Jerusalemer Tagebuch (09.12.05)
Und es stimmt doch: Es gibt Eishockey in Israel
Eishockey in Metula
Trainer und Kapitän
Wenn wir es nicht gelesen hätten, man hätte irre werden können. Auf der Suche nach dem israelischen Eishockey-Team, das im April gegen Deutschland bei der B-WM in Frankreich antritt, muss man etliche Hürden überwinden. Kein Mensch scheint überhaupt zu wissen, dass es Eishockey in Israel gibt. Fußball spielt die Hauptrolle, Macabee Haifa hat da die Nase vorn, im Stadion mitten im Wohngebiet überzeugen wir uns von der Güte der Kicker. Die haben einiges zu bieten, die Arena ist voll mit glücklichen Grüngekleideten, aber dem Eishockey bringt uns das auch nicht näher. Fußballfans winken nur ab: "Nein, den Sport gibt's bei uns nicht."
Eine russische Israelin gibt uns eine Nummer von einem Spieler. Begeisterung. Wir rufen an, erwischen erst die Mutter, dann die Frau und finden schließlich heraus, dass es sich um einen Feldspieler handelt. Sportlehrer Shlomi geht der Sache nach und er findet erste Spuren: In Hebräisch im Internet. Das nützt Leuten, denen die Zeichen spanisch vorkommen, nicht viel. Aber immerhin findet irgendjemand eine Nummer. Von einem Menschen, der nur russisch spricht, auch dies nicht eben eine der Sprachen, die wir fließend beherrschen, wir verstehen nur Bahnhof. Ein israelischer Freund schafft das schier Unmögliche. Er erhält die Nummer von einem amerikanischen Israeli.
Warum in Metula?!
Jetzt geht es vorwärts: Der junge Mann heißt Mike, er ist der Kapitän der Jugendnationalmannschaft, die sich soeben beachtlich geschlagen hat bei einem Turnier in Kanada und er lädt uns zum Training ein. In Metula. Da türmen sich weitere Hindernisse auf. Dann nach Metula fährt eigentlich nichts. Das Dörfchen liegt an der libanesischen Grenze ganz oben im Norden und der "good fence" der gute Zaun, sprich die Grenze, über die erst jetzt wieder scharf geschossen wurde, ist erschreckend nahe. Ein Tor soll, so steht es geschrieben, um 22 Uhr geschlossen werden. Ein Bus fährt bis neun Kilometer vor Metula, danach muss ein Taxi her und nach dem Training geht nichts mehr.
"Hierher kann eigentlich keiner zum Training kommen, einfach, weil der Ort so weit ab liegt. Ja, sagt Boris Mindel, der Coach des Teams, ein wenig traurig, das sei eine eigene Geschichte."
Wir mieten ein Avis-Auto in Haifa und bewältigen die 150 Kilometer auf diese Weise. Es ist stockdunkel, als wir in Metula ankommen. Genauer gesagt, beim Canada-Center, einem prächtigen Bau, den kanadische Juden spendiert haben. Um Himmels Willen, warum in Metula? Hierher kann eigentlich keiner zum Training kommen, einfach, weil der Ort so weit ab liegt. Ja, sagt Boris Mindel, der Coach des Teams, ein wenig traurig, das sei eine eigene Geschichte. Die Kanadier wollten den Leuten im Norden etwas Gutes tun. Schließlich lebten sie in permanenter Gefahr und außerdem hätten die im Süden doch schon so viel. Mindel muss jetzt schauen, dass er mit dem fertig wird, was er vorgefunden hat.
Voller Engagement
Der russische Israeli, ein Mann mit Herz, Kompetenz und Engagement, spielte früher in der russischen Armee Eishockey, bevor er in den Siebziger Jahren nach Israel kam und einer der Väter des dortigen Eishockey wurde. Er hat erstaunliche Erfolge eingefahren unter den Bedingungen, die er meistern muss. Der Aufstieg in die B-WM-Gruppe gilt als kleines Wunder, obgleich die meisten der Akteure gute Spieler sind. Aber sie treten an in Europa, in Übersee oder in Russland und kommen nur vor Wettbewerben zum Training nach Metula. Jean Peron von den Montreal Canadians jettet dann ebenfalls heran und eilt Mindel zur Seite.
