Jerusalemer Tagebuch (08.07.05)
Impressionen aus Istanbul - EU-Beitritt der Türkei aus religiöser Sicht (Teil 2)
Geschlossenes Priesterseminar Halki
Namenstafeln Hagia Sophia
Christus unter Putz
Fortsetzung vom 4.7.2005:
Am 17. Dezember 2004 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Brüssel, dass die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei am 3. Oktober 2005 beginnen sollen. Doch welche Kriterien soll man denn an eine mögliche EU-Mitgliedschaft der Türkei anlegen: politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gar religiöse?
III. Verschiedene Meinungen:
Rainer Hermann, Korrespondent der FAZ, ist optimistisch, er sieht im aufgeklärten türkischen Islam einen Ersatz für das gescheiterte Modell des Euroislam. Und er hat gute Gründe dafür, die er an drei Namen festmacht: Pacaci, Gülen und Erdogan:
Pacaci ist einer der modernen Theologen der Ankaraner theologischen Fakultät, an der der Islam mit den modernen Methoden der Hermeneutik ausgelegt wird. Wissenschaft und Theologie sind, anders als in der arabischen Form der Koranexegese, keine sich ausschließenden Disziplinen mehr.
"... der Islam sei kein Hindernis für die Demokratie, diese benötige vielmehr eine metapysische Dimension, weshalb man zugleich politisch Demokrat und kulturell Muslim sein könne."
Gülen ist kein Theologe, sondern ein einflussreicher Prediger, der das Konzept eines modernen Islam in der Gesellschaft entwickelt hat und propagiert. Er meint, der Islam sei kein Hindernis für die Demokratie, diese benötige vielmehr eine metapysische Dimension, weshalb man zugleich politisch Demokrat und kulturell Muslim sein könne.
Der dritte im Bunde ist Erdogan, der türkische Ministerpräsident. Hermann sieht drei Phasen der Entwicklung:
- den kämpferischen Islamismus in den späten sechziger Jahren in der Opposition gegen die zentralistische Modernisierung.
- Aufstieg und Scheitern Erbakans in den neunzigern und der Aufbau einer Zivilgesellschaft, in der die Islamisten erstmal über eigene Räume verfügen.
- Übergang zum Postislamismus, da Erdogan einsieht, dass man mit einem islamistischen Programm keine Wahlen gewinnen kann.
So weit so gut. Doch das neue Gesicht des türkischen Islam vermag nicht jeder so zu erkennen. Kritischer steht der EU-Botschafter für die Türkei, Hansjörg Kretschmer der Sache gegenüber. Immer wieder betont er im Gespräch, dass die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ergebnisoffen geführt werden und bringt einen weiteren Aspekt ein: sollten diese Verhandlungen scheitern, so könnte dies das Renommee der Türkei bei den anderen islamischen Ländern erhöhen und das Entréebillet für die Gemeinschaft der arabischen Staaten darstellen.
"Wohl ist der Islam keine Staatsreligion, doch das Amt für religiöse Angelegenheiten „Dianet“ finanziert den sunnitischen Islam im Lande, entsendet die Imame beispielsweise auch nach Deutschland und gibt sogar die Predigten beim Freitagsgebet vor."
Gradmesser der Entwicklung in der Türkei ist hierbei für Kretschmer die Entwicklung und Beachtung der Menschenreche und insbesondere die Freiheit der Kirchen im Lande. Wohl ist der Islam keine Staatsreligion, doch das Amt für religiöse Angelegenheiten „Dianet“ finanziert den sunnitischen Islam im Lande, entsendet die Imame beispielsweise auch nach Deutschland und gibt sogar die Predigten beim Freitagsgebet vor. Eine Staatsbehörde mit eminent politischer Bedeutung und religiösem Einfluss, was natürlich fragen lässt, wie weit es in der Türkei mit dem Laizismus tatsächlich her ist. Testfrage ist hierbei immer die Frage nach dem Status der nichtislamischen Religionsgemeinschaften im Lande und da sieht es mau aus.
