Jerusalemer Tagebuch (21.09.05)

 

Die Klage des Patriarchen

Patriarch Irenäus (li.) und Silwan Shalom (re.)
Patriarch Irenäus (li.) und Silwan Shalom (re.)

Die Schlagzeilen um den abgesetzten griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Irenäus kreisten nicht nur um eine schillernde Persönlichkeit und um Landverkäufe. Es geht vielmehr um das Überleben der ältesten Kirche, die an ihrer arabischen Gemeinde vorbei ihre griechischen Belange hegt. Die Heilige Liturgie von Jerusalem, aus der sich alle Gottesdienstordnungen der Christenheit ableiten lassen, kann die Menschen vielleicht auch deshalb nicht mehr erreichen, weil die Liturgen vor allem an sich denken. Auch die politischen Mächte zerren an der Kirche, und so ist sie Opfer und Täter zugleich.
Von Jörg Bremer, FAZ, mit freundlicher Genehmigung des Autors

Die griechisch-orthodoxe Kirche im Heiligen Land begreift sich als Mutter aller Kirchen. Ihre Patriarchen sehen sich in direkter Nachfolge der Jünger Jesu. Nach Jesu Himmelfahrt, berichtet Clemens von Alexandrien, hätten Petrus, Jakobus und Johannes aus ihrer Mitte "Jakobus den Gerechten" zu ihrem ersten Bischof gekürt. Dieser habe dann im Frühjahr 49 in Jerusalem das erste Konzil einberufen. Im vierten Jahrhundert wurden diese Bischöfe dann zu "Patriarchen von Jerusalem". In dieser Tradition sieht sich Irenäus, eingesetzt durch die Synode der Grabesbruderschaft und durch niemanden absetzbar.

 

Griechische Vorherrschaft


Früher machten bestenfalls die Armenier den Griechen den Vorrang streitig; und ein Jahrhundert lang die Kreuzfahrer der fränkisch-römischen Westkirche, die den griechischen Patriarchen Simeon verstieß. Die islamischen Herrscher gaben danach stets den Griechen mehr Rechte als den zurückkehrenden Westchristen, die offiziell 1333 zunächst ihre "Custodie" in Jerusalem errichten durften, einen Sitz der Franziskaner zur Wache an den heiligen Stätten. Erst 1847 kehrte ein katholischer Patriarch zurück. Die griechische Kirche blieb die an Mitgliedern größte, auch wenn sich von Mitte des 18. Jahrhunderts an viele Araber entschlossen, zwar ihre griechische Liturgie auf arabisch beizubehalten, aber als "Melkiten" den Papst in Rom anzuerkennen.

"Doch die Kirche verliert ihre moralische Basis und immer mehr Gläubige, obwohl sie neue Christen gewinnen könnte... Die griechisch-orthodoxe Kirche könnte einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich leisten, aber sie hat sich eingemauert. Der niedere arabische Klerus wirft den hohen Bischöfen vor, sie dächten nur daran, ihre griechische Superiorität zu verteidigen."

Die Liste der griechischen Patriarchen enthält fast nur griechische Namen. Auch wenn die Gemeinde seit Beginn der Arabisierung im 8. Jahrhundert aus Palästinensern besteht, hatte sie stets einem griechischen Klerus zu gehorchen, der nur verheiratete Priester aus der Ortskirche duldete. Den Griechen ordneten sich auch die Vertreter der anderen selbständigen (autokephalen) orthodoxen Kirchen in Jerusalem unter, die Georgier, Serben oder Rumänen. Als im 19. Jahrhundert der russische Zar "Hüter der Orthodoxie" war, rüttelte er nicht an der griechischen Vorherrschaft. Dabei machten seine Landkäufe die Kirche reich. Der aus dem 19. Jahrhundert stammende, von den britischen Mandatsherren bestätigte und von Israel übernommene "Status quo" in den wichtigsten Kirchen bestätigt die Vorrechte dieser Mutterkirche. Prachtvoll und alt ist das Patriarchat, das die Grabes- und Auferstehungskirche zu umschließen scheint.
Doch die Kirche verliert ihre moralische Basis und immer mehr Gläubige, obwohl sie neue Christen gewinnen könnte. Etwa zwanzig Prozent der russischen Einwanderer in Israel, Zehntausende, sind keine Juden, sondern nach ihrer Herkunft russisch-orthodox. Aber es gibt für sie nur eine Handvoll Russisch sprechender Priester, keine Kontakte zwischen arabisch-orthodoxen Christen in Galiläa oder Haifa und den Russen überall sonst in Israel. Die griechisch-orthodoxe Kirche könnte einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich leisten, aber sie hat sich eingemauert. Der niedere arabische Klerus wirft den hohen Bischöfen vor, sie dächten nur daran, ihre griechische Superiorität zu verteidigen.



 

Sturz von Irenäus


In diesen Zusammenhang gehört der Sturz von Irenäus. Natürlich erregt der Verkauf von zwei den Altstadteingang am Jaffa-Tor prägenden Immobilien Aufsehen. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat die Kirche immer wieder Häuser verkauft oder verpachtete sie auf Jahrzehnte, so auch das Land, auf dem Knesset und Israel-Museum stehen. Auch eigneten sich schon vor Jahren militante Siedler Häuser in der Altstadt an, so 1990 das Johannes-Hospiz im Muristan. Besonders ist diesmal, dass das Immobiliengeschäft ein Mittel sein sollte, um Irenäus wieder loszuwerden.

