Jerusalemer Tagebuch (13.10.05)

 

In der Dorfklinik

Das Tor im Zaun
Das Tor im Zaun

Dr. Tafiq Nassar
Dr. Tafiq Nassar

Gesundheitsplakat
Gesundheitsplakat

Über das israelische Gesundheitswesen habe ich mich an dieser Stelle ja schon einmal in einem Beitrag geäußert (Jerusalemer Tagebuch vom 18.02.03).
Über das Auguste Victoria Krankenhaus auf dem Ölberg und insbesondere die Schwierigkeiten, mit denen die medizinische Arbeit an palästinensischen Flüchtlingen konfrontiert wird, berichtet der neue Gemeindebrief der Erlöserkriche ausführlich, der unter
http://www.avzentrum.de kostenlos heruntergeladen werden kann. Dieser Bericht will eine andere Art der Gesundheitsversorgung schildern, die leider durch den Bau von Mauer und Zaun notwendig geworden ist: die Dorfkliniken.

Eigentlich ist das Auguste Victoria Krankenhaus ein Krankenhaus in Trägerschaft des Lutherischen Weltbundes speziell für palästinensische Flüchtlinge. Doch durch den Bau von Mauer und Zaun können diese kaum noch das Krankenhaus erreichen. Sie brauchen dazu spezielle Genehmigungen der israelischen Behörden, was natürlich in Notfällen zu lange dauern würde. Patienten, die regelmäßig kommen müssen, etwa in die Onkologie oder zur Dialyse, werden mittlerweile mit einem eigens für sie mit Hilfe der deutschen Vertretung eingerichteten Buspendelverkehr gebracht. Und der Rest? Wenn die Patienten nicht zum Arzt kommen können, dann muss eben der Arzt zu den Patienten kommen. Doch so einfach ist das alles nicht, zumal wenn der Arzt in Jerusalem ist und die Patienten aus der Westbank kommen.

Beschwerlicher Weg

Deshalb wurden in vier Dörfern Räume angemietet und Kliniken eingerichtet. Wir besuchten die Klinik in Bet Liqa. Hierzu muss man von Jerusalem erst einmal auf einer für Palästinenser gesperrten Straße in Richtung Tel Aviv fahren. Früher besaß diese Straße Ausfahrten in die arabischen Ortschaften, doch diese sind mittlerweile alle mit schweren Stahlsperren versehen oder durch Betonblöcke und Erdhaufen unpassierbar gemacht worden.
Zudem wird die Straße sukzessive auf beiden Seiten mit einem Zaun versehen. Die Bewohner der umgebenden arabischen Dörfer können durch einige Tunnels unter der Straße miteinander nur sehr eingeschränkt verkehren. Einen Ausgang aus diesem System gibt es nicht und wenn, dann führt er über israelische Checkpoints, die wiederum eine besondere Genehmigung zum Passieren verlangen.
So kam es auch, dass die palästinensischen Ärzte, die uns die Klinik zeigen sollten, nicht rechtzeitig dort sein konnten, da sie - trotz Genehmigung - an einem Checkpoint aufgehalten wurden.

"Zum Glück ist es heute nicht abgeschlossen und auch keine Soldaten sind weit und breit zu sehen“, meinte Dr. Nassar erleichtert."

Mit Dr. Tafiq Nassar, dem medizinischen Leiter und CEO des Auguste Victoria Krankenhauses, war jedoch ein kompetenter Begleiter an unserer Seite. Und den brauchte es auch, um neben einer Tankstelle das kleine Türchen im Zaun zu finden, durch das man auf palästinensisches Gebiet gelangen konnte. „Zum Glück ist es heute nicht abgeschlossen und auch keine Soldaten sind weit und breit zu sehen“, meinte Dr. Nassar erleichtert, als wir über Erdhaufen und Müllberge zu einem auf einer Staubstraße bereitstehenden Wagen liefen. Im Winter muss dies ein unsäglicher Matsch sein.
 

Dritte Welt Atmosphäre

Über holprige Behelfsstraßen und Feldwege ging es nach Bet Liqa, ein Dorf, das mit Eingemeindungen rund 10.000 Einwohner aufweist.
Die Stadtverwaltung hat ein Gebäude mietfrei überlassen, in dem Patienten für eine Praxisgebühr von 10 Schekel (rund 2 Euro) behandelt werden. Zum Vergleich: eine vergleichbare Untersuchung im israelischen Bereich kostet rund 500 Schekel, aber viele können nicht einmal die 10 Schekel zahlen.

"Notgedrungen hat man sich deshalb auf Gesundheitsvorsorge an Frauen, Babypflegekurse und Ernährungsprogramme spezialisiert. Alles eigentlich selbstverständliche Dinge, die hier aber Fremdworte sind."

Bei aller Gutwilligkeit verströmt die Einrichtung doch so etwas wie „Dritte Welt Atmosphäre“ mit den handgemalten Gesundheitsplakaten an den Wänden. Beduinenfrauen kauern auf dem Boden, Männer sind nicht zu sehen, die suchen Arbeit als Tagelöhner. Hierzu gibt es bestimmte Stellen an der Straße, die zumeist israelische Unternehmer abfahren und dann die Männer um 80 Schekel am Tag (16 Euro) anheuern.

Notgedrungen hat man sich deshalb auf Gesundheitsvorsorge an Frauen, Babypflegekurse und Ernährungsprogramme spezialisiert. Alles eigentlich selbstverständliche Dinge, die hier aber Fremdworte sind.
 

Zusammenhang zwischen Besatzung und Krankheit

Beispielsweise gäbe es einen Anteil von bis zu 20% Diabetikern an der Landesbevölkerung, meint Dr. Nassar. Man könne zwar keineswegs alles auf die Besatzung schieben, aber es sei dennoch so, dass diese die Ernährungsgewohnheiten der Menschen grundlegend geändert habe. So haben die Männer früher Gurken, Fladenbrot und Obst mit auf die Baustelle genommen, heute aber Weißbrot, Fleischfertigprodukte und fette Joghurtsorten. All dies Produkte, die billiger als lokale Erzeugnisse aus Israel importiert würden. Dies und die hohe Arbeitslosigkeit, sprich Bewegungsarmut, habe einen wesentlichen Anteil an der gesundheitlichen Entwicklung.

"Wir sehen aber diejenigen, die keine Arbeit gefunden haben, ihren Tag in den Kaffeehäusern verbringen. Gut, dass in dieser islamischen Umgebung wenigstens kein Alkohol ausgeschenkt wird."

Auch sei oftmals die eigene Landwirtschaft aufgegeben worden, da sie sich nicht mehr rentiere.
Als wir die Klinik verlassen sind weder die Ärzte noch die Männer eingetroffen. Wir sehen aber diejenigen, die keine Arbeit gefunden haben, ihren Tag in den Kaffeehäusern verbringen. Gut, dass in dieser islamischen Umgebung wenigstens kein Alkohol ausgeschenkt wird. Die Probleme sind auch so schon groß genug.

       

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