Jerusalemer Tagebuch (31.12.05)

 

Kein Jahr wie jedes andere - Neujahrsempfang beim Präsidenten

Kirchenvertreter
Neujahrsempfang 2006

Präsident Moshe Katzav
Präsident Moshe Katzav

Rüdiger Scholz
Rüdiger Scholz

Zum ersten Mal in der Geschichte des Staates hat der traditionelle Neujahresempfang des Präsidenten für die Oberhäupter der christlichen Kirchen in Israel ohne christliche Respons stattgefunden. Präsident Moshe Katzav sprach und lud danach zum Empfang ein. Die christliche Erwiderung aber blieb aus, um einen Affront zu vermeiden.

Denn der christliche Vertreter, der traditionellerweise auf die Rede des israelischen Präsidenten zu antworten hat, ist der griechisch-orthodoxe Patriarch, dem als Oberhaupt der alteingesessenen Kirche eine Art Ehrenprimat unter den Kirchenführern zukommt. Der aber war als Patriarch nicht eingeladen, weil vom Staat nicht anerkannt, und so unterblieben Rede und Blamage.


Kirchenpolitik: Uneinigkeit untereinander

Erschienen war allerdings nur der von seiner eigenen Kirche wegen dubioser Grundstücksgeschäfte abgesetzte Patriarch Irenäus I. in vollem Ornat und in Begleitung einer kleinen Schar von Getreuen. Alle anderen Griechen hatten die Zeremonie boykottiert, so auch der neu gewählte Patriarch, Theophilos III., der nur als "Bischof" geladen war, jedoch nicht als amtierender Patriarch.

"Wenngleich diese Affäre auch das Hauptgespräch unter den eingeladenen Kirchenoberhäuptern in den Wandelgängen war, öffentlich zur Sprache kam sie nicht."

Irenäus I. war Anfang des Jahres von der Synode des unabhängigen Patriarchats von Israel, Jordanien und Palästina abgesetzt worden, weil ihm vorgeworfen wurde, heimliche Bodengeschäfte mit einer jüdischen Gruppe getätigt zu haben. Dies bestreitet der Patriarch bis auf den heutigen Tag und kämpft um seine Rehabilitierung. Aber außer Israel haben alle anderen involvierten Staaten, neben Jordanien und der palästinesischen Autonomiebehörde auch Griechenland und das ökumenische Patriarchat von Konstantinopel in Istanbul, die Absetzung von Irenäus und die darauf erfolgte Wahl von Theophilos anerkannt (siehe dazu Jerusalemer Tagebuch vom 21.09.05).

Wenngleich diese Affäre auch das Hauptgespräch unter den eingeladenen Kirchenoberhäuptern in den Wandelgängen war, öffentlich zur Sprache kam sie nicht. Und da es keine christliche Erwiderung auf die Rede des Staatspräsidenten gab, blieb alleine diese zur Diskussion. Moshe Katzav hatte sich hauptsächlich über das Chaos in der palästinensischen Verwaltung und die Bereitschaft Israels, zu einem Frieden mit den Palästinensern zu kommen, ausgelassen.

Weltliche Politik: Uneinigkeit mit dem Staat

Als historische Meilensteine benannte der Präsident das Oslo-Abkommen von 1993 und den einseitigen Abzug Israels aus Gaza vom letzten August als deutliches Zeichen der Friedensbereitschaft Israels. Nie sei die historische Chance zu einem Frieden so nahe gewesen wie jetzt, meinte Katzav, der gleichzeitig  Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas als vertrauenswürdigen und ehrlichen Partner, dem allerdings die Unterstützung im eigenen Lager fehle, lobte. Gleichzeitig warnte er vor zunehmendem Terror und Chaos in den palästinensischen Gebieten. Und wenn antidemokratische bewaffnete Terrorgruppen, wie beispielsweise die Hamas, die anstehenden Wahlen gewinnen würden, sähe er von Israels Seite aus keinen Gesprächspartner mehr. Der Terror, so Katzav, sei nicht nur der Feind der Israelis, sondern mindestens ebenso der Palästinenser, deren Sache er schade. Der Präsident unterstrich das Ganze durch einen Vorfall, bei dem am Morgen ein Selbstmordattentäter sich selbst, einen israelischen Soldaten sowie einen palästinensischen Passanten an einem Checkpoint in der Westbank getötet hatte.

"Der lateinische Patriarch, der Palästinenser Michel Sabah, diskutierte im Anschluss erregt und emotional mit dem israelischen Präsidenten und warf ihm vor, zu einseitig die Friedensliebe der Israelis gegenüber dem palästinensischen Terror betont zu haben."
 
Die palästinesischen Kirchenvertreter lauschten mit versteinerter Miene der Rede des Präsidenten, begannen aber eine heftige Diskussion mit diesem nach Abschluss des offiziellen Teils. Der lateinische Patriarch, der Palästinenser Michel Sabah, diskutierte im Anschluss erregt und emotional mit dem israelischen Präsidenten und warf ihm vor, zu einseitig die Friedensliebe der Israelis gegenüber dem palästinensischen Terror betont zu haben. Sabah selbst hatte aber in seiner Weihnachtsansprache (siehe unten) seinerseits die israelische Besatzungspolitik massiv kritisiert.

Dafür war das Buffet besser...
Einer der Teilnehmer fasste das Geschehen so zusammen: in diesem Jahr mussten wir zwar stehen, aber dafür war das Buffet eindeutig besser als in den Vorjahren. Aber das ist, wie so manches in der Politik dieses Landes, zu kurzfristig gedacht.
Denn dass es für die politische Zukunft langfristig verhängnisvoll ist, wenn Kirchenführer untereinander und mit dem Staat uneins sind, ist deutlich, mit oder ohne Fischbuffet.

Weihnachtsansprache des lateinischen Patriarchen M. Sabah in Bethlehem am 24.12.2005 im Wortlaut

       

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