"... nichtislamische Religionsgemeinschaften (...) haben weder einen eigenen Rechtsstatus, weshalb sie kein Eigentum besitzen können, noch eigene Ausbildungsstätten (das Priesterseminar der orthodoxen Kirche auf Halki ist seit Jahrzehnten vom Staat geschlossen), noch können sie Religionsunterricht erteilen."
Diese, Juden und Armenier ausgenommen, könnnen nicht einmal Gebetsstätten errichten, lediglich „Gemeindehäuser“, und die immerhin bis zu 20 Millionen starke Gruppe der Alewiten wird lediglich als kulturelle Minderheit behandelt, nicht aber als religiöse Gemeinschaft anerkannt. Diese Gemeinschaften haben weder einen eigenen Rechtsstatus, weshalb sie kein Eigentum besitzen können, noch eigene Ausbildungsstätten (das Priesterseminar der orthodoxen Kirche auf Halki ist seit Jahrzehnten vom Staat geschlossen), noch können sie Religionsunterricht erteilen.
Das Argument der türkischen Behörden, mit dem dies gerechtfertigt wird, ist verblüffend: Religionsfreiheit im westlichen Sinne kann im türkisch-laizistischen Staat nicht gewährt werden, da sie dann auch für den fundamentalistischen Islam gelten müsste. Dieser würde aber bald eine Mehrheit finden und so das Ende des Laizismus einläuten.
Säkularismus in der Türkei bedeutet also Eindämmung und Kanalisierung des Islam und keinesfalls Äquidistanz zu allen Religionen, wie das etwa in Frankreich der Fall ist.
Eine Erfüllung der EU-Kriterien für einen Beitritt könnte die türkische Nation spalten und ist deshalb ungewiss.
IV. Vorläufiges Fazit:
Besonderes Gewicht kommt der Tatsache zu, dass Bundeskanzler Schröder bei seinem Türkeibesuch ganz bewusst den ökumenischen Patriarchen Bartholimäus besucht habe, der im eigenen Lande wie im Exil leben muss.
Und auch der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau nahm kein Blatt vor den Mund, als er anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Middle East-Technical University in Ankara am 6. April 2000 sagte:
„Das osmanische Reich hatte eine große Tradition religiöser Toleranz. Helmuth von Moltke, der spätere preußische Generalfeldmarschall, kam 1835 als junger Hauptmann für vier Jahre als Militärberater in die Türkei.
In seinen Briefen berichtet er von einer Audienz beim Sultan im Jahre 1837. Dieser erklärte: "Ihr Griechen, Ihr Armenier, Ihr Juden seid alle Diener Gottes und meine Untertanen so gut wie die Moslems. Ihr seid verschieden im Glauben, aber Euch alle schützen mein Gesetz und mein kaiserlicher Wille."
Zwei Jahrhunderte später müssen wir den "Untertan" durch den "Staatsbürger" und den "kaiserlichen Willen" durch den "demokratischen Souverän" ersetzen. Dann ist das ein Satz, den sich Mitglieder und Kandidaten der Europäischen Union gleichermaßen zu Herzen nehmen können und sollten.“*)
"Mich jedenfalls erinnert der Laizismus in der Türkei an die Namen der Kalifen, die nachträglich auf großen Holztafeln in der Hagia Sophia angebracht wurden, um den Sieg des Islam über das Christentum zu symbolisieren. Doch wo immer man an den Wänden kratzt, tauchen christliche Fresken und Mosaiken auf."
Mich jedenfalls erinnert der Laizismus in der Türkei an die Namen der Kalifen, die nachträglich auf großen Holztafeln in der Hagia Sophia angebracht wurden, um den Sieg des Islam über das Christentum zu symbolisieren. Doch wo immer man an den Wänden kratzt, tauchen christliche Fresken und Mosaiken auf.
So verhält es sich meines Erachtens auch mit dem Islam in der nur scheinbar säkularen Türkei.
*) Zitat aus der Ansprache "Die Türkei auf dem Weg nach Europa" des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau








