Jerusalemer Tagebuch (25.10.05)
Die Stadt, die ihre Wunden offen trägt: Ein Besuch in Beirut (Teil 2)
Empfang zum 3. Oktober
Gemeindehaus der deutschen Gemeinde
American University of Beirut
Beirut Downtown mit Moschee
Fortsetzung vom 21.10.05
Die Spuren des 1991 zu Ende gegangenen Bürgerkrieges sind noch überall in der Innenstadt von Beirut zu sehen. Doch beides ist allgegenwärtig: die Ruinen des Bürgerkrieges und die Neubauten. Der Krater, den die Bombe riss, die den ehemaligen Ministerpräsidenten Hariri tötete und die Aufbruchstimmung. Die Erinnerung am Platz der Märtyrer und das aufstrebende Beirut. Aber diese Stadt trägt nicht nur ihre Wunden offen:
Reichtum und Armut - Engagement der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde
Auch ihr Reichtum ist augenfällig und wird wenig bescheiden und offen zur Schau gestellt mit brillantbesetzten Uhren und den schweren Wagen, die am Abend zur Feier des deutschen Nationalfeiertages am Habtoor Grand Hotel vorfahren.
Der Empfang hat auf den ersten Blick eher die Anmutung einer Leistungsschau der deutschen Automobilindustrie und der Pariser Haute Couture.
"Denn ihre Gemeinde zeichnet sich nicht nur durch umfangreiche ökumenische und politische Beziehungen aus, sondern ebenso durch eine umfangreiche Sozialarbeit."
Bei all diesem Glamour wird aber die andere Seite der Gesellschaft leicht übersehen, meint Pfarrer Uwe Weltzien, mit dem ich am Empfang teilnehme. Um diese kümmert sich die deutschsprachige evangelische Gemeinde Beirut mit dem Pfarrerehepaar Uwe und Friederike Weltzien, die seit sechs Jahren im Lande sind.
Denn ihre Gemeinde zeichnet sich nicht nur - wie manch andere Auslandsgemeinde - durch umfangreiche ökumenische und politische Beziehungen aus, sondern ebenso durch eine umfangreiche Sozialarbeit, die sich der Schwachen und Benachteiligten dieser Gesellschaft annimmt.
Als Besonderheit hat die Gemeinde das Wagnis unternommen, auf das Gemeindehaus Wohnungen aufzustocken und zwar solche, die es in Beirut kaum gibt: eher kleine Wohnungen und Zimmer für Alleinstehende und Studierende, die so in der libanesischen Gesellschaft mit ihren geräumigen Stadtwohnungen für Großfamilien nicht vorgesehen sind. So kann diesen Menschen bezahlbarer Wohnraum geboten werden und die Gemeinde hat die Perspektive - nach Abtragung der Schulden - finanziell auf eigenen Beinen stehen zu können, da die Zuwendungen der EKD an die Auslandsgemeinden in Zukunft erheblich sinken werden.
Koran im wissenschaftlichen Diskurs
Am Abend findet in der Gemeinde ein Vortrag über den Beitrag deutscher Orientalisten zur Erforschung der Entstehung des Islam und seiner christlichen und jüdischen Quellen mit einem Referenten aus Kairo statt. Was zunächst recht akademisch klingt, ist aber revolutionär: im Libanon gibt es nämlich, anders als in anderen arabischen Ländern, durchaus die Möglichkeit, den Koran im wissenschaftlichen Diskurs historisch-kritisch zu lesen und zu verstehen. Solches ist ansonsten nur noch in der Türkei möglich, die aber im Unterschied zum gemischtreligiösen Libanon mit seinem ausgeklügelten System der Machtteilung der Religionen, ein säkularer Staat sein will.Dies bestätigt mir am kommenden Tag auch Dr. George Sabra, der Dekan der bekannten NEST (Near East School of Theology), die sich in unmittelbarer und befruchtender Nähe zur ehrwürdigen AUB (American University of Beirut) befindet, beide übrigens im islamisch geprägten eher anglophonen Westteil der Stadt.
"... gerade im Libanon treffen, wie in kaum einem anderen Land Orient und Okzident, Kulturen und Sprachen, Drusen, Christen und Moslems aufeinander."
Und so nimmt es nicht Wunder, dass im Seminarangebot der NEST nicht nur die Ostkirchenkunde, sondern insbesondere Islamwissenschaft und Geschichte der Religionen einen Schwerpunkt bilden. An der NEST treffe ich auch 5 Pfarrerinnen und Pfarrer der EKHN, die ein dreimonatiges Kontaktstudium absolvieren. Über das EMS ist solches seit kurzem nicht nur Studierenden der badischen Landeskirche im Rahmen eins ökumenischen Studienjahres, sondern gleichermaßen examinierten Theologen möglich. Eine besondere Chance, die, wie ich meine, viel intensiver wahrgenommen werden sollte, denn gerade im Libanon treffen, wie in kaum einem anderen Land (das Heilige Land natürlich ausgenommen), Orient und Okzident, Kulturen und Sprachen, Drusen, Christen und Moslems aufeinander und viele politische Stränge der Gegenwart laufen hier zusammen.








