schwierigen Situation, in der sich die deutsche Delegation gegenüber den Vertretern des Staates Israel so kurze Zeit nach dem Ende des Krieges und der Shoa befand, ist dieses Ergebnis für den Verein vom Heiligen Lande als äußerst positiv zu bewerten.
Neue Zielsetzung
Mit Hilfe der deutschen Bischöfe errichtete der Verein 1961 eine Schule in Ramallah und in Zusammenarbeit mit Misereor eine ambulante Krankenstation in Beit Sahour. Für die vereinseigene Mädchenschule, die inzwischen wieder auf rund 400 Schülerinnen angewachsen war, wurde 1962 mit dem Bau eines modernen Schulgebäudes neben dem St.-Paulus-Hospiz begonnen. Pfingsten 1967 konnte der Neubau und eine angeschlossene Kapelle eingeweiht werden. Als kurz darauf im Juni 1967 der Sechs-Tage-Krieg ausbrach, gerieten die Einrichtungen des Vereins erneut in die Schusslinie. Die gerade erst eingeweihte Kapelle und die Schule wurden ebenso wie Kirche und Kloster auf dem Berg Sion schwer beschädigt.
"In diesem Sinne bemüht sich unser Verein, das Christentum im Hl. Land durch die Errichtung, Unterhaltung und Förderung von kirchlich-sozialen Werken im Heiligen Land und im Nahen Osten zu fördern."
Als Folge der israelischen Besetzung des Westjordanlandes im Sechs-Tage-Krieg verschlechterte sich die Situation der christlichen Minderheit im Heiligen Land zunehmend. Immer mehr Christen verließen ihre Heimat und wandern nach Europa oder Nordamerika aus. Die einzige römisch-katholische Pfarrgemeinde in Jerusalem schrumpfte von 10.000 Gläubigen im Jahr 1947 auf 3.000 im Jahr 1974. Aus diesem Grund formulierte der Generalsekretär des Vereins, Herbert Michel, 1975 die Zielsetzung des Vereins neu: „Zwar wird auch heute der Schutz und die Erhaltung der Heiligen Stätten an erster Stelle unter den Vereinszwecken aufgeführt, aber das hat heute einen anderen Sinn als vor 100 Jahren. Die Heiligen Stätten sind ja glücklicherweise nicht von außen bedroht, (…). Viel größer ist die Sorge, dass den Heiligen Stätten eines Tages ein lebendiges, einheimisches Christentum fehlen könnte, so dass diese für jeden Christen so kostbaren Orte zu einem Museum würden, dem man gelegentlich einen feierlichen Besuch abstattet. In diesem Sinne bemüht sich unser Verein, das Christentum im Hl. Land durch die Errichtung, Unterhaltung und Förderung von kirchlich-sozialen Werken im Heiligen Land und im Nahen Osten zu fördern.“
Diesen Zielen sieht sich der Verein vom Heiligen Lande bis heute verpflichtet.
So hat die Arbeit des Vereins heute wieder den Stand seiner Blütezeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erreicht. Die Hauptaufgabe, die traurige Lage der Christen im Heiligen Land nach Möglichkeit zu verbessern oder wenigstens zu erleichtern, kann jedoch auch nach 150 Jahren erfolgreicher Tätigkeit nicht als gelöst betrachtet werden und wird auch in Zukunft als Herausforderung bestehen bleiben.
Von Stephan Mock, mit freundlicher Genehmigung des Verfassers, fürs Jerusalemer Tagebuch überarbeitet und gekürzt
Bild: mit freundlicher Genehmigung von 150 Jahre Deutscher Verein vom Heiligen Lande
Literaturtip:
Stephan Mock / Michael Schäbitz: Das Heilige Land als Auftrag
ISBN 1855 - 2005-03-24








