Jerusalemer Tagebuch (24.06.05)

 

Immer Schneller - Die Schneller Schule und anderes deutsches Erbe in Israel

Schule

Fenster

Innenhof

Haus

Im Jahre 1860 erwarb Ludwig Schneller ein Grundstück außerhalb der Altstadt Jerusalems. Trotz lebensgefährlicher Überfälle errichtete er hier das - nach der damaligen osmanischen Provinz - so genannte Syrische Waisenhaus. Aller Anfang war schwer, die ersten Waisenkinder musste er sogar aus dem Libanon holen. Doch damit begann eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen, die man den traurigen Überrresten heute kaum noch ansieht. Nach dem ersten Weltkrieg zählte die damals bedeutendste Bildungseinrichtung im osmanischen Reich auf einer Fläche, größer  als die Altstadt Jerusalems, über 50 Gebäude. Heute geht es nur noch um den Erhalt von acht Häusern.

Es ist schwierig, in die Schnellerschule zu gelangen, denn heute dient sie der israelischen Armee als Stützpunkt, und man braucht eine Genehmigung, um hineinzugelangen. Auch darf in dem militärischen Komplex nicht alles photographiert werden. Aber die Mühe lohnt sich. Was früher eine der erste Ansiedlungen außerhalb der sicheren Altstadtmauern war, liegt heute mitten in der Stadt, im jüdisch-orthodoxen Viertel Mea Shearim.
Überall ist es eng, die Straßen sind verstopft und die Menschen brauchen Wohnraum. Also hat die Armee beschlossen, sich in zwei Jahren aus diesem unpraktischen Standort zurückzuziehen.

Nun haben aber orthodoxe Juden, die Stadtverwaltung Jerusalems und neuerdings auch Denkmalschützer ganz unterschiedliche Vorstellungen von der Entwicklung des Geländes nach einem Abzug der Armee.

 

Die Müllhalde der Geschichte und Kleinode liegen nah beieinander


Bei meinem ersten Besuch auf dem Gelände war noch so manches unklar. Klar war lediglich, in welch erbärmlichem Zustand sich die Gebäude befinden. Die ehemalige Kirche wurde erst zur Sporthalle, dann zur Müllhalde umfunktioniert, der Aufgang ist baufällig und auch von den Werkstätten und der berühmten Jerusalemer Dampfziegelei ist nicht mehr viel zu sehen. Es gibt aber auch Highlights wie das einzige vollständig aus Ziegelsteinen gebaute „Musterhaus“ im Nahen Osten, und in einer Schreibstube des Bezirkskommandos entdecken wir wunderschön bemalte Fliesen und ein Jugendstilfenster.

Gil Gordon und Isaac Shweky, um nur zwei der Protagonisten des Rates zur Bewahrung von historischen Gebäuden und Geländen zu nennen, verfolgen die Entwicklung genau und kritisch. Sie wollen das deutsche historische Erbe im Land bewahren.

 

Bewahrung des deutschen Erbes in Israel


So kümmern sie sich beispielsweise um die alte deutsche Kirche in Waldheim, heute ein Kibbuzlagerhaus, in der ein Kulturzentrum für die lokale Bevölkerung entstehen soll, dokumentieren das von deutschen Juden gegründete Stadtviertel Rechavia, in welchem sich auch die ehemalige Villa von Salman Schocken befindet (vgl. JTB vom 13.03.04) und eben um das einen Hektar umfassende Areal der Schneller Schule.

"... so kann man getrost von einem neuen Paradigma in der israelischen Wahrnehmung der Geschichte des Landes sprechen"

Nimmt man dies zusammen mit der Tatsache, dass die alten Templerhäuser in der ehemaligen Siedlung Sarona, die heute mitten in Tel Aviv an einer befahrenen Straße gegenüber dem Armeehauptquartier liegen, unter großen Kosten einhundert Meter hydraulisch verschoben wurden, aber auch den Bemühungen der Gruppe Zochrot (vgl. JTB vom 04.06.05), so kann man getrost von einem neuen Paradigma in der israelischen Wahrnehmung der Geschichte des Landes sprechen.

"Man kann und will sich nicht länger der Erkenntnis entziehen, dass auch andere Religionsgemeinschaften und Volksgruppen am Aufbau und der Besiedlung des Landes ihren Anteil hatten und haben."

Nachdem die sogenannten Neuen Historiker so manchen Gründungsmythos des Staates Israel zerstört hatten, wird nun die nichtjüdische Geschichte des Landes aufgearbeitet. Man kann und will sich nicht länger der Erkenntnis entziehen, dass auch andere Religionsgemeinschaften und Volksgruppen am Aufbau und der Besiedlung des Landes ihren Anteil hatten und haben. Dafür spricht auch, dass die größte Besuchergruppe der evangelischen Himmelfahrtkirche auf dem Ölberg mittlerweile Israelis sind, die sich fasziniert von der Geschichte der deutschen Gemeinde im Lande zeigen.
Doch zurück zur Schneller Schule. Auf ihrem Gelände soll nunmehr ein Wohngebiet für eben diejenige Bevölkerungsgruppe gebaut werden, die für historische Feinheiten, geschweige denn für christliches Erbe und dessen Bewahrung, wohl am wenigsten Sinn hat, nämlich für die orthodoxen Juden des umgebenden Mea Shearim. Nach langem Ringen sollen hier Wohnblocks entstehen, um einen parkähnlichen Steifen gruppiert, der die historischen Gebäude sowie Grünflächen und Spielplätze enthält.

Auch die Kirche soll wiederhergestellt werden und eine öffentliche Einrichtung, vielleicht einen orthodoxen Kindergarten beherbergen. Ob dann allerdings die Bibelverse an den Türstürzen oder das Lamm mit der Siegesfahne an der Frontfassade Bestand haben oder abschlagen werden, ist dahingestellt. „Ansonsten können wir ja einen Abguss der Fassade im Israel Museum aufstellen“, meint Gil Gordon lakonisch und es klingt etwas resigniert.

       

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