Jerusalemer Tagebuch (24.01.06)

 

Autotausch, ein kleiner Leitfaden für die Freunde des zollfreien Einkaufs, oder: Ein Lehrstück über Steuermoral

Der Alte...
Der Alte...

...und der Neue
...und der Neue

Auto
Wie wird man den Alten los?

Die besten Geschichten schreibt meistens das Leben selbst. Zu den besten Geschichten werden sie jedoch zumeist erst in der verklärten Rückschau, wenn man sich erfahrungsgesättigt und zufrieden mit seinem Leben im Ohrensessel zurücklehnt und sich turbulenter nervenaufreibender Stunden erinnert. Mich persönlich hat der zollfreie Autokauf, oder besser gesagt: Tausch an die Grenze eines Nervenzusammenbruches gebracht. Und das nicht von ungefähr...


I. Phase: Information

Wer einen neuen Wagen erstehen will, und solches unternimmt der Normalverbraucher ja nur in mehr oder weniger großen Zeitintervallen, tut gut daran, sich zuvor gründlichst zu informieren: Leistung und Verbrauch, Ausstattung und Preis, Design und Praxistauglichkeit, mithin Emotionen und Vernunft spielen dabei - je nach Veranlagung - eine große Rolle.
Bisweilen entsteht allerdings der Anschein, dass die weibliche Hälfte der Menschheit, zumindest was den Kauf eines fahrbaren Untersatzes betrifft, deutlich vernunftgeleiteter ist als so mancher Mann, aber lassen wir solch vulgärpsychologisches Schwadronieren, das Leben selbst ist hart genug, wie sich noch zeigen sollte.

Als der Grundsatzentschluss im Familienrat gefallen war, ging es daran sich mit Hochglanzbroschüren zu versorgen, die sich in der Jerusalemer Wohnung alsbald in ausreichender Anzahl, verschiedene Modelle betreffend, stapelten. Dass die Begleittexte und Spezifikationen in wunderschöner arabischer Kalligraphie oder ebenso unlesbarer hebräischer Sprache gehalten waren, vermochte zumindest den weniger vernunftbegabten Teil der Familie (s.o.) nicht vom Studium der äußerst ästhetisch gestalteten Bilder abzuhalten, die so manchen Kleinwagen aus der Froschperspektive aufgenommen geradezu als hochherrschaftliches chromblitzendes Gefährt erscheinen ließen. Wohlfeil im Abendlicht positioniert und von biblischen Lettern umgeben konnte da schnell der Eindruck eines goldenen Kalbes entstehen.

Doch allzu hochfliegende Träume wurden ohnehin gnadenlos von den sehr wohl entzifferbaren Preislisten mit ihren $-Zeichen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

'Steuerfrei' einkaufen im Internet
Das war nun wirklich nicht drin, auch als steuerbefreiter Ausländer, den ein Wagen in Israel ungefähr die Hälfte dessen kostet, was ein israelischer Steuerbürger zu zahlen hat, aber auch das ist mithin immer noch mehr als in Deutschland. Also kam nur ein Gebrauchter in Frage, aber die sind hierzulande leider nicht steuerfrei. Woran man wieder einmal sieht, wie sehr Steueranreize die Produktion zu fördern vermögen. Im Unterschied zur Mehrwertsteuer übrigens, die es in diesem Falle ja zu vermeiden galt, aber das sei nur am Rande vermerkt, wir wollen ja nicht politisch werden.

"Autokauf mit dem teuersten Mausklick, den ich jemals getätigt habe, aber es hat geklappt. Ich hatte einen mehrwertsteuererstattungsfähigen Wagen in Deutschland erworben."

Also galt es, in der bundesdeutschen Heimat einen Gebrauchten zu erwerben und nach Israel zu schaffen, eben aus dem einen Grunde, dass im Falle der Ausfuhr aus der Europäischen Union die Mehrwertsteuer erstattet wird. Woraus man erkennen mag, dass auch Gebrauchtwagen keinesfalls die Steuermoral heben. Doch wie sollte das funktionieren? Hierfür steht dem modernen homo technicus von heute das Internet mit seinen Suchmaschinen, virtuellen Showrooms, Konfiguratoren und ich weiß nicht was allem zur Verfügung. Autokauf mit dem teuersten Mausklick, den ich jemals getätigt habe, aber es hat geklappt. Ich hatte einen mehrwertsteuererstattungsfähigen Wagen in Deutschland erworben. Da stand er nun und harrte meiner. Was nun?


