Jerusalemer Tagebuch (30.09.05)

 

Ein „Ehrenmord“ und seine schlimmen Folgen

Das Ölgemälde von Rawda Marouf
Das Ölgemälde von Rawda Marouf

Haus des Beschuldigten
Haus des Beschuldigten

ausgebrannte Küche
ausgebrannte Küche

eigentlich ein freudiger Anlass...
eigentlich ein freudiger Anlass...

Eigentlich war es ein freudiger Anlass: der Unternehmer und Mitglied des Landeskirchenrates Hans Nussbaum besuchte den Sternberg (siehe Jerusalemer Tagebuch vom 23.12.04: der erste Besuch auf dem Sternberg), um dieser Rehabilitationseinrichtung für geistig behinderte Kinder der Brüdergemeinde einen gestifteten Bus zu überreichen.

Doch noch andere Themen bestimmten das Gespräch. Anlass war ein in einer Ecke stehendes, halb verkohltes Ölgemälde, ein Jugendbildnis der Leiterin des Sternberges, Rawda Marouf.
Auf das Bild angesprochen, schossen ihr Tränen in den Augen und sie meinte: „Das ist alles, was ich noch habe, alles, was von unserem Haus noch übrig geblieben ist.“ Was war geschehen?

Eigentlich ist Taybeh ein idyllischer Ort mit rund 2000 Einwohnern in den palästinensischen Gebieten in der Nähe von Ramallah. Er zeichnet sich durch eine rein christliche Bevölkerung aus. Nichtchristen können hier kein Land erwerben und Nadim Khoury braut in der einzigen palästinensischen Brauerei ein hervorragendes Bier nach deutschem Reinheitsgebot.

Ein „Ehrenmord“

Am 3. September kam es hier zu einem verhängnisvollen Zwischenfall: ein Mob des benachbarten islamischen Dorfes Deir Jareer (rund 4500 Einwohner) wütete durch die Strassen Taybehs, zerstörte 14 Häuser christlicher Familien, steckte Autos in Brand, plünderte Geschäfte und zerstörte das Dorf.
Weshalb?

Augenscheinlich hatte ein 35jähriger verheirateter christlicher Mann aus Taybeh eine 23 jährige Muslima aus Deir Jareer geschwängert. Diese wurde daraufhin von ihrer eigenen Familie ermordet, die darüber hinaus Schadensersatzforderungen an die christliche Familie stellte. Diese war bereit, darauf einzugehen, forderte aber eine DNA Analyse, um die Vaterschaft eindeutig festzustellen.

Hierauf wurden die Verhandlungen von Seiten der Moslems abgebrochen und schon eine halbe Stunde später stürmte eine erregte Menge von ungefähr 200 Menschen plündernd und brandschatzend durch Taybeh.

Ein Dorf wird zerstört

14 Häuser der betroffenen christlichen Familie wurden in Brand gesetzt, mit Hilfe von Molotow-Cocktails, extra herbeigeschafften Gasflaschen und brennenden Autoreifen, so dass nicht nur das Mobiliar ausbrannte, sondern sich solch eine große Hitze entwickelte, dass Fensterglas schmolz und die Wände Risse bekamen.
Wahrscheinlich werden diese Häuser wegen Einsturzgefahr nicht mehr bezogen werden können.

„Die palästinensischen Sicherheitskräfte ihrerseits machen für ihr zu spätes Eingreifen die Israelis verantwortlich, da Taybeh im gemeinsam israelisch-palästinensisch kontrollierten B-Gebiet liegt...“

An der örtlichen Tankstelle sollte ein brennender Teppich in die unterirdischen Tanks geworfen werden, was hinzukommende palästinensische Sicherheitskräfte gerade noch verhindern konnten, sonst wäre die Tankstelle explodiert, mit unübersehbaren Folgen.

Die palästinensischen Sicherheitskräfte ihrerseits machen für ihr zu spätes Eingreifen die Israelis verantwortlich, da Taybeh im gemeinsam israelisch-palästinensisch kontrollierten B-Gebiet liegt und die Israelis den Ausschreitungen zunächst untätig zuschauten und die  palästinensischen Sicherheitskräfte viel zu spät und erst auf Druck durch das amerikanische Konsulat in den Ort einließen.


Nach der Zerstörung

Am darauf folgenden Sonntag trafen sich Vertreter der beiden Orte mit Clanchefs benachbarter Dörfer, um eine sechsmonatige Abkühlphase zu vereinbaren. Weiterhin wurde der christliche Schuldige für vogelfrei erklärt und „eine Frau für eine Frau“ gefordert, weshalb er und seine Schwester sich zur Zeit an einem geheimgehaltenen Ort aufhalten. Wahrscheinlich werden sie das Land verlassen müssen.

„... wir brauchen jeden Besucher, der sieht, was hier geschah.“

Die Christen werden für den erlittenen Schaden in Höhe von geschätzt 2 Millionen US $ nicht entschädigt und sollen darüber hinaus noch 100.000 US $ an die Familie der Frau zahlen. Die palästinensischen Sicherheitskräfte halten sich nach wie vor bei Aufklärung und Strafverfolgung auffällig zurück.
Immerhin gelang es ihnen in letzter Minute noch, einen Übergriff auf die Brauerei zu verhindern. Angefragt, ob denn unter diesen traurigen Umständen das auf den 1. und 2. Oktober angesagte erste Oktoberfest Palästinas stattfinden könne, meinte die Familie tapfer: „Jetzt erst echt, denn wir brauchen jeden Besucher, der sieht, was hier geschah.“

Kommentar des JTB:
Zwei Dinge sind es, die mich an diesem Fall von äußerster Gesetzlosigkeit, Untätigkeit und Selbstjustiz sehr nachdenklich stimmen:


1. Rechtsstaatlichkeit


Keiner spricht mehr von dem geschehenen Mord. Schließlich wurde die Frau von ihrer eigenen Familie ermordet. Aber das scheint ganz „in Ordnung“ zu sein, alle sind nur mit den Folgen befasst. Das Problem ist augenscheinlich aus lokaler Sicht nicht der Mord an sich, sondern dessen Öffentlichmachung durch die Christen, die eine DNA Analyse fordern und damit quasi die Schande der anderen Familie publizieren.
Wie soll aber, so frage ich mich, in einem entstehenden palästinensischen Staat Rechtsstaatlichkeit herrschen, wenn solchermaßen gedacht wird und man Übergriffe wie diese nicht mehr auf die Israelis wird abschieben können, die ein frühzeitiges Eingreifen der eigenen Ordnungskräfte verhindert haben.


2. Konflikt zwischen Christen und Moslems oder archaische Strukturen?

Die direkte Frage meinerseits, ob hierbei ein Konflikt zwischen Christen und Moslems vorliege, haben alle Beteiligten heftig kopfschüttelnd negiert. Nein, es gehe hierbei nur um schlecht gebildete Menschen, um kulturelle Unsitten, archaische Strukturen etc.
Auf meine insistierende Nachfrage, ob denn auch ein islamischer Nachbarort solchermaßen gebrandschatzt worden wäre, war die Einigkeit allerdings ebenso groß: eher nicht. Wem soll ich an dieser Stelle glauben, was von der Sache halten?

Ich weiß es nicht, meine Einschätzung die Errichtung einer Zivilgesellschaft mit Minderheitenschutz und Rechten für die Christen betreffend, hat aber deutlich gelitten.

Bild 4: Der neue VW Bus auf dem Sternberg mit (von links nach rechts): Volker Bach, stellvertretender Leiter  von Sternberg, Hans Nussbaum, Leiterin Rawda Marouf, Rüdiger Scholz

         

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