Jerusalemer Tagebuch (18.11.05)
Alle Wege führen nach Amman…
wohin?!
perfekter Service
allein auf weiter Flur
… das könnte man zumindest meinen, wenn man nicht über die Allenby Brücke bei Jericho, die auf jordanischer Seite „King Hussein Bridge“ heißt, sondern über die „Sheik Hussein Bridge“ im Norden nach Jordanien einreist. „Nach Amman?!“, meint der Grenzpolizist, „da fahren sie nach der Grenze rechts und an der Ampel links.“ Gesagt, getan. Verunsicherung kann nur bei Ortsunkundigen nach, sagen wir einmal, 50 ampellosen Kilometern aufkommen, wenn die einzige Ampel im Jordantal immer noch nicht erreicht ist.
Sie kommt bei Kilometer 55 und kein Schild weißt auf Amman hin. Wozu auch. Wer sie verpasst, kann getrost noch 30 Kilometer weiter fahren. Dann ist man wieder auf der anderen Seite der „King Hussein“ Brücke. Dort steht auch eine Ampel ohne Wegweiser nach Amman. Doch die dortige Autobahn ist langweilig. Wir haben die harte Tour vorgezogen und sind an der vermeintlich einzigen Ampel abgebogen.
Diese Straße führt tatsächlich, wenn auch ohne jegliche Ausschilderung in Richtung Amman, abgebogen wird nach dem inneren Kompass. Gut, dass wir abends die Lichter Salts vom Ölberg aus sehen, so bestärkt uns das Auftauchen dieser Stadt in der Annahme - wider Erwarten - auf dem richtigen Wege zu sein.
Schnitzeljagd
Doch dann finden sich keinerlei Hinweise mehr und die Autofahrt wird zu einer Art Schnitzeljagd. Ein Schild mit der kryptischen, dafür aber englischsprachigen Aufschrift „Sweileh“ etwa verrät alleine dem Ortskundigen, dass er sich nunmehr im Umfeld der wuchernden Millionenstadt Amman eingefunden hat. Doch dann geht nichts mehr. Ein immer wieder auftauchendes Flugzeugsymbol am Straßenrand bestärkt uns in der Annahme, dass wir an Amman vorbeigefahren sind und uns südlich in Richtung Flughafen bewegen.
Als wir in einem Stau neben einem Taxifahrer zu stehen kommen, fragen wir nach dem „City Center“. Er deutet geradeaus, was sich nach weiteren 10 Kilometern als tragischer Irrtum erweist.
Vermutlicherweise konnte er einfach kein Englisch, war aber zu höflich, uns ohne freundliche Auskunft fahren zu lassen.
Auch die rein arabischsprachige Besatzung eines Polizeiwagens kann mit unseren Kommunikationsversuchen wenig anfangen, doch da wir nebeneinander im Stau stehen scherzen sie mit unseren blonden Kindern.
Das hilft uns zwar auch nicht weiter, aber immerhin haben wir Eltern dadurch ausreichend Zeit, eine arabischsprachige Karte, die wir an der Grenze sinnvollerweise bei der Touristeninformation erhalten haben, zu studieren.
Als dann noch ein Motorradpolizist vorbeirauscht, halten wir ihn an und deuten auf der Karte an die Stelle, an der sich unserer Meinung nach das Stadtzentrum befinden könnte. Er lächelt, lässt einen arabischen Redeschwall los und bedeutet uns, ihm zu folgen. Und so geht es per Motorradeskorte und Blaulicht zum neunten Zirkel.
Kreisverkehr in Amman: Von Zirkel neun nach Zirkel zwei
An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass es in Amman lediglich zwei Möglichkeiten gibt sich zu orientieren: erstens an großen Gebäuden, zumeist den internationalen Hotels, und zweitens an den so genannten Zirkeln, das sind Kreisverkehre, neun an der Zahl, die sich, wie an einer Perlenkette aufgereiht, durch Amman ziehen.
Hat man einen gefunden, so sind auch die anderen nicht weit. Sollte man meinen. Als ich vor zwanzig Jahren das erste Mal in Amman war, gab es lediglich drei oder vier Zirkel. Und die waren rund, wie sich das gehört. Heute sind es neun und mehr, die allerdings aus einem System von Über- und Unterführungen, Abzweigungen und Tunneln bestehen, was sehr verwirrend ist.
"Am achten Zirkel ging es noch gut, doch bereits als wir den siebten Zirkel in einer vermeintlichen Unterführung unterqueren wollten, entpuppte sich diese als ein langgezogener Tunnel ohne Fluchtmöglichkeit, der sich genüsslich nach links bog, wo wir nach geraumer Zeit in einem uns vollkommen unbekannten Stadtteil wieder das Licht der Welt erblickten."
