Jerusalemer Tagebuch (10.02.06)
Der Butterkrieg – Achtung Satire!
Alltag im Nahen Osten: Es geht alles seinen geregelten Gang, solange man nicht Skandinavier, Diplomat oder gar beides ist. Die Menschen haben Freude an zahlreichen Outdooraktivitäten (Demos mit Fahnenverbrennung, Randale), während die Europäer kopfschüttelnd das Geschehen am Fernseher verfolgen – und weiterhin Fördergelder zahlen, aus Gründen der Staatsräson vermutlich. Eigentlich ist das Ganze zum Heulen, wenn es nicht soviele absurde Elemente in sich trüge...
Es reicht; gestern haben wir –natürlich rein zufällig- den Film „Leben des Brian“ der britischen Komikergruppe Monty Python gesehen. Wir sind beleidigt und haben uns organisiert. Nachher werden wir losziehen, um das britische Konsulat mit dänischer Butter zu bewerfen. Doch das ist gar nicht so einfach, wie wir dachten.
Die Butterkrise
Unser erster Anlaufpunkt, ein arabischer Supermarkt im Besitz einer muslimischen Familie, konnte uns zunächst leider nicht weiterhelfen. Alle dänischen Produkte waren aus den Regalen verschwunden. „Nichts politisches, lediglich Panikkäufe islamischer Kunden“, wie der Besitzer hinter vorgehaltener Hand versicherte, denn keiner könne vorhersagen wie lange die Butterkrise noch andauern würde und die Grundversorgung muss schließlich sichergestellt sein.
„Der christliche Händler zeigt sich tatsächlich aufgeschlossen für unser Ansinnen, will sich auch spontan anschließen beim Sturm auf das britische Generalkonsulat, hat jedoch ebenfalls keine dänischen Produkte mehr.“
Verschwörerisch gibt er uns den Tipp es doch einmal im christlichen Nachbargeschäft zu versuchen. Die Christen seien nicht so dogmatisch und zudem wegen der Brandschatzung von Kirchen in Beirut einigermaßen nervös, da könne es schon sein, dass wir noch dänische Butter bekämen. Aus Solidarität sozusagen.
Der christliche Händler zeigt sich tatsächlich aufgeschlossen für unser Ansinnen, will sich auch spontan anschließen beim Sturm auf das britische Generalkonsulat, hat jedoch ebenfalls keine dänischen Produkte mehr. Nicht, dass er etwas gegen die Briten hätte. Den Film kennt er auch nicht. Aber schließlich haben die Briten im Golfkrieg an der Seite der Amerikaner gekämpft. Gegen die hat er ja prinzipiell auch nichts, aber als Christ muss man sich in der Nachbarschaft schon ein wenig anpassen, meint er.
Weshalb er auch aufopferungsvoll bereit ist, uns die dänischen Legosteine seiner Kinder zur Verfügung zu stellen.
„Wie in jedem arabischen Haushalt läuft im Hintergrund permanent ein TV Gerät, auf dem gerade ein Spot läuft, in welchem die Firma Nestle verzweifelt versucht zu erklären, dass man ein Schweizer- und kein dänischer Konzern sei. Das ist die Lösung!“
Doch die Lösung ist nicht weit. Wie in jedem arabischen Haushalt läuft im Hintergrund permanent ein TV Gerät, auf dem gerade ein Spot läuft, in welchem die Firma Nestle verzweifelt versucht zu erklären, dass man ein Schweizer- und kein dänischer Konzern sei. Das ist die Lösung! Ohnehin hatten am Vortag übereifrige Demonstranten in Bethlehem zusammen mit der dänischen auch gleich die Schweizer Fahne verbrannt. Und das kann man diesen aufgebrachten Menschen nun wirklich nicht zum Vorwurf machen. Immerhin waren die Schweizer dämlich genug die gleiche Farb- und Symbolkombination zu wählen wie die Dänen. Selber schuld. Wahrscheinlich haben die Schweden deshalb nach der Verbrennung der Schweizer Fahnen auch umgehend ihre Landsleute aufgefordert Bethlehem zu verlassen; wer weiß, nachher finden sich noch farbenblinde Demonstranten ein.
