Jerusalemer Tagebuch (18.02.06)
Das Heilige Land als Auftrag – 150 Jahre Deutscher Verein vom Heiligen Lande (Teil 1)
Palästina lag Mitte des 19. Jahrhunderts als abgelegene Provinz des osmanischen Reiches am Rande der europäischen Machtinteressen. Erst als der Niedergang des osmanischen Reiches weiter fortschritt, rückte das Heilige Land der Christenheit wieder stärker ins Interesse der europäischen Großmächte. Frankreich, das seit dem 16. Jahrhundert als Schutzmacht der katholischen Christen im osmanischen Reich auftrat, und Russland, die traditionelle Schutzmacht der orthodoxen Christen, rangen Mitte des 19. Jahrhunderts um die Vorherrschaft im Heiligen Land.
Am 10. Dezember 1848 hielt erstmals seit dem Ende der Kreuzfahrerstaaten wieder ein Lateinischer Patriarch seinen Einzug in Jerusalem. Papst Pius IX. hatte unter dem Eindruck des wachsenden politischen und religiösen Interesses für Palästina den italienischen Orientmissionar Giuseppe Valerga mit Breve vom 23. Juli 1847 zum ersten Lateinischen Patriarchen von Jerusalem der Neuzeit ernannt. Bereits sieben Jahre zuvor hatte das protestantische Preußen gemeinsam mit England ein preußisch-anglikanisches Bistum Jerusalem errichtet, das sich zu einer Hauptstütze der evangelischen Mission in Palästina entwickelte.
Die russisch-orthodoxe Kirche, welche die größte christliche Gemeinde in Palästina bildete, erfuhr durch intensive Förderung aus Russland ebenfalls einen starken Aufschwung. In dieser Situation sollte das Lateinische Patriarchat für eine wirksame Repräsentation der katholischen Kirche im Heiligen Land sorgen.
Der Traum von katholischen deutschen Kolonien
Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der Gründung des Deutschen Reiches entwickelte sich auch unter den deutschen Katholiken ein neues Nationalbewusstsein, das nach der Beilegung des Kulturkampfes die konfessionellen Unterschiede überlagerte. Hatte der Verein vom Heiligen Grabe bisher katholische Institutionen unabhängig von der Nationalität ihrer Initiatoren und Träger gefördert, so wurde jetzt die Forderung nach eigenen deutschen katholischen Einrichtungen im Heiligen Land laut. Insbesondere der schlesische Franziskanerpater Ladislaus Schneider, der 1876 ins Heilige Land kam, drängte auf die Gründung selbstständiger Einrichtungen der deutschen Katholiken. Im Gegensatz zu anderen Nationen besaßen die deutschen Katholiken mit Ausnahme einer um 1870 gegründeten Schule in Jerusalem keine eigenen Einrichtungen.
Ladislaus Schneider wollte eine deutsche katholische Kolonie im Heiligen Land gründen. Hierfür hatte er bereits 1876 in Emmaus ein Grundstück angekauft. Ein weiteres Grundstück erwarb er 1877 in Jerusalem vor dem Jaffator.
Auf diesem Gelände sollte ein „Stützpunkt für deutsche Katholiken, welche nach dem hl. Lande kommen und sich da ansässig machen wollen“ entstehen. Darüber hinaus sollte die Einrichtung als deutsches Pilgerhospiz dienen. Schneider versuchte für seine Pläne die Unterstützung des Vereins vom Heiligen Grabe zu gewinnen. Der lehnte jedoch mit Verweis auf seine im Statut festgelegten religiösen Ziele die Förderung einer Koloniegründung ab. Schneider sah sich daher gezwungen, selbstständig Spenden für seine Einrichtungen zu sammeln und gründete 1879 in Aachen ein Palästinakomitee. Bereits 1880 zählte dieses Palästinakomitee 20.000 Mitglieder.
Den Plan Schneiders, deutsche katholische Kolonien in Palästina zu gründen, verfolgte der Palästinaverein weiter und kaufte hierfür Anfang des Jahres 1887 ein ausgedehntes Gelände am Ufer des Sees Gennesaret. Das Land sollte nach den Plänen des Vereins parzelliert und an deutsche Katholiken verpachtet werden. Außerdem wurde 1890 mit dem Bau eines Hospizes auf dem Gelände begonnen.
"Dass trotz der Bemühungen des Palästinavereins alle Versuche, eine nennenswerte Zahl deutscher Katholiken in Palästina anzusiedeln, fehlschlugen, dürfte weniger an dem immer wieder beklagten Fehlen finanzieller Mittel gescheitert sein als daran, dass sich keine größere homogene Gruppe einwanderungswilliger Katholiken fand."
