Jerusalemer Tagebuch (29.07.05)
Die Giraffe von Kalkilija - Wandel in einer eingeschlossenen Stadt
Jörg Bremer
im Zoo von Kalkilija
von Jörg Bremer, FAZ, mit freundlicher Genehmigung des Autors
KALKILIJA, im Juni. Der Zoo in Kalkilija stammt aus einer besseren Zeit, in der die Stadt für ihre israelischen Nachbarorte noch offen war. Mittlerweile ist die Stadt so umgittert wie der Zoo. Es gab Monate während der israelischen Belagerung der Stadt, in denen die Tiere nicht mehr ernährt werden konnten. Auf dem Fußballplatz neben dem Zoo ließen die Israelis in den vergangenen Jahren bisweilen ihre Panzer auffahren.
Viel Platz haben die Tiere im einzigen Zoo in den palästinensischen Gebieten nicht. Drei Braunbären drängen sich zwischen Zaun und Wasserpfütze, Geparde und Löwen haben jeden Bewegungsdrang verloren. In Kalkilija ist man schon mit wenig zufrieden. Kinder planschen im Zoo in einem halb gefüllten Schwimmbecken.
„Hinter der Glastür zum Zoo-Museum steht ein ausgestopfter Braunbär. Er scheint die Tür verriegelt zu halten. "Das ist es nun einmal, mehr gibt es hier nicht zu sehen", sagt der junge Mann an der Kasse beim Abschied und lächelt müde.“
Hinter der Glastür zum Zoo-Museum steht ein ausgestopfter Braunbär. Er scheint die Tür verriegelt zu halten. "Das ist es nun einmal, mehr gibt es hier nicht zu sehen", sagt der junge Mann an der Kasse beim Abschied und lächelt müde. Und dabei werde es wohl auch bleiben.
Politische Veränderungen
Dabei liegt in Kalkilija Veränderung in der Luft. Bei der Kommunalwahl am 5. Mai gingen dreißig Jahre Herrschaft der Fatah zu Ende - jener Gruppe in der PLO, die von Jassir Arafat geführt wurde und an deren Spitze nun der neue Präsident Abbas steht. Alle 15 Sitze im Gemeinderat fielen an Islamisten. Noch hängen die Wahlplakate an den Mauern. Das grüne, auf dem sich mehrere Hände wie zum Schwur über den Koran legen, war das erfolgreichste.
Inseldasein
Wie eine Nase ragt die palästinensische Stadt Kalkilija nach Israel hinein. Einst war man schnell in Kfar Saba auf der israelischen Seite und in Tel Aviv, doch seit 2003 ist die Kleinstadt von Mauer und Zaun umschlossen. Nur über die Straße nach Osten und eine Unterführung nach Südosten, die unter einer Straße zu israelischen Siedlungen hindurchführt, kann die Bezirkshauptstadt Kontakt zu ihren Gemeinden halten. Siedlungen wie Zufin im Nordosten und Alfei Menasche im Südosten lassen Kalkilija keinen Raum zum Wachstum in die besetzten arabischen Gebiete hinein.
Die Israelis können zudem die Stadt mit zwei Panzern auf den beiden Ausfallstraßen wieder einschließen, so wie sie es während der zweiten Intifada taten. Damals hielt Israel die 45000 Einwohner bisweilen für Wochen eingeschlossen.
„Kalkilija gilt als tolerant und offen. Einst kamen die Israelis hierher, um in den Gärtnereien Blumen und auf dem Markt ihr Gemüse zu kaufen. Das nutzten Terroristen aus Dschenin oder Tulkarm und machten Kalkilija zu ihrer Basis für Anschläge.“
Kalkilija gilt als tolerant und offen. Einst kamen die Israelis hierher, um in den Gärtnereien Blumen und auf dem Markt ihr Gemüse zu kaufen. Das nutzten Terroristen aus Dschenin oder Tulkarm und machten Kalkilija zu ihrer Basis für Anschläge. Früher lebte die Stadt von Landwirtschaft. Doch wie Chaled Abu Scheich geht es heute den meisten Bauern: "Nur zwei von meinen acht Dunam Land liegen auf dieser Seite des Zauns. Ich könnte zu meinem Boden da drüben, doch ich muss erst über die Straße nach Osten aus der Stadt heraus. Insgesamt 90 Minuten Weg für eine Strecke. Und für wen soll ich dort Gemüse anbauen? Meine israelischen Kunden sind weg. Von den palästinensischen Marktpreisen kann ich schon jetzt kaum leben." Früher gingen auch viele Männer aus Kalkilija zur Arbeit nach Israel. "Das ist heute kein Wirtschaftsfaktor mehr", sagt Vizegouverneur Samih Naser. "Die Israelis nehmen uns nicht mehr." Ganz allmählich aber kämen zumindest die israelischen Araber wieder zum Einkaufen zurück. Das sei das einzige, was derzeit erfreulich sei.
