Jerusalemer Tagebuch (02.09.05)

 

Beethovens Fünfte ist nicht daran interessiert, woher man kommt

Barenboim in Ramallah
Barenboim in Ramallah

Dirigent Daniel Barenboim in Ramallah

- Ein Bericht von Noam Ben Zeev, Haaretz 22.8.05 -

Zwei Diplomaten-Autokolonnen fuhren in der letzten Woche nach Ramallah. Die jungen Passagiere schauten aus dem Fenster. Sie waren entzückt von der Landschaft, die sie das erste Mal sahen. Ihr Ziel war das neue Kulturzentrum, das letztes Jahr von der Stadt eingeweiht worden war; ihre Mission  bestand darin, ein Konzert von Mozart und Beethovens 5. Symphonie aufzuführen. Dieses war das letzte Konzert einer ausgedehnten Tournee, die letztes Jahr in Spanien begann, dann nach Brasilien, Argentinien, Schottland zum Prom-Festival nach London und zuletzt nach Berlin führte.

Am Samstag reisten junge Künstler aus Syrien, dem Libanon, Jordanien und Ägypten in der ersten Autokolonne an. Am Sonntag folgten Israelis aus Ost-Jerusalem. Sie trafen sich zu einer letzten Probe vor dem Konzert, das über ARTE-Kultur-Netz in alle Welt übertragen wurde. Es ist das Konzert des Ost-West-Diwan-Orchesters, einer Gruppe von Künstlern aus allen Ecken und Enden des Nahen Ostens, dirigiert von Daniel Barenboim.

In den letzten Jahren hatte Barenboim einige Präzedenzfälle in der Region gesetzt: das erste Konzert des Ramallah-Orchesters; die Aufführung einer Komposition von Richard Wagner in Tel Aviv, es folgte eine vernichtende Ansprache in der Knesset und der Aufbau eines Musikerziehungsprogrammes im palästinensischen (Autonomie-)Gebiet , das einen Musikkindergarten beinhaltet, der LehrerInnen aus den Flüchtlingslagern der Westbank einschließt.

Barenboims aktuelles Projekt lässt sich jedoch ganz besonders als „historisches  Ereignis“ bezeichnen: Dutzende von israelischen Jugendlichen reisen nach Ramallah, um zu musizieren, und junge Künstler aus Syrien und dem Libanon überqueren die Grenze, um sich ihnen anzuschließen – mit Genehmigung der obersten Befehlsebene nationaler Regierungen, einschließlich Präsident Assad und des PA-Vorsitzenden Mahmoud Abbas.

 

Ängste und Misstrauen


Misstrauisch beobachtete das Auditorium, wie sich die Bühne mit jungen Leuten füllte. „Das Konzert ist nicht anders als jedes andere, wenn man es aus der musikalischen Perspektive betrachtet,“ sagte Barenboim bei einem kurzen Gespräch, „aber man kann ein Buch über die logistischen Probleme schreiben.“

Konfuse Botschaften aus der syrischen Führung erschreckten die örtlichen Veranstalter.  Besorgte Israelis und die entschlossene Opposition ihrer Eltern führte zu Zweifeln an der Teilnahme der jungen Künstler. Libanesen misstrauten sogar der gewährten Autorisierung ihrer eigenen  prekären Regierung und ließen sie die Fahrt absagen. Das abgesagte Versprechen der spanischen Regierung, den Künstlern einen Diplomatenpass für eine Woche auszustellen, um ihre Einreise nach Israel und die palästinensischen Gebiete zu erleichtern, stellte das ganze Unternehmen bis zwei Tage vorher in Frage.

Am Donnerstag waren alle Probleme gelöst: die syrischen Künstler stimmten ab und entschieden, zu kommen, die Israelis haben ihre Befürchtungen überwunden und die Medien aus aller Welt durften schließlich im letzten Augenblick das Ereignis ausstrahlen.

"Der Geiger ist ein palästinensischer Flüchtling, dessen Familie aus Akko stammt. 'Ich war zu Tränen gerührt, denn als ich letzte Nacht aufwachte und zum Fenster  hinaussah, konnte ich es kaum glauben, dass ich die Landschaft sah, von der meine Eltern ihr ganzes Leben erzählt haben.'"

Die Musiker drückten spürbar ihre Freude und Aufregung während der Generalprobe aus – zusätzlich zu ihrer Müdigkeit. Barenboim legte Wert auf Genauigkeit und gab letzte Instruktionen, als er gegen ihre Erschöpfung ankämpfte. „Jeder, der müde ist, darf gehen!“ brüllte er ins Orchester, als es hinter dem galoppierenden Tempo von Beethovens Symphonie zurückblieb.
Während einer Pause hinter der Bühne bemerkte ein syrischer Geiger: „Für uns ist Palästina „Niemandsland – nie hätte ich gedacht, dass ich  einmal in der Lage sein werde, es zu sehen.“
Der Geiger ist ein palästinensischer Flüchtling, dessen Familie aus Akko stammt. „ Ich war zu Tränen gerührt, denn als ich letzte Nacht aufwachte und zum Fenster hinaussah, konnte ich es kaum glauben, dass ich die Landschaft sah, von der meine Eltern ihr ganzes Leben erzählt haben.“
„Wann machen wir eine Stadtrundfahrt!“ fragte ein ungeduldiger israelischer Musiker, während die Augen von zwei anderen syrischen Musikern aufleuchteten, die über diesen Besuch redeten und die Möglichkeit, mit einander Musik zu machen.
Angst und Erstaunen wurde nur als Reaktion angesichts der hohen Trennungsmauer ausgedrückt, die ihre Reise unterbrach.
(Noam Ben Zeev, Haaretz vom 22.8.05, deutsch von Ellen Rohlfs)

Nachtrag: Vier israelische Teilnehmer: Avi, Yossi, Nurit und Moshe schildern ihre Gefühle
"Wir konnten es kaum fassen, dass wir in Ramallah  sind. Und sicher war es für das Publikum nicht einfach, Israelis hier nicht in Uniform zu sehen und nicht bei einer besonderen Militäraktion, wie Häuser zu überfallen und Menschen zu terrorisieren. Wir waren ganz normal  und feierlich für ein Konzert im Kulturpalast gekleidet. Zusammen mit anderen jungen Israelis, Arabern aus Jordanien, dem Libanon, Syrien und Palästina gaben wir mit dem West-östlichen Diwan-Orchester unter der Leitung des Maestro Daniel Barenboim ein Konzert.

"Wir sind davon überzeugt, dass Musik alle Missverständnisse und allen Hass überwindet."

Welche Freude war es für uns, an einem so schönen Platz zu sein und die begeisterte Menge endlos applaudieren zu hören. Es waren Menschen, die uns hören wollten und uns herzlich begrüßten – trotz all dem, was wir ihnen und ihrem Leben im Laufe von 38 Jahren Besatzung angetan haben. Natürlich war uns auch klar, dass es mit der besonderen Beziehung zwischen Barenboim und Edward Said zusammenhängt. Ohne diese Freundschaft  wäre dieses besondere Projekt nie realisiert worden und hätten wir nie in Palästina ein Konzert gegeben. Wir sind davon überzeugt, dass Musik alle Missverständnisse und allen Hass überwindet.

"Ganz tief in uns fragten wir uns: die uns zuhörenden Leute können doch keine 'Terroristen' sein, wie unsere Regierung uns immer weis zu machen versucht? Es sind Menschen, die sich nach Freiheit sehnen"

Doch  sollte man es nicht für selbstverständlich nehmen, dass Menschen, die unter Besatzung leben, ihre Besetzer herzlich in ihrer Mitte  aufnehmen, bevor sie nicht für ihre Verbrechen sühnen und die Besatzung beenden. Eher als andere Völker sollten wir wissen, wie man sich da fühlt. Bis jetzt weigern wir uns, Richard Wagner in Israel zu spielen, weil uns seine Musik an das verhasste Nazi-Regime erinnert.
 Ganz tief in uns fragten wir uns: die uns zuhörenden Leute können doch keine „Terroristen“ sein, wie unsere Regierung uns immer weis zu machen versucht? Es sind Menschen, die sich nach Freiheit sehnen; das ist auch der Slogan, unter dem dieses Konzert in Erinnerung an den verstorbenen Edward Said, einen Palästinenser, aufgeführt wurde.