Der Traum von katholischen deutschen Kolonien ließ sich jedoch nicht verwirklichen. Immer wieder hatte Schneider auf die blühenden protestantischen Siedlungen in Haifa, Jaffa und Jerusalem hingewiesen. Zwischen 1868 und 1875 waren rund 750 Anhänger der Tempelgesellschaft aus Württemberg nach Palästina übergesiedelt. Diese kleine Gruppe von Pietisten war nach bitteren Debatten aus der württembergischen Landeskirche ausgetreten und betrachtete sich als Vorbote des „Volkes Gottes“, das das „Reich Gottes“ und die Wiederkunft Christi beschleunigen werde. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren ihre Siedlungen auf rund 2.200 Einwohner angewachsen. Dass trotz der Bemühungen des Palästinavereins alle Versuche, eine nennenswerte Zahl deutscher Katholiken in Palästina anzusiedeln, fehlschlugen, dürfte weniger an dem immer wieder beklagten Fehlen finanzieller Mittel gescheitert sein als daran, dass sich keine größere homogene Gruppe einwanderungswilliger Katholiken fand. Die wenigen Einzelpersonen, die sich vorübergehend in Emmaus und Tabgha auf den Liegenschaften des Palästinavereins niederließen, kehrten nach einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurück oder wanderten in andere Länder aus. So konnte die Zahl von rund 100 deutschen Katholiken, die um 1885 insgesamt in Palästina lebten, nicht wesentlich gesteigert werden.
Der Deutsche Verein vom Heiligen Lande
Nachdem mit dem Verein vom Heiligen Grabe und dem Palästinaverein der Katholiken Deutschlands zehn Jahre lang zwei katholische Organisationen mit ähnlicher Zielrichtung nebeneinander gearbeitet hatten, schlossen sich diese am 30. Juli 1895 zum Deutschen Verein vom Heiligen Lande zusammen. Dieser neue Verein sollte sowohl den religiösen, missionarischen Zielen des alten Vereins vom Heiligen Grabe dienen, als auch den national-politischen des Palästinavereins.Die Orientreise des deutschen Kaisers im Herbst 1898 wirkte wie ein Katalysator für die Entwicklung des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande. Wilhelm II., der sich zur Einweihung der evangelischen Erlöserkirche im Oktober 1898 in Jerusalem aufhielt, übergab dort dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande ein Grundstück auf dem Berg Sion. Der Verein hatte sich schon mehrere Jahre vergeblich um den Erwerb der Stätte bemüht, wo nach christlicher Überlieferung die Gottesmutter Maria lebte und starb. Auf Bitte des deutschen Kaisers griff nun der Sultan persönlich ein, kaufte das Gelände und übertrug es Wilhelm II., der es dem Verein schenkte. Im katholischen Deutschland rief die kaiserliche Schenkung große Begeisterung hervor. Der protestantische Monarch gewann so die Herzen seiner katholischen Untertanen, die den inzwischen beigelegten Kulturkampf der Reichsregierung gegen die katholische Kirche noch nicht vergessen hatten.
"Da das Gebäude vor dem Jaffator für die steigende Zahl deutscher Pilger und die wachsende Mädchenschule zu klein wurde, sollte auf diesem neu erworbenen Gelände ein neues Hospiz mit einer großen Kapelle und einer neu zu gründenden Knabenschule entstehen."
Unmittelbar nach der Schenkung begann der Verein Gelder für die Errichtung einer Marienkirche und eines angeschlossenen Klosters für deutsche Benediktinermönche auf dem Sion zu sammeln. Bis Ende 1899 wurden 400.000 Mark für die Kirche gestiftet, deren Grundsteinlegung im Oktober 1900 stattfand. Parallel dazu erwarb der Verein ein Grundstück in Jerusalem vor dem Damaskustor. Da das Gebäude vor dem Jaffator für die steigende Zahl deutscher Pilger und die wachsende Mädchenschule zu klein wurde, sollte auf diesem neu erworbenen Gelände ein neues Hospiz mit einer großen Kapelle und einer neu zu gründenden Knabenschule entstehen.
In den folgenden Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges konzentrierte sich die Arbeit des Vereins auf den Bau der Marienkirche und des neuen St.-Paulus-Hospizes. Die Marienkirche wurde 1910 eingeweiht, wenn auch der Innenausbau noch mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen sollte. Von der geplanten Anlage vor dem Damaskustor konnte bis 1914 nur der Hospizflügel errichtet werden. Auf die geplante Knabenschule sowie die Kapelle musste der Verein aus Finanzknappheit verzichten. Trotz der starken finanziellen Belastung durch die eigenen Bauvorhaben unterstützte der Verein weiterhin, wenn auch in verringertem Umfang, das Lateinische Patriarchat und einige nicht zum Verein gehörende Einrichtungen.
In der Fortsetzung lesen Sie: Das Ende eines Traumes, die schwierige Zeit nach dem 2. Weltkrieg und die neue Zielsetzung des Vereins
Von Stephan Mock, mit freundlicher Genehmigung des Verfassers, fürs Jerusalemer Tagebuch überarbeitet und gekürzt
Bild: mit freundlicher Genehmigung von 150 Jahre Deutscher Verein vom Heiligen Lande
Literaturtip:
Stephan Mock / Michael Schäbitz: Das Heilige Land als Auftrag
ISBN 1855 - 2005-03-24








