Jerusalemer Tagebuch (30.01.06)

 

Erwachen unter einem grünen Himmel im Heiligen Land

Maria C. Khoury
Maria C. Khoury

Über die Wahlen in den palästinensischen Gebieten und den Wahlsieg der Hamas ist in den letzten Tagen viel geschrieben worden.
Die deutsche Perspektive scheint - je nach politischer Couleur - zwischen Zweckoptimismus und kategorischer Ablehnung zu schwanken. Wie aber sehen es die Menschen im Lande, die uns in besonderer Weise nahe stehen, nämlich die Minderheit der palästinensischen Christen? Maria C. Khoury, eine Christin aus
Taybeh, das im vergangenen Jahren von einem schweren Konflikt zwischen Christen und Moslems erschüttert wurde, schildert ihre ersten Eindrücke.

Es war geradezu ein überwältigender Schock, als ich am Tag nach den Wahlen durch die palästinensischen Gebiete zur Schule fuhr und überall die grünen Banner und Fahnen in Ramallah sah. Es wurde zwar angekündigt, dass es bis zur Verkündigung des endgültigen Ergebnisses der Wahlen einige Tage dauern würde, doch ganz gleich wie korrupt und nachlässig die Fatah Partei des verstorbenen Yassir Arafat in den vergangenen zehn Jahren gewesen war, wurde doch davon ausgegangen, dass sie die Mehrheit im palästinensischen Parlament als gemäßigte Kraft, die mit Israel verhandeln könne, übernehmen würde. Wir wählten und gingen mit diesen tröstlichen Gedanken zu Bett und erwachten damit, dass eine Mehrheit von 76 der 132 Sitze des Parlamentes an Hamas, die extreme islamische Widerstandsbewegung, kenntlich an ihren grünen Fahnen, gegangen war. Dies ist der neue grüne Himmel zu dem wir nun aufschauen müssen, wenn wir nach Führung im Heiligen Land suchen.

Die Menschen haben genug

Der Sieg der Hamas im palästinensischen politischen System bedeutet schlicht und ergreifend, dass die Menschen genug haben von Führern, die nichts für sie getan haben. Sie wollten einen Wandel und hatten nur eingeschränkte Möglichkeiten. Sie wollten die Armut bekämpfen, die schlechte Gesundheitsversorgung, die israelische Besatzung, die 60% Arbeitslosigkeit, die Abwesenheit eines Sozialversicherungssystems, all dies Dinge für die die Sozialarbeit der Hamas bekannt ist. Der überwältigende politische Sieg für die Hamas war der einzige Weg für die Wähler die Fatah Partei abzustrafen, die das Volk vergessen hatte und ein gutes Leben lebte, während die Mehrheit der Palästinenser litt und von ein paar Dollar am Tag leben musste.

"Aber es war eben die einzige Rache, die die Menschen nehmen konnten, um die Botschaft an die Fatah zu schicken, dass sie diese satt haben."

Sogar in einem kleinen christlichen Dorf wie Taybeh gingen 28 Stimmen an die Hamas und ich war persönlich schockiert, dass Christen für die fundamentalistische islamische Position stimmen können. Aber es war eben die einzige Rache, die die Menschen nehmen konnten, um die Botschaft an die Fatah zu schicken, dass sie diese satt haben, und dass sie ohne strategischen Plan und ohne politische Vision für die Zukunft die Bedürfnisse der Menschen verfehlt hatten.

 

Gemäßigt oder extrem?


Als christliche Frau unter einer Hamas Regierung sorge ich mich nicht darum, ob ich mich verschleiern oder lange Röcke tragen muss, das ist das kleinste meiner Probleme und in der Nachfolge meines Herrn kann ich sicherlich diese oberflächlichen Regeln befolgen. Was die meisten Menschen an der Basis beunruhigt ist die Frage, in welche Richtung Hamas sich entwickeln wird. Werden sie einen gemäßigten Standpunkt einnehmen und sich zu Realpolitikern entwickeln? Oder werden sie sich für das extreme islamische religiöse Recht entscheiden? Ist es möglich, Staat und Religion zu trennen?

"Ich habe den Eindruck, dass Hamas, wenn sie in der Welt akzeptiert werden und langfristig überleben wollen, einige ihrer extrem fundamentalistischen Sichtweisen modifizieren muss."

Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Unterstützung für Palästina fortsetzen soll, scheint es, dass Hamas keine Alternative hat als gemäßigt zu werden und zuallererst eine Existenz Seite an Seite mit Israel zu akzeptieren. Ramallah ist augenblicklich eine der wenigen Städte in Palästina, die modern und aufgeschlossen in Kultur und Gedankengut ist und sogar so etwas wie ein Nachtleben hat. Die meisten von uns wollen, dass Ramallah diese liberale Art des Lebens beibehält. Hier ist es ist normal, dass Frauen in westlichen Kleidern durch die Straßen gehen. Männer und Frauen sitzen zusammen in Cafés und Restaurants und wenden sich nicht voneinander ab. Ich habe den Eindruck, dass Hamas, wenn sie in der Welt akzeptiert werden und langfristig überleben wollen, einige ihrer extrem fundamentalistischen Sichtweisen modifizieren muss und zumindest nicht die gesellschaftlichen und kulturellen Regeln in Ramallah ändern darf. Das gesellschaftliche Leben in Gaza, Nablus, Hebron und Jenin (den Hamas Hochburgen; Anm. d. Übers.) ist dem in Ramallah nämlich diametral entgegengesetzt. Es wäre tragisch, das Ramallah zu verlieren, das wir kennen und lieben.

"Wenn Hamas die strengen Regeln des Koran durchsetzt, sollte mein Ehemann schnellstens ein Rezept für alkoholfreies Bier entwickeln, oder die Taybeh Brauerei wird ebenso geschlossen, wie drei Brauereien im Iran schließen mussten."

Sollte Hamas sich für einen streng islamischen Kurs entscheiden, wird es Palästina von jedweder finanziellen und moralischen Unterstützung, die die internationale Gemeinschaft seit der Osloer Vereinbarung angeboten hat, abschneiden. Es wird sehr stark unser Erziehungssystem beeinflussen, wenn das Bildungsministerium nicht weiterhin die Wahlfreiheit erlaubt, wenn es um islamischen Religionsunterricht geht. In Privatschulen haben christliche Schüler momentan die Wahl christlichen an Stelle von islamischem Religionsunterricht zu wählen. Ein neuer Lehrplan wäre eine Herausforderung. Wenn Hamas die strengen Regeln des Koran durchsetzt, sollte mein Ehemann schnellstens ein Rezept für alkoholfreies Bier entwickeln, oder die Taybeh Brauerei wird ebenso geschlossen, wie drei Brauereien im Iran schließen mussten. (Die christliche Familie Khoury betreibt die einzige Brauerei in den palästinensischen Gebieten. Nadim Khoury hat nicht nur in Weihenstephan gelernt, sondern braut auch nach dem deutschen Reinheitsgebot; Anm. d. Übers.)

Diese beiden Alternativen für Hamas werden das tägliche Leben sehr beeinflussen.

Wird der Himmel grün?

Aber was mir noch mehr Sorge bereitet ist der Kampf, der sich entwickeln kann, wenn Mitglieder der Hamas oder andere Mitglieder des Parlamentes die Führung in der einen oder anderen Weise beeinflussen wollen. Wir könnten an den Rand eines Bürgerkrieges geraten, oder eben auf den Weg zu einem gemäßigten demokratischen Staat. Die ersten Anzeichen dieses Kulturkampfes wurden sichtbar, als Anhänger der Hamas die palästinensische Flagge herunterrissen (am Parlamentsgebäude; Anm. d. Übers.), um sie durch ihre grüne Parteiflagge zu ersetzen, um einen Sieg zu feiern, den Hamas selbst solchermaßen nicht erwartet hatte. Und erwartungsgemäß folgte dem ein Schusswechsel und Kampf unter den Anwesenden. Diese Kämpfe unter den Palästinensern ängstigen mich mehr als zu sehen, wie ein israelischer Soldat seine Waffe meinem Sohn auf dem Schulweg an den Kopf hält.

Deshalb warten wir im Augenblick alle darauf, ob der Himmel blau bleibt oder sich grün verfärbt, je nachdem, welchen Kurs die Hamas einschlagen wird. Betet für uns, damit wir nicht neben der israelischen Besatzung auch noch ein strenges islamisches Regiment zu erdulden haben. Mögen die Folgen dieses politischen Erdbebens ertragbar bleiben. In jedem Fall findet sich die christliche Antwort in Matthäus 5, wo es heißt: „Liebet eure Feinde; Tut Gutes denen, die euch hassen; Betet für die, die euch missbrauchen; Wendet denen die andere Wange zu, die euch schlagen.“ Für die christliche Gemeinschaft wird die neue palästinensische Regierung der irdische Test sein für das wahre Zeugnis von Christus.

Von Maria C. Khoury, Bild und Text mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin.
Übersetzung aus dem Englischen von Rüdiger Scholz.

Maria C. Khoury ist Vorsitzende des orthodoxen Taybeh Hausprojektes, das begonnen hat zwölf Häuser für orthodox-christliche Familien in Taybeh bei Ramallah zu bauen, um dazu beizutragen eine christliche Präsenz im Heiligen Land aufrecht zu erhalten.
Sie ist Verfasserin des Buchs „Witness in the Holy Land" , das das Alltagsleben der Christen in Palästina schildert.

       

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