Immerhin brachte uns der freundliche Polizist bis zum neunten Zirkel. Von da aus sollten wir unser Ziel, den zweiten Zirkel eigentlich unkompliziert finden. Theoretisch. Am achten Zirkel ging es noch gut, doch bereits als wir den siebten Zirkel in einer vermeintlichen Unterführung unterqueren wollten, entpuppte sich diese als ein langgezogener Tunnel ohne Fluchtmöglichkeit, der sich genüsslich nach links bog, wo wir nach geraumer Zeit in einem uns vollkommen unbekannten Stadtteil wieder das Licht der Welt erblickten.
Allerdings erwies sich der Wunsch, zu wenden als undurchführbar, wurden doch beide Fahrspuren durch einen der berühmten beinahe meterhohen Ammaner Bürgersteige getrennt.
Da Amman über nämlich keine nennenswerte Kanalisation verfügt, haben diese Bürgersteige die Aufgabe, bei Regenfällen das Wasser von den Gehwegen und Grundstücken fernzuhalten, so dass sich manche Straße der auf sieben Hügeln erbauten Stadt in einen reißenden Sturzbach verwandelt, was sowohl die Passage ohne Geländewagen, als auch die Überquerung zu Fuß unmöglich macht.
Einstweilen hatten wir aber lediglich mit dem Problem zu kämpfen, nicht wenden zu können.
Nach geraumer Zeit taucht allerdings ein Schild mit der Aufschrift „Shmeisani“ auf. Dort war ich schon gewesen, ist es doch das Edelviertel Ammans in dem sich die meisten guten Restaurants, Markengeschäfte und die wenigen Kinos der Hauptstadt angesiedelt haben, in denen sich allabendlich die westlich gesonnene wohlhabendere Jugend amüsiert. Und tatsächlich: nach geraumer Zeit im Stau erreichten wir Shmeisani. Zu meiner großen Freude erkannte ich den Turm des Mariott Hotels. Jetzt rechts zum Hyatt, dann sind wir schon am dritten Zirkel, oben bleiben, keine Spielchen mehr mit Unterführungen, dann links zum zweiten Zirkel und nach einer Ehrenrunde um diesen herum haben wir endlich das Ziel unserer Odyssee, das Intercontinental Hotel erreicht.
"Überfallkommando"
Doch dort erwartet neues Ungemach den harmlosen Autofahrer: kaum angehalten, reisst ein als Beduine verkleideter Bewaffneter den Wagenschlag auf, komplimentiert mich heraus und seine Komplizen verschwinden mit Frau und Kindern im Hotel. Währenddessen haben weitere Gangster den Kofferraum geöffnet und das gesamte Gepäck gestohlen. Fassungslos starre ich auf den kleinen Zettel in meiner Hand, da rast der falsche Beduine auch schon mit meinem Wagen davon. Der perfekte Überfall, oder bester Hotelservice, wie man es nimmt, der Wagen ist geparkt, das Gepäck im Zimmer und die Familie bei einem Drink, ehe ich mich´s versehe. A propos Drink:
Im Fastenmonart Ramadan empfiehlt es sich, ausschließlich in internationalen Hotels der gehobenen Kategorie zu nächtigen, denn nur hier ist die Versorgungslage für hungrige christliche Mägen halbwegs sichergestellt. Hinter einer Sichtblende sehe ich einige amerikanische Soldaten aus dem Irak sogar verschämt ein Bier trinken.
"Es gibt Schweinefleisch, Alkohol allerdings mag nicht einmal er im Ramadan ausschenken. Pech gehabt, aber ich muss ohnehin noch Auto fahren."
Wir selbst machen uns am Abend auf den Weg zu einem chinesischen Restaurant, dessen Besitzer durchgehend geöffnet und wenig Verständnis für islamische Fastenbräuche hat. Es gibt Schweinefleisch, Alkohol allerdings mag nicht einmal er im Ramadan ausschenken. Pech gehabt, aber ich muss ohnehin noch Auto fahren. Wobei im islamischen Jordanien Alkoholkontrollen eher selten sind, schließlich trinkt die Bevölkerungsmehrheit solchen nicht.
Die Straßen sind übrigens jetzt menschen- und autoleer. Es ist Iftar angesagt, das Fastenbrechen, jetzt sind alle daheim und schlemmen.
Wir fahren kreuz und quer über den zweiten Zirkel, immer wieder und auch der falsche Hotelbeduine ist zum Essen. Ich parke den Wagen quer vor dem Eingang und werfe den Schlüssel auf die verwaiste Rezeptionstheke. Das haben wir uns heute verdient.








