Jerusalemer Tagebuch (28.01.06)
Formular 161, 163, 165 und 355 oder: Zollgeschichten Teil 2
Willkommen in Haifa...
...und in Ashdod
Ob er das wohl sein mag?
Endlich!
„Wer in diesem Land nicht mit Wundern rechnet, ist kein Realist“, soll Israels Staatsgründer Ben Gurion einmal gesagt haben. Ich kann mir das nur so erklären, dass er damals noch nicht vorhergesehen hat, wie sich das israelische Zoll- und Steuerwesen entwickeln würde. Obgleich es da einiges zum Wundern gibt. Des Autotausches zweiter Teil...
Vorgeschichte – siehe letzter Tagebucheintrag
Wie zu erwarten war, blieb das Wunder aus, mein orthodoxer Autointeressent meldete sich nicht mehr, der neue Wagen hing im ägyptischen Hafen Port Said, wo er auf ein anderes Schiff umgeladen werden sollte, fest und ich hatte schlaflose Nächte und sah in meinen Albträumen schon israelische Zollbeamte feist lächelnd in meinem beschlagnahmten Neuwagen ihre ägyptischen Kollegen besuchen fahren. Nun war guter Rat teuer.
Doch Rettung nahte in Form eines - durch meinen israelischen Händler besorgten - Mittelsmannes, der bereit war den Wagen auf eigenes Risiko nach Zypern zu verschiffen, allerdings unter erheblichem Preisabschlag. Würde er ihn verkaufen, so sei es sein Gewinn, falls nicht zumindest nicht mein Schaden. Und das Geld gäbe es ohne Vertrag und bar auf die Hand, sozusagen steuerfrei. Was sollte ich tun, zumal die kriminelle Option selbstredend nicht in Frage kam, der Export nach Jordanien äußerst unsicher war und die Transportkosten nach Deutschland zu teuer.
Notgedrungen willigte ich also ein und wir verabredeten, gemeinsam zum Hafen nach Haifa zu fahren, wo ich das dringend erforderliche Formular 163 erhalten sollte.
V. Phase: Haifa
Um es gleich vorneweg zu sagen: ohne Mr. Davidson, mag er an dem Geschäft auch verdienen soviel er mag, hätte ich es trotz rudimentärer Hebräischkenntnisse nicht geschafft. Danke.
"Doch das Unheil nahm bereits in Form eines Anrufes meiner Spedition seinen Verlauf, als der zuständige Sachbearbeiter mich nach den Formularen 161, 163, 165 und 355 fragte, die beim Import des neuen Wagens vorzulegen seien."
Bereits nach der gemeinsamen Fahrt nach Haifa konnte ich mich gemütlich in der Hafengegend in ein Cafehaus setzen, insofern man es gemütlich findet, zwischen blinkenden Plastikweihnachtsbäumen (in Haifa leben mehr Christen als in Jerusalem, rund 16.700) und Sexshops (welcher Konfession auch immer) zu sitzen und 50 Seiten im mitgebrachten Krimi zu lesen. Währenddessen erstand Mr. Davidson auf der Reederei eine Passage für den Wagen und bei der Hafenbehörde eine Zugangsberechtigung zum Hafengelände. Doch das Unheil nahm bereits in Form eines Anrufes meiner Spedition seinen Verlauf, als der zuständige Sachbearbeiter mich nach den Formularen 161, 163, 165 und 355 fragte, die beim Import des neuen Wagens vorzulegen seien.
Mir waren diese Formulare gänzlich unbekannt, doch Mr. Davidson versprach, dass am Ende unseres „Kreuzweges“, wie er ihn nannte, auch wenn es nur 10 Stationen waren, das Formular 163 stehen würde, wohingegen die beiden anderen ihm gänzlich unbekannt seien. Immerhin versprach er beim Zoll danach zu fragen.
