Jerusalemer Tagebuch (21.10.05)
Die Stadt, die ihre Wunden offen trägt: Ein Besuch in Beirut (Teil 1)
Zerstörtes Haus
Hariris Grab
Khatem Al Anbiyaa Moschee
vorher-nachher
"Der Weg sei das Ziel“, so kann man es immer wieder hören, seit Pilgerfahrten wieder en vogue sind. Für einen Besuch in Beirut gilt das aber nur sehr eingeschränkt. Zumindest nicht von Israel aus. Denn statt einer Flugreise von 20 Minuten sollte man wenigstens einen Tag mit Aufenthalt in Zypern, oder, wie in meinem Falle, sieben Stunden Flug über Frankfurt einplanen. Bereits am Frankfurter Flughafen wurde mein Reisepass auf verdächtige israelische Stempel überprüft, die eine Einreise in den Libanon unmöglich machen. Doch mein Pass war sauber. Der „koschere“ schlummerte im Hotelsafe. In einem funkelnagelneuen Airbus der libanesischen Middle East Airlines saß ich neben einem ehemaligen MEA Piloten, als ein Raunen durch die Passagiere ging: stand da auf dem Rollfeld doch tatsächlich eine israelische EL AL Maschine. „Als ich Pilot war, haben die Israelis zwei mal unsere Flotte am Boden zerstört“, kommentiert mein Sitznachbar. Dafür hat Beirut seit 1994 einen funkelnagelneuen Flughafen. Dank Bürgerkrieg.
Die Spuren des 1991 zu Ende gegangenen Bürgerkrieges sind noch überall in der Innenstadt zu sehen: verlassene und zerschossene Häuser neben Neubauten und den allgegenwärtigen Baukränen, Symbol des neuen aufstrebenden Beirut, das von 1992-98 und 2000-04 von dem Baulöwen und Milliardär Rakik Hariri regiert wurde.
Am 14. Februar diesen Jahres zerfetzte eine ferngezündete 200 Kilogramm TNT Bombe ihn und seine Leibwächter inmitten der Stadt. Die Straße, an der das geschah, gegenüber des berühmten Intercontinental Phoenicia Hotel ist immer noch gesperrt.
Platz der Märtyrer
Die Trauerzelte auf dem neu angelegten Platz der Märtyrer, auf dem Hunderttausende von ihm Abschied nahmen, stehen noch, die provisorische Grabstätte ist von Blumen überhäuft und erinnert mich ein wenig an das Grab Arafats in Ramallah. Beide sollen dereinst in ein prunkvolles Mausoleum überführt werden und dienen als symbolischer Kulminationspunkt der Hoffnungen ihrer Völker.
Gleichwie Arafat den Israelis die Autonomie und einen Neuanfang seines Volkes abrang, steht Hariri wie kein anderer für den Neuanfang und den Wiederaufbau des Libanon nach dem Bürgerkrieg, in dem Arafat und die Palästinenser ja bekanntlicherweise eine unrühmliche Rolle spielten und deshalb bis heute im Libanon außerhalb der Flüchtlichslager wenig gerne gesehen sind.
Abzug der syrischen Truppen
Arafat vertrieb die Israelis aus den autonomen Gebieten, nachdem diese ihn und seine Miliz aus Beirut vertrieben hatten. Und Hariri vertrieb die verhassten Syrer aus dem Libanon, zumindest posthum.Denn der bis heute ungeklärte Anschlag, der dem syrischen Geheimdienst zugeschrieben wird, wobei unklar ist, ob der syrische Präsident Baschir Assad diesen gleichermaßen wie sein Vorgänger und Vater unter Kontrolle hat, erschüttert die libanesische Gesellschaft bis heute spürbar in ihren Grundfesten. Er rief eine Protestbewegung hervor, der sich die Syrer, verstärkt durch internationalen Druck, beugen und das Land verlassen mussten.
Syrien hatte auf der Grundlage eines Beistandspakts aus dem Jahr 1992 nach mehreren Teilabzügen noch 14.000 Soldaten im Libanon stationiert. Mit einem Mandat der Arabischen Liga hatte Syrien in den libanesischen Bürgerkrieg (1975-89) eingegriffen. Der UNO-Sicherheitsrat hatte im September vorigen Jahres den vollständigen Abzug der syrischen Truppen gefordert. Hariri hatte sich zuletzt dieser Forderung angeschlossen.
Nunmehr ist Syrien in der wenig glücklichen geostrategischen Lage, zwischen dem von den Amerikanern besetzten Irak, dem NATO Land Türkei, dem feindlich gesonnenen Libanon und dem verhassten Israel zu liegen und im Terrorverdacht zu stehen.
Im nächsten Jahr werden wir Syrien bereisen und berichten.
Hariri - der große Baumeister
Im Libanon aber hat mit jenem 14. Februar eine neue Zeitrechnung begonnen. Die Zahl „232“ prangt unübersehbar am Platz der Märtyrer vor dem provisorischen Grab Hariris. Es sind die Tage, die seit dem Attentat vergangen sind. Daneben sieht man Hariri, dargestellt als den großen Baumeister eines neuen Beirut und im Hintergrund erheben sich die Türme des neuen Geschäftsviertels und die liebevoll und großartig restaurierte Innenstadt mit der prachtvollen neugebauten Khatem Al Anbiyaa Moschee gleich neben der wiederhergestellten Kirche des Heiligen Georg, des Schutzpatrons der Christen im Nahen Osten.
"Beides ist allgegenwärtig: die Ruinen des Bürgerkrieges und die Neubauten. Der Krater, den die Bombe riss, die Hariri tötete und die Aufbruchstimmung."
Wer die „Vorher-Nachher“ Bilder, die ausgestellt sind, betrachtet, beginnt zu ahnen, wie tief das Trauma des Bürgerkrieges noch sitzt, das vermutlich islamistische Bombenleger immer wieder nutzen, um Ängste zu schüren.
Aber das neue alte Beirut, diese vibrierende Stadt in der „Schweiz des Nahen Ostens“, dieser Banken- und Handelsplatz ist voller Hoffnung und Exansionswillen und drauf und dran, seinen Platz in der Weltgemeinschaft wieder einzunehmen.
Beides ist allgegenwärtig: die Ruinen des Bürgerkrieges und die Neubauten. Der Krater, den die Bombe riss, die Hariri tötete und die Aufbruchstimmung. Die Erinnerung am Platz der Märtyrer und das aufstrebende Beirut. Aber diese Stadt trägt nicht nur ihre Wunden offen.
Fortsetzung am 25.10.05:
Über Armut und Reichtum, das Engagement der deutschsprachigen Gemeinde und den Koran im wissenschaftlichen Diskurs