Die Fahnenkrise
Wie dem auch sei, wir beschließen das britische Generalkonsulat mit Nestle Produkte zu bewerfen, bevor einer den Betrug bemerkt. Wenn andere Leute Karikaturen fälschen, können wir auch Schweizer Joghurt an Stelle von dänischer Butter verwenden, Hauptsache der gewünschte Effekt tritt ein. Nur vier Monate stehen lassen sollten wir ihn nicht. Wir kaufen also den gesamten Bestand an Nestle Joghurt auf, bevor ein anderer auf die gleiche geniale Idee kommt.
Da sich aber auch eine Fahnenverbrennung im Fernsehen immer gut macht und große Betroffenheit erzeugt (bei den Betrachtern, nicht bei den Verbrennern), beschließen wir ganz spontan britische und jede Menge skandinavische Flaggen zu besorgen.
„Der Verkäufer will uns noch Fanschals von Maccabi Tel Aviv und Fahnen von Betar Jerusalem mit guten Brennwerten andrehen, aber wir verzichten darauf.“
Doch auch die sind nicht mehr zu haben. In einem Geschäft für israelische Fussballfanartikel im jüdischen Westen der Stadt (wo es auch noch dänische Butter gibt, wie wir im Nachhinein verbittert feststellen müssen) erklärt man uns, dass alle israelischen Fanartikel und Fahnen in Gaza genäht würden. Schließlich sei das erstens billiger und zweitens sei der Bedarf an zu verbrennenden Fahnen dort auch höher als im Staatsgebiet. Was tun. Nach Gaza fahren ist nicht möglich und zudem ist unsicher, ob es dort noch unverbrannte Fahnen gibt. Der Verkäufer will uns noch Fanschals von Maccabi Tel Aviv und Fahnen von Betar Jerusalem mit guten Brennwerten andrehen, aber wir verzichten darauf. Es war schon antisemitisch genug beim Championsleague Spiel in Tel Aviv für Bayern München und nicht für die Gastgeber zu sein.
Ebenso verwerfen wir die praktische Idee auf eigene Ressourcen zurückzugreifen und Kirchenfahnen zu verbrennen, Hauptsache irgendetwas mit einem Kreuz darauf eben, Farbkombinationen sind sekundär. Zumal die Fatah dem Vernehmen nach in Gaza Rosen an Nonnen verteilt und die Hamas die dortigen 2000 Christen unter ihren Schutz gestellt hat.
Gleiches Recht für alle!
Ein Blick auf die deutsche Heimat: Wohl auf- und abgeklärt, schert man sich nicht um Religion und wundert sich, wenn Proteste nicht verfangen. Man stelle sich doch einmal folgendes Szenario vor: schwelende Müllcontainer in der Landeshauptstadt, die dazugehörigen gerade streikenden Müllwerker verbrennen die Landesfahne und stürmen den Landtag.
Solange sie ihre Aktionen nicht mit finanziellen Forderungen oder gar ihrer Menschenwürde, sondern mit der Kränkung religiöser Gefühle begründen, ist ihnen der Beistand der westlichen Betroffenheits-Rhetoriker jedenfalls sicher.
Und auch der heimische Europaminister wäre längst nicht so scharf für seine verbale Entgleisung („Hier isch die Fahrkart“) gegenüber Muslimen, die weniger Verständnis für die freiheitlich demokratische Grundordnung als für die Scharia zeigen, kritisiert worden, hätte er sich in seinen religiösen Gefühlen gekränkt gezeigt. Er hätte nur in seinem Satz „Es kann nicht sein, dass ich mich entschuldigen muss für das deutsche Grundgesetz“ das Wort Grundgesetz durch „Bibel“, „Jesus“ oder eben „Mohammed“ ersetzen müssen und schon hätte er straflos zur Abwechslung die grüne Fahne der Islamisten verbrennen dürfen. Gleiches Recht für alle.
Karikaturenstreit, Palästina und atomare Bewaffnung des Iran
So wie in jener regelmäßigen ARD - Sonntagabendselbstdarstellung namens Christiansen, bei der gleich drei Themen, nämlich Karikaturenstreit, Palästina und atomare Bewaffnung des Iran, die in etwa soviel miteinander zu tun haben wie die kommende Faschingsprunksitzung in Mainz mit dem gleichzeitig stattfinden Jahresfest des Jerusalemsvereins in Berlin, in unzulässiger Weise und darüber hinaus auch noch ursächlich verknüpft wurden.
Garant hierfür war wie immer der grüne Politiker Ströbele, der schon 1991 damit aufgefallen war, dass er den Israelis eine politische Mitschuld am Beschuss durch irakische Scud Raketen gab.
In zuverlässiger Weise ging er nach Saddam Hussein der Propaganda der Herren Chameini und Achmadinedschaf auf den Leim. Alleine Ralf Giordano ließ es sich nicht nehmen immer wieder in die Rolle eines israelischen Regierungssprechers zu schlüpfen und auf die Gefahr, in der sich der Judenstaat befinde, hinzuweisen. Aber solange in der Nachbarschaft lediglich die Hamas regiert, aufgebrachte Menschenmengen in Gaza deutsche Einrichtungen stürmen und in Nablus ein deutscher Lehrer entführt wird, solange keine -zur Abwechslung dieses Mal iranischen- Raketen hier einschlagen, scheint ja alles in bester Ordnung zu sein.
Und falls doch, ist Israel selbst schuld, hat man doch dem Iran, so Ströbele, eine Nichtangriffsgarantie verweigert. Nette Idee übrigens, wenn das Schlachttier dem Schlachter verspricht, ihn nicht schlachten zu wollen. Und wie überaus gemein von Israel, nicht das Schlachttier spielen zu wollen.
„Vielleicht sollte man hierzu einmal einen Workshop im Iran anbieten, oder noch besser gleich an dem dort ausgelobten Karikaturenwettbewerb zum Holocaust teilnehmen?“
Wie dem auch sei, alle Beteiligten ergingen sich vor ihren eigentlichen Statements in ausführlichen Distanzierungserklärungen gegenüber Karikaturisten, Verständniserklärungen für Brandschatzungen aus religiösen Motiven (naja, etwas übertrieben dargestellt vielleicht, aber man muss diese armen aufgehetzten Menschen doch einfach verstehen) und halbherzigen Bekenntnissen zu einer eingeschränkten verantwortungsvoll ausgeübten Meinungsfreiheit. Vielleicht sollte man hierzu einmal einen Workshop im Iran anbieten, oder noch besser gleich an dem dort ausgelobten Karikaturenwettbewerb zum Holocaust teilnehmen?
Die Kirche unter dem Hintern angezündet
Nun muss der Schreiber dieser Zeilen aber enden, sonst wird ihm womöglich nicht nur die Homepage, wie bei Hagalil aber auch France Soir geschehen, von Hackern aus den Emiraten gelöscht, sondern auch noch die Kirche unter dem Hintern angezündet. Mancher aufgeklärte Europäer würde dies möglicherweise verstehen, weigere ich mich doch, das Unverstehbare zu verstehen und westliche Kulturgüter und Ideale dranzugeben, um beleidigte und gekränkte Randalierer verbal zu pazifieren.
Ach so, die Butter- bzw. Yoghurtschlacht am britischen Konsulat? Haben wir verschoben. Wir müssen das Ganze doch noch einmal in unserer Stammkneipe bei einem Bier überdenken.
Oder sollten wir das mit dem Bier lieber lassen, da es ja anderer Leute religiöses Empfinden verletzt Alkohol zu trinken?Das der Briten sicherlich nicht, aber wen interessiert das schon...
Nachtrag:
Einige Karikaturen des Zeichners Ralf König, die seine Sicht der Dinge dokumentieren, finden Sie bei faz.net