II. Phase: Deutschland

Anlässlich eines turnusmäßigen Deutschlandaufenthaltes begab ich mich also in das schöne Südbaden, um den neuen Gebrauchten abzuholen. Der musste nämlich zunächst bezahlt und hernach zu einer Spedition in Frankfurt überführt werden. Zuvor galt es jedoch den alten Wagen, der uns vier Jahre in Israel treue Dienste geleistet hatte, abzumelden. Doch trotz Terminabsprache stand ich bei der zuständigen Zulassungsstelle vor verschlossener Türe: „Wegen Betriebsversammlung geschlossen. Morgen sind wir wieder für sie da“, verkündete ein in meinem Fall wenig hilfreiches Schild, musste ich doch bereits am nächsten Tag wieder zurück nach Israel fliegen. Nun war guter Rat teuer, aber ein paar Telefonate später wusste ich, dass man PKW überall und jederzeit abmelden kann. Es galt also lediglich in einem benachbarten, betriebsversammlungsfreien Landkreis eine geöffnete Zulassungsstelle ausfindig zu machen, und ich beschloss dies im fernen Kehl, unserem zukünftigen Wohnort, wo auch der neue Wagen unser harrte, zu versuchen.
Zunächst galt es aber, den Händler daselbst zu benachrichtigen, dass sich der Zeitplan etwas verschieben würde. „Nicht schlimm - meinte der - der Wagen würde ohnehin noch neu bereift und die Reifen würden erst gegen 14.00 Uhr geliefert, ob ich zuvor nicht noch etwas essen gehen wolle. Hunger hatte ich wohl, jedoch sollte ich den Wagen bereits um 16.00 Uhr in Frankfurt abgeben.

Internationaler Im- und Export
Notgedrungen nutzte ich die Zwischenzeit, um den wirklich netten Damen der Zulassungsstelle in Kehl den Export meines Mosbacher Altwagens nach Zypern glaubhaft zu machen und somit den Auslandsabmeldevermerk im Brief zu erwirken. Ein Ansinnen, für das ich zunächst irritierte Blicke erntete. Doch als ich darauf hinwies, dass ich gedachte, einen Wagen aus Kehl nach Jerusalem zu schaffen, erinnerte sich eine der Damen dankenswerterweise daran, dass mein Händler bereits am Morgen die entsprechenden Zollschilder beantragt hatte, schenkte mir Glauben und wickelte mein Ansinnen unbürokratisch, allerdings begleitet von ungläubigem Kopfschütteln ob dieses Aufwandes ab. Und sie sollte Recht behalten.

Hätte ich doch lieber das bisschen Mehrwertsteuer gezahlt. Manch schlaflose Nacht wäre mir als bravem Steuerzahler, der sich nicht bemüßigt fühlt, jede Steuerlücke auszunutzen, erspart geblieben.
Nun waren aber Ausfuhrkennzeichen und Reifen montiert, die Probefahrt erfolgreich absolviert und der Scheck über den Gesamtbetrag, der mir beim Tanken schon einmal aus der Tasche gefallen war, feierlich überreicht. Sprich: es konnte los gehen.

"Vier Stunden im neuen Wagen. Das war´s. Aber das dicke Ende sollte noch kommen."

Jedoch hatte es mittlerweile zu allem Überfluss auch noch begonnen zu schneien, aber frisch bereift und guten Mutes ging es von Kehl unter Missachtung einiger Verkehrsregeln (sonst hätte ich es nie geschafft; gut, dass man mit Zollschildern schlecht bestrafzettelt werden kann) nach Frankfurt. Schön, so eine Freisprechanlage im neuen Auto, über die man den Mann von der Spedition, der um 16.00 Uhr eigentlich Feierabend machen wollte, informieren kann, dass es etwas später wird. Und tatsächlich, pünktlich um 18.00 Uhr rollte der Wagen auf den Hof, wo mir der Spediteur sogleich wortkarg einige Zettel zur Unterschrift entgegenhielt, sich den Autoschlüssel schnappte und verschwand. Vier Stunden im neuen Wagen. Das war´s. Aber das dicke Ende sollte noch kommen.

III. Phase Die Krise

„Ich hätte das nicht gemacht“, meinte meine Sekretärin altklug, und sie darf das, da sie erstens älter ist als ich und zweitens schon über 30 Jahre in Israel lebt, „denn in Israel kann im allerletzten Augenblick noch alles schiefgehen.“ Und so kam es dann auch. Hatte ich zuvor mit Zollamt, Spedition, Hafenbehörde, Innen- und Religionsministerium und allen sonstigen erdenklichen Behörden und Instanzen alle nur irgend möglichen Details abgesprochen, so kam die Krise mit einem Anruf meines israelischen Händlers. Hierzu muss der geneigte Leser aber wissen, dass ich nur ein steuerfreies Auto haben darf, woraus unmittelbar folgt, dass der alte Wagen zuvor das Land verlassen muss.

Was gar nicht so einfach ist. Früher hatte man die Autos einfach auf den Parkplatz des Hilton Hotels in Taba gestellt, bis ein anderer Ausländer an ihm Gefallen fand und ihn erwarb. Seit dem Anschlag daselbst geht das aber nicht mehr. Nunmehr müssen die Wagen nach Zypern verbracht, dort verkauft und reimporitert werden, was in erster Linie die zuständige Reederei und die Broker freuen dürfte. Doch eine Woche vor Ankunft unseres neuen Wagens, der mittlerweile in einem Container verstaut und auf hoher See unterwegs war, sagte mir der Händler ab. Zypern gehe nicht mehr.

