Jerusalemer Tagebuch (30.11.05)
"Man klaut sich jeden Tag ein kleines Stück vom Frieden." - Neuanfang an der Schmidt-Schule in Jerusalem
Nikolaus Kircher
An der frisch getünchten Wand hinter dem neuen Schuldirektor hängen Portraits von Papst Benedikt XVI. und Bundespräsident Horst Köhler. "Das ist neu", sagt Nikolaus Kircher, 57, bisher Oberstudiendirektor im Kirchendienst in Bonn. Vor zwei Monaten kam er nach Jerusalem, um sieben Jahre lang zu bleiben und die 1886 von deutschen Patres gegründete Schmidt-Schule zu erneuern. In den vergangenen zehn Jahren wurde die Mädchenschule von einer koreanischen Schwester geleitetet.
Von Ulrich Sahm, KNA, mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
Die deutsche Bischofskonferenz, die Congregatio Jesu als Träger und der Deutsche Verein vom Heiligen Land haben ihm auf dem Weg zu dem historischen Gebäude vor dem Jerusalemer Damaskustor inmitten der arabischen Neustadt drei Aufgaben mitgegeben.
Profil als christliche Schule
Die Schule mit 470 palästinensischen Schülerinnen, von denen 80 Prozent Muslima seien, solle wieder ihr Profil als christliche Schule erhalten. Die Schulentwicklung solle an deutsche Vorstellungen herangeführt werden. Ebenso soll das deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz angestrebt werden. Dank der kurzfristig entsandten Uta Kollin könne der Deutschunterricht jetzt schon ab der vierten Klasse beginnen. Ab der zehnten Klasse sei Englisch die gängige Unterrichtssprache. Kircher hat schon die deutsche Schule der Borromäerinnen in Kairo geleitet. Es stört ihn deshalb nicht, "nur ein paar Brocken Arabisch" zu sprechen. Mit dem Segen des AA will Kircher Partnerschaften mit Schulen in Deutschland aufbauen und einen Lehrer- wie Schüleraustausch forcieren. Mit deutschen Institutionen in den palästinensischen Gebieten will Kircher die Räumlichkeiten seiner Schule zu einem Zentrum werden lassen. Vertreter der Repräsentanz (Botschaft in Ramallah), der politischen Stiftungen, des Goetheinstituts und bis hin zur GTZ sollen sich mit den Schülerinnen treffen."Mit großer Begeisterung wurde mein Vorschlag zu demokratischen Strukturen angenommen, die Wahl eines Lehrer-Schüler- und Elternbeirats", erzählt Kircher."
Die Mädchenschule werde erstmals von einem einem katholischen Laien geleitet. Mit viel Energie will er die Schmidt-Schule an ihre "deutschen Wurzeln" zurückführen. Kircher kann schon erste Erfolge aufweisen. "Mit großer Begeisterung wurde mein Vorschlag zu demokratischen Strukturen angenommen, die Wahl eines Lehrer-Schüler- und Elternbeirats", erzählt Kircher an seinem mit Laptop und PC ausgestatteten Schreibtisch. Er will jetzt einen Antrag für Unterstützung durch den Staat Israel vorantreiben. "Fristen wurden verpasst, weil nicht rechtzeitig die Gutachten eingereicht wurden." Sowie die Schule alle Kriterien erfülle, könne sie mit erheblichem gesetzlichen Zuschuss rechnen.
Die Schülerinnen müssen pro Jahr bis zu 1000 Euro Schulgeld entrichten. "Für Eltern mit geringem Einkommen und mehreren Kindern ist das eine schwere Last. Ich hoffe, in Deutschland Förderer zu finden, die Stipendien stiften möchten", sagt Kircher.
Dilemma der Christen im Heiligen Land
Erst seit 2003 wurde an der Schule für arabische Mädchen auch Hebräisch gelehrt. Kircher ist sich voll des Dilemmas der Christen im Heiligen Land bewusst. Seit seiner Ankunft seien schon drei Familien in die USA und Kanada ausgewandert, "weil wir unseren Kindern keine Zukunft in Würde garantieren können". Doch gleichzeitig seien fünf palästinensische Familien zurückgewandert "weil sie einen Arbeitsplatz gefunden haben". Kircher hält die wirtschaftliche Frage für entscheidender als die Ideologie."Wir entfremden die Kinder nicht ihrer Kultur. Wir wollen, dass sie in ihrer Gesellschaft Verantwortung übernehmen und an der palästinensischen Staatswerdung teilnehmen, als Ärztinnen, Rechtsanwälte oder Politikerinnen."
Eliteschule, Sprachunterricht und Kontakte zum Ausland befähigen die Abiturientinnen zu einem Studium im Ausland. Fördert das auch die Abwanderung der Christen? Kircher ist sich des Problems bewusst: "Wir entfremden die Kinder nicht ihrer Kultur. Wir wollen, dass sie in ihrer Gesellschaft Verantwortung übernehmen und an der palästinensischen Staatswerdung teilnehmen, als Ärztinnen, Rechtsanwälte oder Politikerinnen." Immerhin öffne der Hebräischunterricht den Jerusalemer Schülerinnen mit israelischem Personalausweis jetzt auch die Möglichkeit, eine israelische Universität zu besuchen.
Über die derzeitige Stimmung unter den Schülerinnen und ihren Eltern nach fünf Jahren Intifada, politischen Wirren und dem israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen Mitte August, zitiert Kircher: "Wir sollten nicht zu fest auftreten, um zu prüfen, ob die dünne Eisdecke schon hält." Gemäß seinem Eindruck aus Gesprächen "bricht weder Frieden noch ein Krieg aus. Man klaut sich jeden Tag ein kleines Stück vom Frieden."
- Mehr über die Schmidt-Schule in Jerusalem beim Deutschen Verein vom Heiligen Lande