Ein Israel nahestehender erzbischöflicher Rivale schob dem ungeliebten Patriarchen den Strohmann Papadimos unter. Der bekam Vollmachten, die von einem israelischen Anwalt so formuliert wurden, dass sie auch den Verkauf der beiden Hotels am Jaffa-Tor möglich machten. Die von der palästinensischen Autonomie-Behörde eingesetzten Anwälte Boulos und Khoury wiesen nach, dass Irenäus von dem Verkauf nichts wusste. Mehr als zehn Millionen Dollar sollen als Preis vereinbart worden sein. Gut 100000 Dollar flossen in kleinen Raten monatlich nur an den Strohmann, der mittlerweile international gesucht wird.

"Obwohl die Bischöfe in Jerusalem seit langem wissen, dass Irenäus in eine Falle tappte, wollen sie ihn dennoch loswerden... In Verlängerung der griechischen Regierung, die Irenäus einen neuen Pass gab, in dem "ehemaliger Patriarch" zu lesen ist, wollen sie einen "neuen Griechen", der besser die Kluft zwischen der fremden Obrigkeit und der arabischen Ortsgemeinde überbrücken kann."

Obwohl die Bischöfe in Jerusalem seit langem wissen, dass Irenäus in eine Falle tappte, wollten sie ihn dennoch loswerden. Sie werfen ihm deswegen zum einen die tatsächlich von ihm gebilligte Verpachtung anderer Grundstücke vor. Sie sehen aber vor allem in dem als psychisch krank geltenden Mann eine Gefährdung ihrer griechischen Dominanz. In Verlängerung der griechischen Regierung, die Irenäus einen neuen Pass gab, in dem "ehemaliger Patriarch" zu lesen ist, wollen sie einen "neuen Griechen", der besser die Kluft zwischen der fremden Obrigkeit und der arabischen Ortsgemeinde überbrücken kann. Die palästinensische Autonomie-Behörde will das Drama um Irenäus nutzen, um arabische Bischofserhebungen durchzusetzen.


 

Zustimmung der drei Erbmächte nötig


So wie früher die osmanischen Herren und dann die Briten den Patriarchen zu bestätigen hatten, muss der heutige Patriarch von den drei Erbmächten anerkannt werden. Die Palästinenser taktierten. Die Jordanier, die sich erst für ihn einsetzten, wollten ihn nun loswerden. Ihre Motive sind ungeklärt. Die Israelis wollten einen Griechen als Patriarchen, keinen Palästinenser. Zudem verlangten sie eine proisraelische Haltung, so auch die Zustimmung zu Landverkäufen an Juden. Im Schatten der Regierung agierten bisher Anwälte, um Landverkäufe durchzusetzen. Vielleicht flossen 1998 auch Regierungsgelder, als der Likud-Politiker David Levy Bauminister war. Meistens kam es zu unsauberen Geschäften. Nun beauftragte Ministerpräsident Scharon Kabinettsminister Hanegbi, die "jüngsten Vorgänge" im Patriarchat "umfassend" zu untersuchen. Der Grieche Irenäus ging derweil vor das oberste israelische Gericht. Er wollte seine Absetzung annulliert wissen. Erschwert wurde seine Lage noch dadurch, dass ihm die Kirchensynode auch noch Mitra und Bischofsstab abgenommen und ihn zum einfachen Mönch degradiert hatte.

Zwei Patriarchen in Jerusalem

Seit Ende August gibt es in der zerstrittenen griechisch-orthodoxen Kirche von Jerusalem zwei Patriarchen. Die Synode wählte mit 14 Stimmen ohne eine Gegenstimme den Metropoliten Theophilos als Nachfolger von Irenäus I. Auch wenn palästinensische Rechtsanwälte die Unschuld des Patriarchen  Irenäus I. ermittelten, bestand die Synode weiter auf seiner Absetzung. Irenäus trat nie zurück und befindet sich mit seinem Stab weiter im Patriarchat. Die Autonomiebehörde und Jordanien, die wie Israel den Patriarchen anerkennen müssen, sagten sich nach dem Bekanntwerden der Verdächtigungen von Irenäus los und revidierten ihr Urteil nicht. Israel hielt sich offiziell zurück, setzte aber offenbar vor gut einem Jahr durch, daß der 1952 in Griechenland geborene Mönch Theophilos Bischof wurde.

Jordanien erkennt den neuen orthodoxen Patriarchen Theofilos III an


König Abdalla II hat nach einer Meldung der Zeitung Haaretz von Dienstag, dem 20.9., den neugewählten griechisch-orthodoxen Patriarchen Theofilos III als Patriarchen anerkannt. Israel hat die Abwahl des alten Patriarchen Irenäus I bisher nicht bestätigt und Theofilos nicht anerkannt, so dass nun formal zwei Patriarchen die orthodoxe Kirche im Heiligen Land regieren.

         

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