Jerusalemer Tagebuch (08.02.06)
„Die vergessenen Christen des Heiligen Landes“ - Eine Reise nach Zebabdeh im nördlichen West-Jordanland
Fruchtbares Land
Griechisch-Orthodoxe Kirche
Sowohl in Israel als auch in den palästinensischen Gebieten kann man die Orte mit einheimisch-christlicher Bevölkerung an vier, fünf Händen abzählen. Auf der Bekanntheitsskala rangieren natürlich die Pilgerziele Bethlehem, Jerusalem, Nazareth und Kana ganz vorn. Der eine oder andere mag noch Beit Sahour mit den Hirtenfeldern kennen, Nablus mit dem Jakobsbrunnen oder Jaffa mit dem Haus des Petrus – doch welcher europäische Christ kann schon weitere Orte mit einheimischer christlicher Bevölkerung aufzählen? Schon mal von Aboud gehört? Oder Taybeh? Oder Zebabdeh?
Genau wie zur Zeit Jesu macht man auch heutzutage um das Land der Samariter oder Samaritaner einen großen Bogen - damals wegen angeblicher Unreinheit, heute wegen angeblicher Unsicherheit. Die Christen in diesem Gebiet, dem West-Jordanland büßen dafür: mit Isolation und teilweise auch Resignation. Und manch einer wandert aus.
Zugegeben - die Fahrt zu ihnen ist mit Mühsalen verbunden. Aber darf das eine Wallfahrt, eine Pilgerreise nicht sein?
Abenteuerliche Anreise
Am Jerusalemer Damaskustor, dem palästinensischen Busbahnhof der Stadt, besteigt man für einen knappen Euro ein Sammeltaxi nach Qalandia. Dort, am „Hauptbahnhof" Palästinas - zwischen Jerusalem und Ramallah - geht die Fahrt mit einem weiteren Sammeltaxi, dem Hauptverkehrsmittel Palästinas, weiter. Wenn der letzte Platz besetzt ist, geht das Abenteuer los. Denn Abenteuer ist garantiert. Wie lange wird man an den Kontrollpunkten warten? Versperren neu aufgeschüttete Erdhügel die Weiterfahrt und zwingen zur Improvisation? Errichten die israelische Armee oder Grenzpolizei spontan so genannte „fliegende Kontrollpunkte"?
Mit diesen Unwägbarkeiten im Hinterkopf wird verständlich, warum palästinensische Taxifahrer bei halbwegs gerader, freier und ebener Strecke immer Gas geben als ginge es um den Sieg in der Formel 1. Man weiß nämlich nie, wieviel Zeit man unterwegs noch verlieren wird...
Knapp einhundert Kilometer sind zurückzulegen. Vorbei an Ramallah fliegt das Taxi auf der Siedlerstraße nach Norden. Einmal weicht es - bei Ramin - auf eine Mischung zwischen Schotterpiste und Feldweg aus. Hier hätte selbst ein Traktor kein leichtes Spiel. 15 Kilometer Umweg, wo doch die asphaltierte Direktverbindung nur zwei Kilometer beträgt. Doch dieser Abschnitt ist für palästinensische Fahrzeuge gesperrt. Weiter geht es durch verschlafen wirkende Dörfchen, Esel sind vor Geschäften angebunden, Kühe warten am Straßenstrand auf ihren Schlachttermin. Da - die Straße ist zugeschüttet, mit Steinen, Erde und Unrat.
Links jedoch haben vermutlich Hände und wohl auch Fahrzeuge die Blockade soweit abgetragen, dass ein vorsichtiger Fahrer darüber manövrieren kann. Wird das Auto nicht aufsetzen? Noch während des Grübelns belehrt der Fahrer die Passagiere eines Besseren und hat schon in den dritten Gang geschaltet.
Serpentinenartige Sträßchen, Olivenhaine im Terrassenanbau, mit Felsen übersäte Hügel, auf denen Schafe und Ziegen grasen - wie in der Toscana. Fast. Wären da nicht die spitzen Minarette. Weiter geht die Fahrt durch das fruchtbare Land - es bringt Gemüse, vor allem Kichererbsen, aber auch Tabak hervor. Da, ein Kirchturm! Noch einer, aber auch eine Moschee. Zebabdeh ist erreicht - nach nur zwei Stunden. Fast sensationell.
