Jerusalemer Tagebuch (24.08.05)

 

Der gestohlene Bus, oder: ein etwas anderer Frauenausflug

Gut besuchter Parkplatz
Gut besuchter Parkplatz

Der wiedergefundene Bus
Der wiedergefundene Bus

Frauenkreise unternehmen bisweilen zur Pflege der Geselligkeit Ausflüge. Das ist in Auslandsgemeinden nicht anders als in Deutschland. Nur die Ausflugsziele mögen sich unterscheiden. Je nach Interessenlage. Nun, der Jerusalemer Frauenkreis entschied sich für eine Fahrt zu Ikea nach Netanya, die allerdings einen eher unvorhergesehenen Ausgang nahm.

Wer in Bethlehem wohnt und gerne einmal bei Ikea einkaufen möchte, hat Pech. Es gibt nämlich weder in Bethlehem noch sonstwo in den palästinensischen Gebieten eine Niederlassung des schwedischen Möbelhauses. Die gibt es erst seit ein paar Jahren in Israel, nämlich in Netanya. Und dorthin können Westbanker für gewöhnlich nicht gelangen, es sei denn, sie besitzen eine Erlaubnis des israelischen Militärs, das sich in solchen Angelegenheiten Zivilverwaltung nennt. Und wer möchte sich schon gerne dort einen halben Tag anstellen, alleine mit dem Ziel bei Ikea einkaufen zu gehen?

"Am Shabbat und an Feiertagen sollte man beispielsweise einen Besuch bei Ikea vermeiden, da halb Israel die Festtage dort zu verbringen scheint. Vielleicht ist das auch der geheime Grund, weshalb Palästinenser in der Regel keine Genehmigung erhalten ohne triftigen Grund nach Israel einzureisen: es würde dann einfach zu voll bei Ikea."

Gleichwohl, der Jerusalemer Frauenkreis hat das Kunststück bewerkstelligt und traf sich des Morgens fröhlich tratschend in Jerusalem, um mit dem bereits etwas altersschwachen und klapprigen Gemeindebus die Fahrt nach Netanya in Angriff zu nehmen. Nicht einmal die defekte Klimaanlage konnte die gute Stimmung trüben und auf dem Gelände von Ikea gelang es der Gruppe sogar einen Parkplatz zu ergattern, was nicht selbstverständlich ist.
Am Shabbat und an Feiertagen sollte man beispielsweise einen Besuch bei Ikea vermeiden, da halb Israel die Festtage dort zu verbringen scheint. Vielleicht ist das auch der geheime Grund, weshalb Palästinenser in der Regel keine Genehmigung erhalten, ohne triftigen Grund nach Israel einzureisen: es würde dann einfach zu voll bei Ikea. Obwohl man andererseits auch den unkoscheren und relativ preiswerten Räucherlachs durchaus als triftigen Grund betrachten könnte.

 

Der Bus ist weg!


Doch soweit kamen unsere Frauen gar nicht vor lauter shoppen. Also beschlossen sie, die zahlreichen Einkaufstüten in den Gemeindebus zu verbringen und sodann den Ausflug mit einem gemeinsamen Abendessen zu krönen.
Doch auf dem Parkplatz mussten sie feststellen, dass der fahrbare Untersatz nicht mehr da war. Also strömten sie aus, um den Parkplatz systematisch nach dem - eigentlich nicht zu übersehenden, da knallroten - VW-Bus zu durchsuchen, mit dem Erfolg, dass hernach auch noch einige Einkaufstüten verschwunden waren. Gestohlen? Als verdächtiges Objekt in die Luft gesprengt? Die Tüten fanden sich wieder am „Lost and Found“ Schalter, aber der VW-Bus blieb verschwunden.

Doch als die Frauengruppe den Ikea Sicherheitsdienst bedrängte sich des Problemes anzunehmen, erntete sie zunächst ein mitleidiges Lächeln und den Verdacht nicht mehr zu wissen, wo der Wagen denn geparkt sei. Da die Damen sich aber nicht so leicht abschütteln ließen, erbarmte sich ein Sicherheitsbeamter und unternahm eine Suchfahrt über den Parkplatz - mit negativem Ergebnis. Der Bus war und blieb verschwunden.

"Doch wer sollte den Diebstahl anzeigen? Die Palästinenserinnen? Um selbst durchsucht, gecheckt oder gar verdächtigt zu werden? Die Ausländerinnen? Wie sollten sie erklären in einem Wagen, der nicht ihnen gehört, unterwegs zu sein? Und den Zusammenhang mit den anderen Frauen? Und das Ganze einem äthiopischen Polizisten, der nicht des Englischen mächtig ist?"

Nun gab es nur noch eines: den Gang zur Polizei. Doch wer sollte den Diebstahl anzeigen? Die Palästinenserinnen? Um selbst durchsucht, gecheckt oder gar verdächtigt zu werden? Die Ausländerinnen? Wie sollten sie erklären in einem Wagen, der nicht ihnen gehört, unterwegs zu sein? Und den Zusammenhang mit den anderen Frauen? Und das Ganze einem äthiopischen Polizisten, der nicht des Englischen mächtig ist?

Schließlich fand sich eine Frau mit deutschem Pass und israelischen Papieren, die die Aufgabe der Schadensaufnahme übernahm, was sich etwas schwierig gestaltete, da die Wagenpapiere sich im gestohlenen Wagen befanden und der Polizist immer wieder den Namen der Anzeigenden als Besitzerin eintragen wollte. Als auch diese Hürde genommen war, belohnten sich die wackeren Frauen erst einmal mit einem Essen, um dann mit dem Taxi zurück gen Jerusalem zu fahren (immerhin war dies angenehmer, als mit dem Bus) und den herben Verlust zu melden.



 

Altersschwach und mit 240 000 Kilometern


Eine Frage blieb allerdings noch offen: wer stiehlt einen altersschwachen VW-Bus mit 240.000 Kilometern auf dem Tachometer? Wer hat Interesse an einem deutschen Modell, bei dem die israelischen Ersatzteile nicht passen? Diese Frage klärte sich zwei Tage später. Da war der Bus nämlich wieder da. Nach der Schadensanzeige hatte nämlich unser Versicherungsagent seine Leute losgeschickt. Für eine geschätzte Summe von nur 5000.- Schekel (knapp 1000.- Euro) waren die Kleinkriminellen, die den Bus gestohlen hatten, bereit ihn zurückzuverkaufen.

Und alle waren glücklich: zuallererst der Versicherungsagent, den dieses Geschäft wesentlich billiger kam, als den Zeitwert auszuzahlen, sodann die deutsche Gemeinde, weil wir unseren Bus wieder hatten und die Autoschieberbande sowieso.

         

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