'Sicherheitsrisiken' bei der Ausfuhr von Autos
Halbwegs beruhigt fuhren wir also zum Hafentor, an dem das Sicherheitspersonal uns herauswinkte, denn Mr. Davidson hatte lediglich für sich eine Genehmigung, den Zollfreibezirk zu betreten erwirkt, keinesfalls aber für mich. Ich aber musste jedoch Formular 163 unterschreiben, ihn also zwangsläufig begleiten. Der Wortwechsel wurde immer heftiger, so dass das Sicherheitspersonal sich zunächst entschloss, sich die Zeit mit einer kompletten Untersuchung des Wagens einschließlich Ausschnüffelns durch Drogenhunde zu vertreiben, derweil wir diskutierten, telefonierten und wild gestikulierten.Schlussendlich vermochte mein offizieller Dienstpass die Anwesenden dann doch noch von der Tatsache zu überzeugen, dass ich kein übermäßiges Sicherheitsrisiko darstelle und den Hafen betreten dürfe, zumal ich während des Besuches der Gorch Fock die israelischen Atom U-Boote der Delfin Klasse hier in Augenschein hatte nehmen können.
Nunmehr ging es zur Hafenpolizei, wo ich wiederum im Wagen warten und 50 Seiten in meinem Krimi lesen durfte, derweil mich mein Spediteur anrief und nach einer Bankgarantie fragte. Das entsprechende Formular sei schon nach Jerusalem gefaxt worden. Außerdem hatte er die Information parat, dass der Wagen gerade im ägyptischen Port Said auf ein kleineres Schiff verladen worden sei, welches Verspätung haben würde.
Aber das mache nichts, am Sabbat würde der Zoll ohnehin nicht abfertigen. Und Mr. Davidson auch nicht, der ist nämlich religiöser Jude mit 8 Kindern und einer sehr wechselvollen Biographie, aber das gehört nun wirklich nicht hierher.
"Ich las derweil in meinem Krimi und telefonierte mit dem Zoll in Jerusalem, wo man die Formulare 165 und 355 ebenfalls nicht kannte."
Er hat sie mir beim Mittagessen in der Hafenarbeiterkantine erzählt, die er dann fluchtartig verließ, um sich in einem weiteren Büro irgendwelche Stempel und Unterschriften zu holen. Ich las derweil in meinem Krimi und telefonierte mit dem Zoll in Jerusalem, wo man die Formulare 165 und 355 ebenfalls nicht kannte.
Und wieder: Im- und Export
Und weiter ging es zum Zollbüro, das erfreulicherweise menschenleer war, allerdings leider nur mit einem Lehrling am Computer besetzt, der seinerseits mit dem Formular 163, das wir hier endlich erlangen sollten, nichts anfangen konnte. Zum Glück kam seine Chefin herein, die ihm alles erklärte und diktierte, was den Vorgang natürlich ungeheuerlich in die Länge zog, aber immerhin war sie schlussendlich gerade dabei, den alles entscheidenden Stempel auf Formular 163, das im übrigen mehr einem Einkaufsbon gleicht, zu setzen, als ich den strategischen Fehler beging, sie nach Formular 165 und 355 zu fragen.
"Wir telefonierten mit dem Zoll in Ashdod und Jerusalem, die im übrigen schon aus Prinzip stets gänzlich anderer Meinung sind als die Kollegin in Haifa, dem Spediteur und der Kirchenleitung und am Schluss hatte ich den Stempel auf der 163."
Irritiert ließ sie die bereits zum Stempeln erhobene Hand sinken und fragte spitz, ob ich denn gedächte, einen Wagen zu importieren, was keinesfalls gehe. Mein Herz fiel in die Hosentasche und ich versuchte das Ganze zu erklären, während Mr. Davidson mir warnende Blicke zuwarf, jetzt, in allerletzter Minute, nicht alles scheitern zu lassen. Wir telefonierten mit dem Zoll in Ashdod und Jerusalem, die im übrigen schon aus Prinzip stets gänzlich anderer Meinung sind als die Kollegin in Haifa, dem Spediteur und der Kirchenleitung und am Schluss hatte ich den Stempel auf der 163 und ein mulmiges Gefühl, was da in Ashdod wohl auf mich zukommen würde.
