Jerusalemer Tagebuch (12.06.05)
Nautisches und Maritimes - die Gorch Fock in Israel
Manchmal hat es schon Vorteile, in Jerusalem zu leben. An diesem Nabel der Welt braucht man bisweilen einfach nur zu warten, wer zu Besuch kommt. Und das sind nicht wenige. Amtierende und abgesetzte Minister, Staatsoberhäupter, Kirchenfürsten und gekrönte Häupter, Schauspieler und Literaten, sie alle geben sich hier ein Stelldichein. Zuletzt kam sogar ein ganzes Schiff mitsamt Admirälen an der Küste Israels an.
Beeindruckend, wie sie da im Hafen von Haifa liegt, die mir vom alten Zehnmarkschein bekannte Gorch Fock, das Segelschulschiff der Bundesmarine. Vom Stapel lief sie 1958 in Hamburg. Benannt ist sie nach dem (zumindest in Norddeutschland) bekannten niederdeutschen Schriftsteller gleichen Namens, der 1915 in der Seeschlacht am Skagerrat sein Leben ließ.
Geschichtliches
Genauer gesagt handelt es sich allerdings um die Gorch Fock II, die Gorch Fock I wurde 1945 im Strelasund westlich von Rügen versenkt, damit sie nicht der anrückenden sowjetischen Armee in die Hände fiel. Doch 1947 wurde sie wieder gehoben und diente als Segelschulschiff der Handelsmarine der Sowjetunion unter dem Namen "TOWARISCHTSCH" (Kamerad) mit Heimathafen Kherson (Ukraine). Erst 2003 kehrte sie wieder nach Stralsund zurück (mehr zur Gorch Fock I). Doch das ist nur eine der vielen Geschichten, die man über dieses Schiff und seine Schwesterschiffe erzählen könnte. Deshalb zurück in die Gegenwart und weg vom Seemannsgarn.
Badische Landratten an Bord
Nachdem wir die Kontrollen am Eingang zu Frei- und Marinehafen überwunden und das Schiff gefunden haben, winkt der deutsche Marineattachée uns badische Landratten an Bord. Bei ihm sind wir in guter Gesellschaft, denn er stammt aus Bayern. Zunächst einmal erschrecken wir ganz furchtbar, als wir zur Begrüßung mit schrillen Trillerpfeifen angepfiffen werden, aber das ist beim Besuch offizieller Gäste der Marine so Brauch, lasse ich mir sagen, wie ich mir überhaupt viel sagen lasse bei diesem Besuch. Einer der Mannschaftsgrade geleitet uns zu einem der Offiziere, alle in eleganter weißer Uniform, die von Vertretern des Heeres gerne despektierlich als „Eisverkäuferuniform“ bezeichnet wird.
Dieser erklärt uns sogleich das blank gewienerte Schiff. Wobei Schiff schon wieder die falsche Bezeichnung ist, handelt es sich bei der Gorch Fock doch für Seeleute offensichtlich um eine Bark, d.h. Fock- und Großmast sind rahgetakelt, während der Besan gaffelgetakelt ist und Schratsegel führt. Die Höhen des Fock- und Großmastes betragen jeweils 45,30 m, die des Besans 40 m. Die Bramstengen der beiden vorderen Masten sind zum Fieren eingerichtet. Alles klar?
Schwimmende Botschaft
Wir werden leibhaftigen deutschen und israelischen Admirälen vorgestellt und erfahren von der Mannschaft, dass es an jedem Morgen um fünf Uhr raus geht, um das Schiff für den nächsten der vielen Empfänge an Bord auf Hochglanz zu bringen. Und das ist bestens gelungen: in edlem Holz, mit vielen Messingbeschlägen liegt sie da im Hafen, die Gorch Fock, ausgestattet, als sei sie eigens für Empfänge und Buffets gebaut.Doch die rauhe Wirklichkeit für die 180-köpfige Besatzung sieht anders aus. Als ich, beeindruckt von der Computerisierung im Kartenhaus, einen Matrosen frage, ob denn auch die Segel nunmehr vollautomatisch gesetzt würden, zeigt er mir nur wortlos seine schwieligen Handflächen.
"Wie als Kontrast liegt gegenüber am Kai eines der drei von der Bundesrepublik an Israel gelieferten U-Boote der Delphin Klasse, gebaut in Kiel. Es heißt, die Israelis hätten die Harpoon Raketen dieser U-Boote mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet, so dass diese mit 15.000 Kilometer Reichweite beispielsweise auch den Iran erreichen könnten."
Wie als Kontrast liegt gegenüber am Kai eines der drei von der Bundesrepublik an Israel gelieferten U-Boote der Delphin Klasse, gebaut in Kiel. Es heißt, die Israelis hätten die Harpoon Raketen dieser U-Boote mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet, so dass diese mit 15.000 Kilometer Reichweite beispielsweise auch den Iran erreichen könnten. Ein Argument, das in der Debatte um das Nuklearprogramm Teherans immer wieder drohend ins Feld geführt wird. Leider kann man das U-Boot nicht besichtigen, so dass ich mir diesbezüglich kein eigenes Bild machen kann, habe aber an diesem Tag viel über Schiffe und Seekriegsführung gelernt.
Als wir am späten Abend diese schwimmende Botschaft verlassen, merke ich erst, wie das Schiff die ganze Zeit über sachte rollte. Wahrscheinlich habe ich mich mit diesem Besuch nicht für die Schiffahrtsseelsorge qualifiziert und werde in Zukunft wohl mit badischen Binnenhäfen vorlieb nehmen müssen. Aber da hat es bekanntlicherweise ja weder Barken noch U-Boote.
Freunde der christlichen Seefahrt finden hier zusammenfassend die wichtigsten Daten der Gorch Fock und ihrer vier Schwesterschiffe.
Abmessungen:
Länge (ohne Bugspriet)
81,25 m
Länge über Bugspriet
89,32 m
Tiefgang (mittlerer)
5,25 m
Breite
12,00 m
Höhe Großmast
45,50 m
Größte Rahlänge
24,00 m
Segelfläche
2037 qm
Verdrängung
1760 t
Schiffsdiesel:
1660 PS
Geschwindigkeiten:
unter Maschine max.
12 kn
unter Segel max.
16 kn
Besatzung
Offiziere
12
Portepeeunteroffiziere
14
Unteroffiziere
27
Mannschaften
24
Lehrgangsteilnehmer
max. 160