Wie wird man ein Auto los?
Für noch mehr Verunsicherung sorgte meine russischstämmige Sachbearbeiterin beim Zollamt, die ich gramgebeugt aufsuchte:
Es sei doch ohnehin gleich, ob ich den alten Wagen verkaufen könne, da ich ohnehin keinen neuen einführen könne. Auf diesen Schreck hin, der Neue war schließlich schon auf hoher See, musste ich mich erst einmal setzen und begann in meinen mittlerweile zwei Aktenordner füllenden Papieren zu rascheln, bis ich das richtige gefunden hatte. Gnädigerweise ließ sie sich dazu herab, einen Blick hineinzuwerfen und meinte, das ganze sei zwecklos, ich könne es vergessen, der Wagen sei doch erst seit Oktober im Lande und dürfe erst nach 2 Jahren umgetauscht werden. Ich konnte sie überzeugen, dass dem nicht so sei und der Wagen schon viel länger im Lande sei und wir in Jordanien lediglich einen Urlaub absolviert hätten. Nunmehr blätterte sie ihrerseits in ihrem Papierkonglomerat und verkündete abschließend, dass der Wagen erst nach drei Jahren getauscht werden dürfe, was ich fröhlich bejahte, da er schon beinahe vier Jahre im Lande sei. (Daheim fand ich übrigens heraus, dass ich ihn nach drei Jahren ohnehin hätte ausführen müssen).

"Der Gang in die Kriminalität und die Verschiebung des Autos nach Ramallah (...) wäre unklug angesichts des Umstandes, dass ich gerade eine Woche darauf „rein zufällig“ einen neuen Wagen importieren will."

Dennoch weigerte sie sich standhaft, mir den entsprechenden Gesetzestext zu kopieren. Bei Bedarf könnten die zuständigen Behörden in Aschdod, wo ich den neuen Wagen abholen muss, ja anrufen. Nunmehr boten sich mir drei Alternativen:

1. Der Gang in die Kriminalität und die Verschiebung des Autos nach Ramallah, in die palästinensichen Autonomiegebiete, in denen auch eine gewisse Autonomie von gesetzmäßigen Verhältnissen zu herrschen scheint. Schon manch prominenter Amtsinhaber wurde dorten mit einem in Israel gestohlenen Wagen ertappt, der im Nachhinein mit neuen, sauberen Papieren ausgestattet worden war. Das wäre aber unklug angesichts des Umstandes, dass ich gerade eine Woche darauf „rein zufällig“ einen neuen Wagen importieren will. Zudem sind auch bei Diebstahl nachträglich in Israel Steuern zu entrichten.

2. Die Fahrt nach Jordanien nach Zarqa bei Amman in die dortige Freihandelszone und Verkauf weit unter Wert an einen Zwischenhändler, der den Wagen dann in den Irak bringt. Hauptsache man ist das Ding los.

oder 3. die teuerste Variante: Rückverschiffung nach Deutschland.
Was nun, wenn kein Wunder geschieht?


IV. Das Wunder

Das Wunder nahte in Gestalt eines orthodoxen Juden aus New York, der Interesse an dem Wagen bekundete und über Beziehungen zum Zollamt sowie diverse Pässe verfügte. Mein israelischer Dealer überzeugte ihn zum Treffpunkt am American Colony Hotel im arabischen Ostjerusalem zu kommen, schließlich hätten doch direkt gegenüber jüdische Siedler derletzt die Erlaubnis zum Bau neuer Wohnungen erhalten, so schlimm könne es dort also doch nicht sein. Die Probefahrt durch arabisches Gebiet gestaltete sich relativ halsbrecherisch, was zum einen daran gelegen haben mag, dass US-Amerikaner gewöhnlicherweise Automatik fahren und Schaltgetriebe nicht gewohnt sind. Andererseits gestand er, ohne mich und die schützende weiße Nummer niemals hier alleine fahren zu wollen, es sei doch viel zu gefährlich. Trotz latenter Gefahr und riskanter Fahrweise schafften wir es zurück zum Hotel, wo er die Alarmanlage betätigte, die Türe zuschlug und uns solchermaßen alle vom Wagen aussperrte. Also musste ich eine Viertelstunde nach Hause fahren, um die Ersatzschlüssel zu holen, meine beiden Israelis angstschlotternd in arabischer Umgebung zurücklassend. Hoffentlich würde sich solches nicht negativ auf die Kaufaussichten auswirken, denn beide verabschiedeten sich nach meiner Rückkehr sehr schnell. Morgen wollen sie Bescheid geben und im Augenblick weiß ich auch nicht mehr als die Leser dieses Tagebucheintrags. Hoffen wir das Beste, nächste Woche geht es weiter, Spannung, Nervenkitzel und Chaotik garantiert!

Fortsetzung folgt!

       

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