Mr. Davidson
Danach fuhren wir den Wagen auf die wartende Fähre, nahmen tränenreichen Abschied und fuhren mit dem Zug zurück nach Jerusalem, währenddessen Mr. Davidson mir die Lebensgeschichte seiner Mutter Ruth Blau erzählte, der Witwe des Gründers der antizionistischen Neturei Karta Bewegung, einer französischen Katholikin, die Gadaffi und Arafat traf, als solches noch strafbar war. Leider werde ich ohne Mr. Davidsons Erzählungen nach Ashdod fahren müssen, dafür aber den deutschen und israelischen Direktor einer internationalen Spedition an meiner Seite haben. Der Krimi geht also weiter.
VI. Phase: Ashdod
Eine Woche lang tat sich nun rein gar nichts, außer dass es mir gelang, neben Formular 163 auch noch 161, 165 und 355 aufzutreiben, von Propst und Steueramt siegeln zu lassen und herumzutelefonieren, wo denn das Schiff bleibe.
Zebulon, Jacky, Schlomo, Simon... Mittlerweile war es wieder Donnerstag geworden, Freitag und Samstag ist Shabbat, hernach Weihnachten, dann Chanukka und Neujahr, die Chancen standen also schlecht, den Wagen zu erhalten. Auf neuerliches Nachfragen erfuhr ich, dass das Schiff mittlerweile im Hafen von Ashdod gelandet, aber noch nicht entladen sei. Der Zoll würde bis gegen 14.00 Uhr arbeiten, wenn ich wolle könne ich ja ruhig einmal vorbeikommen und es versuchen. Was ich dann in einem Akt der Verzweiflung auch tat.
Mit meiner Sekretärin („Ich hätte das nicht gemacht, denn in Israel kann im allerletzten Augenblick noch alles schiefgehen.“) fuhr ich also zur Abwechslung an den Hafen Ashdod, wo ich telefonisch verabredet war, was aber nicht bedeutete, dass dort jemand auf uns gewartet hätte. Immerhin erhielt ich im Büro der Spedition einen handschriftlichen Zettel von Zebulon, der mich berechtigen sollte das Hafengebiet zu betreten, um dort Jacky zu treffen, der mir sicherlich weiterhelfen würde. Am Hafeneingang erwartete uns eine Sicherheitsprozedur wie bei EL AL Flügen, aber immerhin kam Jacky rechtzeitig dazu, als die Sicherheitsbeamtin fragte, wo denn mein Gatepass sei. Selbstverständlich hatte ich von einem Gatepass noch nie etwas gehört und meine Formulare 161, 163, 165 und 355 interessierten die Dame von der Sicherheit wenig. Sie entschwand daraufhin mit meinem Pass, Jacky ins Büro, um den Gatepass zu organisieren und ein eigens herbeigerufener Sicherheitsmann vertrieb mir und sich die Zeit damit mich zu filzen. Doch schlussendlich gelang es uns mit dem eilends besorgten Gatepass das Hafengelände und das Zollamt zu betreten und dann ging alles ganz schnell.
"Meine Papiere interessierten ihn reichlich wenig und er gab mir den gleichen Stempel, „den ich schon 2000 dem Papst für sein Papamobil gegeben habe“, in den Pass."
Desinteressiert saß dort Schlomo, ein alternder Zollbeamter, den ich noch von 1994 zu kennen meine, sicherlich aber 2002 schon getroffen habe. Meine Papiere interessierten ihn reichlich wenig und er gab mir den gleichen Stempel, „den ich schon 2000 dem Papst für sein Papamobil gegeben habe“, in den Pass. Noch eine Unterschrift beim Hafenmeister und das war´s. Fertig. Wozu dann die ganze Aufregung, fragte ich mich. Nunmehr befand ich mich in der absurden Situation, dass ich zur Abwechslung alle Papiere, dafür aber kein Auto hatte. Jacky beschloss, das in der Hafenarbeiterkantine zu feiern. Die zweite, die ich kennenlernte, was meinen Wunsch Hafenarbeiter zu werden, so er denn jemals bestanden hätte, nicht sonderlich steigerte.