Katholiken, Orthodoxe, Protestanten und Muslime
Eingebettet zwischen Hügeln und einem Wäldchen liegt der Ort in einer Senke gut geschützt. Das kleine Dorf ist der einzige überwiegend christliche Ort im nördlichen West-Jordanland. Knapp 3000 Christen und ein gutes Tausend Muslime leben hier. Arbeit findet man entweder in der Landwirtschaft oder im nahegelegenen Jenin. Auch die noch junge amerikanische Universität in Sichtweite vom Ort bietet Arbeitsplätze. Manch einer muss sich jedoch als Tagelöhner verdingen oder in Ramallah oder Jerusalem sein Brot verdienen. So auch Abu George. Jeweils 15 Nächte arbeitet er am Stück als Türwächter der anglikanischen Kathedrale St. George´s in Jerusalem. Dann fährt er wieder für zwei Wochen nach Hause. Doch der Verdienst reicht kaum, um seine vier Kinder über die Runden zu bringen. Zu Beginn des Schuljahres sah er sich gezwungen, zwei seiner Kinder aus der katholischen Privatschule zu nehmen, da er das Schulgeld für vier nicht mehr aufbringen kann. Die Kosten pro Kind für ein Schuljahr verschlingen etwa ein Monatsgehalt. Die „Lateinische Patriarchatsschule“ ist die einzige christliche Schule am Ort. Sie steht für Qualität und christliche Erziehung – und steht Katholiken, Orthodoxen, Protestanten und auch Muslimen offen. „Einen Ort bereit zu stellen, wo Christen und Muslime auf gleicher Basis zusammen kommen und Freunde werden können, ist Teil von Zebabdehs christlichem Bildungsauftrag“, schrieb ein ausländischer Besucher nach seinem Besuch im Ort.
"Wo Christen wie auf einer Insel von Muslimen umgeben leben, gibt es keine hundertprozentige Harmonie."
Freunde werden - das gibt es, es gibt aber auch das: drei Getränkeläden des Ortes, die Alkoholika anboten, wurden von maskierten Fundamentalisten des Nachbarortes überfallen. Die christlichen Besitzer wurden zur Schließung gezwungen. Der anglikanische Pastor Fadi Diab meinte dazu: „Wo Christen wie auf einer Insel von Muslimen umgeben leben, gibt es keine hundertprozentige Harmonie." Für ihn sind die Christen Zebabdehs, die von Nablus, Tubas und Jenin die „vergessenen Christen Palästinas."
Gelebte Ökumene
Dabei könnten sie die westlichen Christen vieles lehren - in punkto christlich-muslimischem Verhältnis, aber mehr noch, was das christlich-christliche Miteinander betrifft.
Ende der siebziger Jahre begannen die Christen Jordaniens, Ostern unisono nach dem orthodoxen und Weihnachten gemeinsam nach dem westlichen Kalender zu feiern.
"Außer in Jerusalem und der Geburtskirche in Bethlehem feiere man in den christlichen Orten Palästinas nicht zweimal Weihnachten und Ostern, sondern jeweils gemeinsam."
Dieses Modell hielt auch – mit der Übernahme der palästinensischen Autonomiebehörde – vor circa zehn Jahren Einzug in Palästina, erzählt Pfarrer Fadi. Außer in Jerusalem und der Geburtskirche in Bethlehem feiere man in den christlichen Orten Palästinas nicht zweimal Weihnachten und Ostern, sondern jeweils gemeinsam. Zusätzlich feiern die Christen der vier Denominationen Zebabdehs - katholisch, melkitisch, griechisch-orthodox und anglikanisch – vier Mal im Jahr zusammen einen Wortgottesdienst. Höhepunkt dieser gemeinsamen Ökumene stellt dabei die gemeinsame Palmsonntagsprozession dar, „sehr lebendig und mitreißend“, wie der junge Geistliche bekennt. Nach dem gemeinsamen Beten und Singen im Ort begleiten die Gläubigen jede der vier christlichen Gemeinschaften nacheinander zu ihrer jeweiligen Pfarrkirche, in der jede Pfarrei dann für sich die Eucharistie feiert.
Zebabdeh – ein Vorbild für die Ökumene? Pfarrer Fadi hat ein weiteres Beispiel parat: Bei jeder Hochzeit, Taufe und Beerdigung im Ort versuchen alle vier Geistlichen anwesend zu sein. Gegenüber den muslimischen Bewohnern sei dies ein wichtiges Zeichen. „Wir sind eins. Wir gehören zusammen.“
Zebabdeh ein Vorreiter der Ökumene? Die Herkunft des Ortsnamens wird zweifach erklärt: Entweder ist Zabbad, ein wohlriechender Vogel der Namensgeber oder Zebabdeh kommt vom arabischen Wort für Butter. Butter würde passen – scheint doch zumindest in punkto Ökumene alles in Butter zu sein in Zebabdeh.
Von Johannes Zang, mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.
Johannes Zang ist Orgellehrer und Mitarbeiter der TAGESPOST, der Katholischen Nachrichtenagentur KNA, des Rheinischen Merkur sowie etlicher katholischer und evangelischer Kirchen- bzw. Bistumszeitungen.