An diesem späten Nachmittag steht Mindel drei Stunden auf dem Eis. In der zweiten Hälfte trainiert linker Hand das Juniorenteam, verstärkt von Seniorenspielern, auf der rechten kommt der Nachwuchs zum Zuge. Da tun sich Abgründe auf, denn manche der Kids stolpern noch über ihre eigenen Füße, warum auch nicht, aller Anfang ist schwer. Allerdings gibt es auch jene Talente, bei denen man merkt, dass sie Großes vor sich haben könnten. Mindel ist nicht eben glücklich über die Bedingungen, eigentlich, sagt er, sei es ganz und gar unmöglich, allen gerecht zu werden. Eiszeiten gibts auch nicht genug, und gleich anschließend kommen die kleinen Eiskunstläufer und drehen ihre Kringel. Es mag nicht viel los sein in Metula, im Center trifft das nicht zu.
Großes Talent und große Hoffnungen
Mike Horowitz, der 17-jährige Kapitän der Jungs, der bei der WM auf einen Platz im Nationalteam der Älteren hofft, ist ein Talent, das sieht man auf den ersten Blick. Und wenn er erzählt, dass er bis vor kurzem noch Feldhockey spielte, mag man es nicht glauben, so gut und wendig tritt er an. Der Papa gab den Impuls, Horowitz senior spielte in den USA Eishockey, bevor er nach Israel umsiedelte. Drei Israelis amerikanischer Herkunft sind im Team, natürlich auch ein paar Russen, die von Hause aus fit sind, ansonsten aber Jungs aus dem Metula-Sportprogramm.
"Mindel ärgert sich, dass nordamerikanische Zeitungen mehr über Eishockey in Israel schreiben als die Israelis selber. Man werde, moniert er, regelrecht totgeschwiegen."
Auf die WM setzen die Israelis große Hoffnungen. Nicht, dass sie auf einen Platz weiter oben hoffen, "Deutschland und wir, das sind zwei Klassen", sagt Mindel, aber wenn sie ein paar gute Spiele leisten, dann kann die Presse nicht mehr schweigen. Mindel ärgert sich, dass nordamerikanische Zeitungen mehr über Eishockey in Israel schreiben als die Israelis selber. Man werde, moniert er, regelrecht totgeschwiegen. Wenn aber der Klassenerhalt geschafft würde, dann ginge das nicht mehr, dann müssten die einheimischen Journalisten berichten. Und dann gäbe es vielleicht einen Ruck und das lang geplante Eisstadion in Tel Aviv würde gebaut und die 1000 Feldhockeyspieler würden umsatteln, schöne neue Welt. Derzeit gibt es 500 Eishockeyspieler in Israel, darunter auch solche, die längst in Sportrente nur noch zum Spaß spielen. Fünf Amateurteams treten in einer Liga gegeneinander an, in Metula, wo sonst.
Schlachtenbummler sind Angehörige, aber auch etliche Russen, die in der Gegend wohnen und ihren Lieblingssport vermissen. 80 bis 100 Kids unter 18 Jahren ziehen sich die Schlittschuhe an. Mindel hat es geschafft, aus diesen Quellen zu schöpfen, mit sehr viel Enthusiasmus. Auf die WM freuen sich die Israelis. Danach könnte es sein, dass man wirklich jemanden trifft im Lande, der sagt: "Eishockey in Israel, ja das gibt es." Es wäre den einsatzfreudigen Cracks und ihrem Trainer, die ganz Erstaunliches leisten, zu wünschen.
Von Angelika von Bülow, Mannheimer Morgen, mit freundlicher Genehmigung der Autorin