Wir hätten allerdings auch gut verstehen können, wenn viele sich nicht wohl fühlten, während sie uns hier spielen sahen, da uns bewusst war, dass sie sich noch an die Brutalität der israelischen Soldaten während der „Operation Verteidigungsschild“ 2002  erinnerten. Und mancher mag sich vielleicht gefragt haben, ob der eine oder andere von uns daran teilgenommen hatte. Wir hatten so viele hässliche Geschichten gehört, und mancher unter den Zuhörern mag solch eine schlimme Erfahrung  gemacht haben wie die Frau, deren Wohnung dreimal durchsucht wurde und der auch die letzte Lichtquelle weggenommen worden war, nachdem es keinen Strom gab; oder die 1000 Dollar, die beim Plündern einer Wohnung gestohlen worden waren, weil der Besitzer aus Angst um sein Leben sie schnell verlassen hatte oder die vielen Wohnungen, die von Soldaten benützt und wie ein Schweinestall hinterlassen wurden, oder an die vielen jungen Männer, die  auf den Straßen verhaftet wurden, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.
Wie es die Ironie will, fand das  Konzert unter der Schirmherrschaft des Kultusministeriums statt, in dessen Gebäude die Soldaten während der Operation geradezu Amok gelaufen waren. Was dort geschah, ist nur verabscheuungswürdig. Deshalb fragen wir uns, ob die Zuhörer jetzt auch an Szenen mit  israelischen Soldaten dachten, als wir hier das Konzert gaben - oder hat die wunderschöne Musik von Mozarts Symphonie und Beethovens Fünfter eine heilende Wirkung?

"Der Maestro Barenboim sagte, er sei keine politisch denkende Person. Aber in diesem gequälten Land kann nichts, was gesagt oder getan wird, unpolitisch sein."

Tief in uns hatten wir das Gefühl, dass wir diesen Leuten mehr als nur ein schönes Konzert schuldeten. Der Maestro Barenboim sagte, er sei keine politisch denkende Person. Aber in diesem gequälten Land kann nichts, was gesagt oder getan wird, unpolitisch sein. Wir können es also nicht für selbstverständlich hinnehmen, dass dieses Konzert unter denselben Umständen noch einmal geschieht, oder dass es vielleicht ein Anfang für einen Prozess der Normalisierung ist. Wir sind dankbar für die Vision des Maestro, dass unser gemeinsames Musizieren, und dass wir uns hier als Menschen gegenseitig anerkennen, uns daran erinnert, dass wir in diesem Land zusammen leben sollen. Aber um diese Vision realisieren zu können, müssen wir auch anerkennen, dass es das Völkerrecht und die UN-Resolutionen  gibt, und wir dürfen nicht vergessen, dass dieses Land durch die Internationale Gemeinschaft geschaffen wurde. Wir können nicht einfach damit fortfahren, ein ganzes Volk  zu besetzen und dieses seiner unveräußerlichen Rechte berauben – und gleichzeitig von ihnen verlangen, dass sie sich ruhig verhalten.
Bei diesem Konzert spürten wir sehr deutlich, dass unsere Sicherheit von der Freiheit der Palästinenser abhängt. Vielleicht haben wir deshalb mehr als andere eine besondere Verantwortung: Sollten wir nicht diejenigen sein, die mit der Kampagne beginnen, die Besatzung zu beenden und die Mauern und Kontrollpunkte abzureißen? Nur dann können sich die beiden Völker über die Früchte eines gerechten Friedens erfreuen, der dann Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle mit sich bringt – so wie es der Maestro sich so sehr wünscht.

Wir hoffen sehr, dass wir noch ein Konzert an der Mauer geben können, so dass wir mit Hörnern, Trompeten und Cymbeln mithelfen können, dass die Mauer in sich zusammenstürzt."

       

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