Fatah
Naser gehört seit den siebziger Jahren zur Fatah. Er ist nun einer der Verlierer bei der Kommunalwahl. Die Fatah hatte es für selbstverständlich gehalten, dass die Stadt weiterhin ihr gehören würde. Nun sucht Naser nach den Gründen für die Niederlage. Fatah sei keine Partei, sondern eine breite Bewegung mit gegensätzlichen Strömungen. So stehe Präsident und PLO-Führer Abbas für den Dialog mit Israel, während Fatah-Chef Kaddumi dagegen sei.
„'Wir stehen für den Versuch von Frieden. Oslo aber hat den Bürgern von Kalkilija nur die Mauer gebracht, wirtschaftliche Einbußen. Es gab keine Friedensfrüchte.' Die islamistische Hamas habe daraus ihren Nutzen gezogen.“
"Aber die Fatah-Beamten der Stadt haben sich auch falsch zu den Bürgern verhalten; arrogant, oft ungerecht und auf sich selbst bedacht", gibt Naser zu. Fatah habe zudem darunter zu leiden, dass Israel nicht die Verträge von Oslo einhalte. "Wir stehen für den Versuch von Frieden. Oslo aber hat den Bürgern von Kalkilija nur die Mauer gebracht, wirtschaftliche Einbußen. Es gab keine Friedensfrüchte." Die islamistische Hamas habe daraus ihren Nutzen gezogen. "Die hat ein klares Profil." Probleme werde es aber "mit denen" nicht geben: "Wir sind alle ein Volk."
Hamas
Der neue Bürgermeister ist ein Korangelehrter. Scheich Wajis nennen sie den 39 Jahre alten Mann, der 70 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Noch sitzt Wajis Kawas in israelischer Verwaltungshaft. Seit drei Jahren halten ihn die Israelis ohne Anklage und Urteil nach britischen Mandatsregeln fest. Weil er seit Jugendtagen an einer Herzkrankheit leidet und nun demokratisch gewählt wurde, hofft die Stadt, dass er am 23. Juni frei kommt, wenn wieder eine Haftfrist für ihn endet. "Er sitzt, weil er Standpunkt und Gewissen hat", sagt sein Stellvertreter Haschem al Masri, ein Apotheker mit dem gestutzten Bart des Islamisten.
„Doch sagt der Vizegouverneur, Abbas sei im Gegensatz zu Arafat ein Realist und Pragmatiker, "und darum verehre ich Abbas mehr."
In seinem Büro sorgt der Luftkühler für eisige Kälte. Die Fatah-Pokale der Vergangenheit sind Bildern von Scheich Jassin, dem Hamas-Gründer aus dem Gazastreifen, und Fotos von seinem Nachfolger Rantisi gewichen. Beide werden als "Märtyrer" gepriesen, weil sie, die in vielfachen Mord verstrickt waren, von israelischen Raketen getötet wurden. Wie beim Vizegouverneur ist da noch ein Bild des verstorbenen Präsidenten Arafat zu sehen. Nachfolger Abbas wird so nicht gewürdigt. Doch sagt der Vizegouverneur, Abbas sei im Gegensatz zu Arafat ein Realist und Pragmatiker, "und darum verehre ich Abbas mehr".