Alle Papiere, aber noch kein Auto Simon, ein Kollege von Jacky brachte mich dann zum „bonded warehouse“, der Stelle wo zollfreie und freigegebene Container, aber auch schicke Diplomatenwagen gelagert werden und ihrer Abholung harren, nur nicht der meine eben, wie sich herausstellte.
Da der aber bald kommen sollte, fand es Simon nicht mehr notwendig, mir hilfreich und trostvoll zur Seite zu stehen und verabschiedete sich. Ich aber nahm auf dem schmutzigsten Platikgartenstuhl meines Lebens Platz und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Und tatsächlich, kaum hatte ich meinen dicken Kriminalroman beendet, kam ein eindrucksvoller US-Truck von dem ein noch eindrucksvollerer Hafenkran einen Container ablud. Roni, der Israeli, der russlandstämmige Genadi und der Äthiopier Saul öffneten ihn und tatsächlich, wie hinter einem etwas zu groß geratenen Türchen eines Adventskalenders, befand sich dort unser Wagen. Ende gut, alles gut!?
Epilog
Wir haben einen neuen Wagen, aber er fährt nicht. Da die Packer die beiden Batterien nicht abgeklemmt hatten für den Transport, sind diese zusammengebrochen und nicht mehr aufladbar. Es handelt sich um spezielle Gelbatterien, die in Israel umgerechnet rund 1000 Euro kosten würden. Richtig, wegen der Einfuhrsteuer, die auf Batterien 95% beträgt! Beim israelischen Händler.
Meine palästinensische Werkstatt darf „aus Sicherheitsgründen“, wie es heißt, keine Original Gelbatterien einführen. Wenn man sie denn überhaupt bekäme. Aber der Chef, immerhin Cousin eines Ministers, hat da so eine Idee, wie wir den Wagen dennoch zum Laufen kriegen, ich muss mit meinem fahruntüchtigen Untersatz dafür nur nach Nablus in die Hauptwerkstatt kommen, wie auch immer. Sogar Batteriekaufen wird hier zum Abenteuer. Ich werde also Weihnachten schön brav daheim bleiben und danach mit meinen Versicherungen reden, der Transport- , der Auto- und der Lebensversicherung.
Nachtrag
Gestern rief mich ein gewisser Herr Mendelson an. Nachdem ich zunächst nicht wusste mit wem ich es zu tun habe, stellte er sich als der orthodoxe Hoffnungsträger mit Probefahrt und "aus-dem-Auto-aussperren" vor. Herr Mendelson war begeistert. Mittlerweile hatte er für ein vielfaches des Verkaufspreises unseren alten Wagen erworben, der somit von seiner Kreuzfahrt nach Zypern zurückgekehrt war. So ein tolles deutsches Auto, meinte er, und so gepflegt, wie das nur Deutsche können, lobte er in den höchsten Tönen, dass es mir als Deutscher im Judenstaat schon ganz blümerant zu Mute wurde. Er brauche den Kombi, da er ein "singer" sei und weil ich ihn fälschlicherweise der eher seichten Gattung der Alleinunterhalter zuordnete, fühlte er sich bemüßigt mir die "Ohale Ja´akov", einen synogalen Gesang, in den Telefonhörer zu schmettern.
"Autofahren kann ja so völkerverbindend und ökumenisch sein, von der Steuerersparnis ganz zu schweigen."
Peinlicherweise hatte ich aber meine Magnetschilder mit arabischem Text und Jerusalem Kreuz im Kofferraum vergessen, was ich dem orthodoxen Sänger mitteilte. "Macht nichts", meinte Herr Mendelson, "die tauschen wir am Sonntag am American Colony Hotel gegen den Dachgepäckträger, den Du noch hast." Autofahren kann ja so völkerverbindend und ökumenisch sein, von der Steuerersparnis ganz zu schweigen.