Das Volk will Transparenz
Der islamistische Apotheker sieht in der Wahl der Hamas keine Protestwahl. "Das nationale Projekt der Fatah funktioniert einfach nicht." Es gehe nicht ohne islamische Erneuerung. Das Volk wolle weder Materialismus noch Kapitalismus, "es will Transparenz, Zuverlässigkeit und gerechte Verteilung". Masri gibt zu, dass man die städtischen Projekte der alten Machthaber fortsetzen werde, aber "aktiver und besser". Wird Hamas weiter mit den Israelis in Fragen von Strom und Wasser Kontakt halten? "Wenn es um die Interessen der Stadt geht, koordinieren wir natürlich - aber nichts Politisches." Bestätige Hamas damit nicht die Existenz Israels? "Ich muss Israel doch nicht anerkennen, wenn es um Strom und Wasser geht. Wir sind Teil der palästinensischen autonomen Gebiete, frei und demokratisch gewählt. Da muss Israel natürlich mit uns reden."
„Dahinter verläuft die israelische Schnellstraße Nr. 6, von der aus die Mauer wie ein Lärmschutzwall erscheinen könnte, wären da nicht die Aussichtstürme der israelischen Armee. "Zu leben heißt Widerstand zu leisten", lautet ein Graffiti auf der arabischen Seite der Trennmauer.“
Die von israelischen Panzern plattgefahrenen Verkehrsinseln in Kalkilija sind längst wieder neu errichtet. Palmen und blühende Mimosen schmücken sie. Die vielen Gärtnereien der Stadt, die kaum mehr israelische Kunden haben, beliefern nun ihre Gemeinde. Blumen blühen selbst noch auf der letzten Verkehrsinsel jener Kfar-Sava-Straße, die nach Südwesten aus der Stadt herausführt und dann abrupt an der Mauer endet. Dahinter verläuft die israelische Schnellstraße Nr. 6, von der aus die Mauer wie ein Lärmschutzwall erscheinen könnte, wären da nicht die Aussichtstürme der israelischen Armee. "Zu leben heißt Widerstand zu leisten", lautet ein Graffiti auf der arabischen Seite der Trennmauer.
Widerstand oder Terror?
Im Rathaus möchte man eigentlich nichts mit Politik zu tun haben. Nidal Dschalud, für die Pressearbeit zuständig, sagt sogar: "Privat sind doch die Israelis sehr, sehr nette Leute, ganz normal. Nur wenn es um ihre Sicherheit geht, werden sie hartherzig." Aber das ist nicht der ideologische Zugang des Apothekers Masri. Er wirft den Europäern vor, von "der Propaganda der Israelis zu leben". Israel spreche von Terror, wenn es um Widerstand gehe. Der Dissens in der Stadt ist deutlich. Vizegouverneur Nasar meint: "Ich möchte keine neue Intifada, Israel würde das weiter ausnutzen, neue Siedlungen bauen, noch mehr Land nehmen. Die Gewalt nutzt doch nur Israel." Hamas sei vielleicht durch die Intifada stärker geworden, aber insgesamt sei das palästinensische Volk geschwächt. Masri macht eine andere Rechnung auf: "Gewiss, der Kampf soll möglichst wenige Opfer kosten", sagt er. "Aber was sollen wir denn tun, wenn Israel das Land vollständig besetzt hält und unsere Söhne und Brüder tötet? Wenn Großbritannien besetzt wäre, würden die Briten auch kämpfen."
Die Wähler in der Stadt wollten Hamas, weil die "effizienter arbeiten und gute Sozialdienste unterhalten", sagt jemand auf der Straße. Aber für Masri im Rathaus gibt es offenbar noch eine andere Agenda - jenseits der Interessen seiner Stadt. Dabei geht es ihm offenbar auch nicht um die Mauer, die Kalkilija einschnürt. Von der spricht Masri nicht. Er redet über islamische Bewegungen und die westlichen "Besatzungsdiktaturen" in Afghanistan oder dem Irak. Die anderen Gesprächspartner der deutschen Besucher teilten nur Fakten mit, wollen ihre Gäste unterrichten. Masri will seine Besucher überzeugen und hält sie für einen längere ideologische Belehrung fest. Es ist schwer, aus Kalkilija in die Ferne zu blicken. Das lädt zum ideologischen Blick nach innen ein. Nicht einmal der Hals der einzigen Giraffe im Zoo ist lang genug, um über die Mauer und die bedrängte Wirklichkeit von Kalkilija hinwegzusehen.








